Tankstelle der Zukunft - Bildquelle: Aral

Die Tankstelle der Zukunft

Rund 14.000 Tankstellen gibt es aktuell in Deutschland. Doch wie lange noch? Die Elektromobilität und neue Mobilitätsformen verändern das Geschäftsmodell mit der klassischen Zapfstationen. Die Ölkonzerne wollen umsteuern. Wie werden wir in Zukunft volltanken?

Zeiten ändern sich

Tanken, Beine vertreten, kurz auf die Toilette, Zigarettenpause, sich über die hohen Preise der Raststätte ärgern, bezahlen, weiterfahren. Ein vertrauter Vorgang, tausendfach in einem Autofahrerleben. Doch wie wird sich die Tanke in Zeiten des Mobilitätswandels verändern? Auch wenn es noch Jahrzehnte dauern dürfte: Der Verbrennungsmotor im Pkw-Segment wird durch andere Antriebsformen zunehmend ergänzt. Damit verändert sich auch der Bedarf an klassischen Tankstellen für Diesel und Super. Mineralölkonzerne wie Shell oder Aral reagieren mit Ladesäulen auf den sich abzeichnenden Mobilitätswandel. Vor allem an Fernstraßen sollen mehr ultraschnelle Lader für eilige Reisende aufgestellt werden. Doch dabei wird es nicht bleiben: Viele Tankstellen haben bereits begonnen, ihr Angebot auf die Versorgung batterieelektrischer und wasserstoffbetriebener Fahrzeuge einzustellen. Zukunftsentwürfe sehen Tankstellen außerdem als „grüne" Service-Welten und moderne Mobilitätshubs.

Die Tanke wie wir sie heute kennen. Bildquelle: Unsplash

Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) prognostiziert, dass Tankstellen mit überschüssiger Energie aus Photovoltaik-Dachanlagen künftig Kraftstoffe vor Ort selbst produzieren werden. Diese CO2-neutralen Kraftstoffe eignen sich dann besonders für den Einsatz von Fernfahrern und für den Güterverkehr. Neben Strom und Wasserstoff für E-Autos könnten synthetische Diesel- und Benzinkraftstoffe hergestellt werden. Laut einer gemeinsamen Studie von Aral und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) wandeln sich Tankstellen zu Verkehrsknotenpunkten und Orten der Mobilität. So könnten künftige Tankstellen nicht nur das schnelle Aufladen von E-Autos, sondern auch einen Batteriewechsel für Roller und E-Bikes anbieten.

Ein weiterer Zukunftsbaustein ist die Funktion als Servicestation für autonome Fahrzeugflotten. Neben der Versorgung mit Energie, in welcher Form auch immer, wären beispielsweise Pflegemaßnahmen wie die Fahrzeugreinigung oder kleine Reparaturen denkbar. Außerdem soll die Tankstelle zu einem Knotenpunkt werden, an dem viele unterschiedliche Mobilitätsformen aufeinandertreffen. So sieht die Aral-Studie Landeplätze für elektrische Mikroflieger wie etwa Personendrohnen vor. Von Lufttaxis können Personen auf dem Gelände der Tankstelle direkt auf autonome Autotaxis oder einen elektrischen Mietroller umsteigen. Auch als Logistik-Center könnte Tankstellen in Zukunft eine größere Rolle beikommen. Bereits heute finden sich in Deutschland auf etlichen Aral-Tankstellen Paketstationen.

Fullservice-Tanke statt Servicewüste

Selbstverständlich werden Tankstellen auch in einigen ihrer klassischen Geschäftsfelder weiter aktiv bleiben. Die Rolle als 24-Stunden-Supermarkt wird vermutlich eine tragende Umsatzsäule bleiben, sicher auch in modernisierter Form. In China etwa können Snacks und Getränke bereits vom Auto aus geordert und mit digitalen Bezahlsystemen gekauft werden. Mit dem Ausbau von Gastronomiewelten ließe sich die Attraktivität als Konsumzentrum weiter steigern. Auch typische Serviceangebote wie etwa Wagenwäsche haben eine Zukunft. Wenn künftig Tankstellen vornehmlich regenerative Energien bereitstellen, würde das auch die Klimabilanz der Fahrzeugwäsche verbessern. Ein interessantes Modell hat etwa die PM-Tankstelle Geilenkirchen umgesetzt, die neben der Erzeugung von Solarstrom auch Regenwasser auffängt, sowie Brauchwasser aufbereitet und so für Wagenwäsche kein Trinkwasser mehr verbraucht. Dass Tankstellen grüner werden, ist also nicht nur Vision, sondern in Teilen bereits Wirklichkeit.

Möglichen Trends bei den alternativen Antrieben wird mittels der Architektur Rechnung getragen. Bildquelle: Avenergy Suisse

Ideen für die Tankstelle der Zukunft sind keine Grenzen gesetzt. Im Rahmen eines Wettbewerbs im Vorfeld des Genfer Autosalons 2019 hat Marco Brunori das Konzept "Mischbetrieb" vorgelegt. Seine Idee umfasst eine anpassungsfähige Architektur für einen mehrgeschössigen Mobilitäts-Hotspots mit separaten Betankungsbereichen. Es gibt eine Drop-off- und Pick-up-Zone. Je nach Verbreitungsgrad der Antriebsformen ist die Fläche größenmäßig angepasst. Rund um einen zentralen Innenhof als Ruhebereich sind verschiedene Serviceflächen wie Yogastudio, Fitnesscenter oder Café angesiedelt, die ein oder zwei Jahre vermietet werden, um den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen Rechnung zu tragen.

Vor allem lokale Unternehmen sollen im neuen Hotspot Einzug halten. Die ungefähre Schnellladedauer von 30-60 Minuten soll hierbei Rahmen für die angebotenen Services sein. Bildquelle: Avenergy Suisse

Sehr ausgefallen ist das Konzept von Simon Frei, Michael Frei und Dominic Nyffeier: Den "Speedbump" kann der Kunde via Smartphone bestellen, dabei muss er nicht mal ins Auto steigen. Ein autonomes Betank-Fahrzeuge lokalisiert das Fahrzeug und kommt zu einem vereinbarten Zeitpunkt vorbei, um dieses automatisch zu betanken. Der Fahrer wählt im Vorfeld den Kraftstoff aus und bezahlt digital. Zum Auffüllen des eigenen Tanks von 1.500 Liter kehrt das Fahrzeug wieder zu seinem Depot zurück. Speedbump fährt ohne andere Verkehrsteilnehmer zu behindern, indem ein überholendes Auto einfach die seitliche Rampenkonstruktion des Betankers passiert. Die Tankstelle der Zukunft kann bei den zahlreichen Ideen jedenfalls nicht schnell genug kommen.