Mercedes-Benz Tourrider goes Amerika

Daimler will in Nordamerika neu durchstarten. Nach jahrelangem Vertrieb der Marke Setra kommt jetzt die Weltmarke Mercedes-Benz ins Spiel.

Gelingen soll der Neustart mit dem Modell Mercedes-Benz Tourrider – inklusive doppeltem Angebot für Kunden. „Wir haben früh gemerkt, dass unsere Fahrzeuge in den USA sehr schnell mit der Marke Mercedes-Benz und dem dreizackigen Stern assoziiert werden. Viele Kunden schmücken sogar schon lange ihre Setra-Busse mit dem Sternenlogo“, erklärt Daimler Buses Leiter Till Oberwördert.

Beim Design geht Daimler kein Risiko ein und orientiert sich überwiegend am europäischen Tourismo. Der Tourrider bekommt allerdings eine komplett neue Front. Der stilisierte Kühlergrill wirkt deutlich graziler und hochwertiger als der vom Tourismo, aber auch als der vom kürzlich vorgestellten Intouro, vom dem er wiederum die mittige, vertikale Lichtkante übernommen hat. Das Ergebnis ist durchaus gelungen, zumal zusätzlich der Spagat gelingen musste, aus der in Europa eher für den Standard-Reisebus zuständigen Marke mittels einer Spreizung vom bodenständigen, konservativ-amerikanischen Arbeitstier bis zum luxuriösen, extravagant-europäischen Luxusbus alle Kundenwünsche abzudecken.

Neben der schon lange praktizierten Zwei-Marken-Plattformstrategie haben sich die Stuttgarter und Neu-Ulmer Produktstrategen schon seit einigen Jahren darin geübt, durch gezielte Design- und Ausstattungsanpassungen aus einem Fahrzeug zwei oder mehr völlig verschiedene Anwendungsfälle und Kundenbedarfe zu bedienen.

Tourrider Business und Premium

Stephan Handt, seit 2019 für das Design der Daimler-Busse zuständig, konnte erstmals ein neues Fahrzeugprojekt „from scratch“ verantworten. Natürlich nach den US-Vorgaben. „Für uns sind diese Gesetzesthemen alltäglich, ganz egal, ob wir einen Bus für Europa oder Nordamerika gestalten. Unsere Kreativität ist hier besonders gefragt, und wir stellen uns diesen Herausforderungen gern, ohne sie als Einschränkung zu empfinden“, erläutert er. Auffällig ist dabei, dass das als Tourrider Business bezeichnete Einstiegsmodell deutlich amerikanischer daherkommt als sein hochwertiger Bruder: Kalottenscheinwerfer vorn und hinten, wuchtige Stoßstangen, klassische Spiegel und das Reisebus-Cockpit Basic Plus aus dem europäischen Modell Tourismo. Innen geht es auch etwas frugaler zu mit den Travel-Star-Eco-Sitzen, die deutlich stabiler gebaut sind, da sie in den USA Kräfte von bis zu 20 g aushalten müssen. Gekrönt wird das Design im Heck mit einem schwarz verkleideten Schild mit horizontalen Lamellen.

Der Tourrider Premium dagegen glänzt mit integrierten Klarglas-LED-Scheinwerfern, den typischen, optional verchromten Maikäfer-Spiegeln, die dem bekannten Charakterelement des Tourismo entwachsen, dem hochwertigeren Cockpit Comfort Plus mit Stacks-and-Cards-Digitalanzeige, komfortablen Travel-Star-Xtra-Sitzen mit Luxline-Polsterung und mit dem auf Wunsch sogar rund zehn Meter langen Top-Sky-Glasdach, das in Europa ausschließlich der Setra-Top-Class vorbehalten ist. Eine 2+1-Bestuhlung und zwei Rollstuhlplätze sind dank des ebenen Fußbodens für beide Versionen zu haben. Besonders innovativ ist die farblich wechselbare LED-Ambientebeleuchtung, die erstmals nicht nur an der Decke, sondern wie im Pkw auch unterhalb der Fensterbrüstung leuchtet.

Beide Modelle bieten eine landestypisch robuste Hecktoilette mit diagonalem Einbau, die erstmals so im Setra S 531 DT umgesetzt wurde. Medial ist mit fünf Bildschirmen (erstmals in HD-Qualität) in 19, 21,5 oder sogar 23 Zoll für Unterhaltung gesorgt. Zudem sind drei unterschiedliche Multimediasysteme an Bord. Gemeinsam wiederum ist den beiden Bussen die klassische Länge von 45 Fuß ohne die aufprallabsorbierenden Bumper (13,72 Meter) mit einer Tür (optional zwei) und hinten klappbaren Seitenfenstern. Die Frontscheibe ist immer noch zweigeteilt und in Gummi gefasst. Als besonders stabil und korrosionsfest soll sich das Gerippe aus Edelstahl auf Dauer erweisen – ein expliziter Kundenwunsch in den USA.

Der Motor leistet 450 PS und 2.100 Nm

Weitgehend unverändert zeigt sich der Triebstrang aus der auslaufenden Setra-Top-Class. Der Weltmotor Mercedes OM 471 in EPA-10-Qualität, „also known as“ Detroit Diesel DD13 mit satten 13 Liter Hubraum, leistet hier 450 PS und 2.100 Nm, deutlich weniger als der Setra-Top-Motor in Europa (510 PS/2.500 Nm). Gekoppelt ist er mit einem landestypischen Allison-Sechsgang-Wandlergetriebe ohne spürbare Lastunterbrechungen. Der vehemente Vortrieb ohne Schaltunterbrechungen macht den minimalen Drehmomentmangel meistens wett. Zudem duckt sich der Tourrider zwischen 59 und 80 Meilen in der Stunde (bis zirka 120 km/h) 20 Millimeter tiefer auf den Asphalt – das verbessert den cw-Wert von 0,40 nochmals.

Die Sicherheitsfeatures reichen vom Aufprallschutz FCG über Attention Assist und Side Guard Assist bis zum Notbremser ABA5, der erstmals im Reisebus zur Anwendung kommt und auch auf sich bewegende oder stehen bleibende Fußgänger reagiert. Auch ein neues 360-Grad-Birdviewsystem mit 10-Zoll-Splitscreen linker Hand des modernen Cockpits weiß zu gefallen. Damit dürfte sich der Mercedes schnell zum One-and-only-Safety-Coach in den Staaten mausern, zumal die US-Konkurrenz ab 2015 erst langsam moderne Assistenzsysteme eingeführt hat.