Verkehrspsychologe Haiko Ackermann - Foto: Lucas Wahl / Kollektiv25

Von Autofahrern und Radfahrern

Hupen, Klingeln, Meckern: Kaum ein Konflikt im Straßenverkehr ist so gefährlich wie der zwischen Radlern und Autofahrern – und kaum eine Auseinandersetzung wird so aggressiv geführt. Woran liegt das? Und wie lässt es sich verhindern? Verkehrspsychologe Haiko Ackermann über vermeidbaren Streit, vergessene Schulterblicke und fehlendes Einfühlungsvermögen.

„Einmal hab ich sogar gesehen, wie ein Radfahrer bei einem Autofahrer die Scheibenwischer umgebogen hat“, erzählt Haiko Ackermann. „Und dann ist er einfach weggefahren. So kann man mit Konflikten natürlich auch umgehen.“ Der Griff an den Scheibenwischer mag besonders aggressiv sein, doch spiegelt er ein grundsätzliches Konfliktpotenzial wider. Laut dem Fahrrad-Monitor des Bundesministeriums für Verkehr (BMVI) fühlt sich etwa jeder zweite Radfahrer in Deutschland im Straßenverkehr nicht sicher – und knapp zwei Drittel von ihnen machen rücksichtslose Autofahrer dafür verantwortlich. Umgekehrt sagen fast drei Viertel der Menschen in Deutschland, dass viele Radfahrer durch ihre Fahrweise den Straßenverkehr eher unsicher machen. Kein Wunder, dass es zwischen Rad- und Autofahrern immer wieder zum Streit kommt.

Gebrüllte Beleidigungen, böse Gesten

Hupen und Klingeln gehören noch zu den harmlosen Varianten. An der Tagesordnung sind aber auch gebrüllte Beleidigungen, obzöne Gesten oder das Klopfen aufs Dach vermeintlich störender Autos. „Die Konflikte werden in der Tat sehr aggressiv ausgetragen“, sagt Ackermann. Er kennt diese Grenzsituationen im Straßenverkehr zur Genüge, denn er spricht täglich darüber. Erst war er selbst Gutachter für die Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU), seit 2003 hilft er mit seinem Berliner Beratungsunternehmen „Plan B“ Verkehrssündern bei der Vorbereitung darauf.

Ackermann weiß daher genau, was in Extremsituationen im Kopf von Radlern, Autofahrern und anderen Verkehrsteilnehmern passiert. Und er kennt die Mechanismen, die Konflikte eskalieren lassen. „Fahrradfahrer sind ja in der Regel auf der Straße unterwegs, Autofahrer nehmen sie da als Eindringlinge war“, erklärt er. „Das ist dann eine Art Revierverteidigung – wie im Tierreich.“ Allein das erklärt natürlich noch nicht, warum es zwischen den beiden Parteien so unversöhnlich zugeht. Der archaische Drang, das eigene Revier behaupten zu wollen, ist jedoch ein wichtiger Grund für den Dauerstreit. Und der lässt sich an fast jeder größeren Kreuzung in deutschen Innenstädten beobachten.

Ungeschützt in Lebensgefahr

So beispielsweise in Berlin-Mitte, wo sich mit Chaussee- und Torstraße zwei wichtige Verkehrsachsen kreuzen. Selbst zur Mittagszeit herrscht hier dichter Verkehr. Pkw und Lkw fahren auf ein bis zwei Spuren, eine Tramlinie zieht mittendrin ihre Bahnen und überall laufen Fußgänger herum. Dazu kommen vom zögerlichen Touristen über den routinierten Pendler bis hin zum Radkurier, der sich mit halsbrecherischen Manövern quer durch das Chaos schlängelt, Fahrradfahrer aller Art.

Zum Schutz tragen sie zwar häufig einen Helm – haben aber keinerlei Knautschzone. Kein Wunder, dass in solchen Situationen ordentlich Adrenalin im Spiel ist. „Der Radfahrer ist ungeschützt und hat Angst vor Autofahrern“, erklärt Ackermann und erzählt von Studien, nach denen zwei Drittel der Radfahrer sich im Straßenverkehr von Autofahrern bedrängt und gefährdet fühlen. Nicht zu Unrecht, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: 2017 wurden demnach 79.728 Fahrradfahrer bei Unfällen im Straßenverkehr verletzt, 382 starben.

Radfahrer als Verkehrshindernis

Wer Autos als Bedrohung für Leib und Leben wahrnimmt, reagiert in brenzligen Situationen schnell aggressiv. Der Autofahrer erlebt den Verkehr zwar anders, verhält sich im Ergebnis aber ähnlich. „Im Auto habe ich natürlich ein ganz anderes Selbstverständnis“, sagt Ackermann. „Da bin ich geschützt und in einer Machtposition.“ Radler sind dann nicht nur Eindringlinge ins eigene Revier, sondern auch nervige Verkehrshindernisse – vor allem, wenn sie ohne Licht unterwegs sind, bei Rot über die Kreuzung fahren oder sich anderweitig nicht an die Regeln halten. Umgekehrt verhalten sich Autofahrer auch nicht immer vorbildlich. Ein typisches Beispiel ist die Situation, in der ein Autofahrer rechts abbiegen will, ein Radler auf der gleichen Straße aber geradeaus weiterfährt. „Autofahrer vergessen da häufig den Schulterblick“, sagt Ackermann. „Das ist eine der Hauptunfallursachen.“

„Vielen geht die Fähigkeit ab, sich in andere hineinzuversetzen.“

Haiko Ackermann

Verkehrspsychologe

Der Perspektivwechsel fällt schwer

Radler fühlen sich also bedroht, Autofahrer sind genervt, und jeder regt sich über den anderen auf. Die psychologischen Prozesse, die dabei ablaufen, sind Verkehrsteilnehmern häufig gar nicht bewusst. „Wenn Sie die Leute fragen, haben sie gar nichts gegen Rad- oder Autofahrer“, erklärt Ackermann. „Das kommt dann erst in der Situation.“ Das geht oft so weit, dass sich der gleiche Mensch auf dem Fahrradsattel fürchterlich über rücksichtslose Autofahrer ärgert – und dann kurze Zeit später hinter dem Steuer des eigenen Autos über nervige Radfahrer schimpft. „Vielen geht die Fähigkeit ab, sich in andere hineinzuversetzen“, erklärt Ackermann das.

Dieser fehlende Perspektivwechsel führt dann in Konfliktsituationen direkt in die Eskalation. Denn wer im Straßenverkehr einen Fehler macht, ärgert sich meistens schon genug über sich selbst. Er will aber nicht, dass andere auf ihm herumhacken. „Wenn dann gehupt oder geschimpft wird, reagiere ich aggressiv“, so der Psychologe. Aushebeln lässt sich dieser Mechanismus nur mit Rücksicht, Ruhe und Einfühlungsvermögen. „Ich muss eben beachten, dass andere Leute das genauso empfinden wie ich“, rät Ackermann. „Und dass auch andere Leute Fehler machen können.“ Wer dann nicht sofort hupt, blinkt, den Vogel zeigt oder schimpft, geht vielleicht den entscheidenden Schritt Richtung Deeskalation – genau wie jemand, der nicht in jeder Situation auf seiner Vorfahrt beharrt.

Koexistenz kann Ackermann zufolge nur gemeinsam gelingen. Foto: Lucas Wahl

Jeder Verkehrsteilnehmer ist gefragt

Noch besser ist natürlich, wenn solche Konfliktsituationen gar nicht erst entstehen. Auch da lässt sich durch individuelles Verhalten viel erreichen, sagt Ackermann. Gute Verkehrsbeobachtung ist dafür beispielsweise ein Muss – für Autofahrer also etwa der Schulterblick beim Abbiegen. Radler seien hier aber genauso in der Pflicht, mahnt der Experte: „Die müssen die Wege von Autofahrern ein wenig vorausdenken und auch Fehler einplanen – sie dürfen also zum Beispiel nicht immer davon ausgehen, dass ein Autofahrer sie gesehen hat.“ Von diesen Perspektivwechseln auf der Straße profitierten laut Ackermann am Ende alle Verkehrsteilnehmer: Weniger Unfälle, weniger Tote und Verletzte – und weniger Streit.

Artikel und Fotos wurden mit freundlicher Unterstützung der Kampagne "Runter vom Gas" zur Verfügung gestellt.

Die Initiative „Runter vom Gas“ auf der IAA

Verkehrssicherheit ist ein zentrales Thema auf der IAA 2019. Besuchen Sie die Initiative "Runter vom Gas" vom 12. bis 22. September in Frankfurt am Main. Initiatoren sind das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Mit einer emotionalen Ansprache sensibilisiert „Runter vom Gas“ seit 2008 für Risikien im Straßenverkehr sowie eine Vielzahl von Unfallursachen und will damit für mehr Sicherhut auf deutschen Straßen sorgen. Im Jahr 2018 verloren 3.265 Menschen im Straßenverkehr ihr Leben. 2011 waren es noch 4.009 Getötete. Im selben Jahr wurde im nationalen Verkehrssicherheitsprogramm das Ziel von 40 Prozent weniger Todesopfern im Straßenverkehr bis 2020 definiert.

Mehr Informationen unter:
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