Gar nicht so übel: Lösungen gegen Reisekrankheit

29.09.2020

Das Autofahren wird immer komfortabler, aber ein Phänomen will einfach nicht verschwinden: die Reisekrankheit. Gemeinsam mit Wissenschaflern betreiben Zulieferer und Hersteller Ursachenforschung und entwickeln Lösungen – auch mit Blick auf das autonome Fahren.

Wer kennt das nicht: Vor allem auf längeren Autofahrten kann es vorkommen, dass man unter Übelkeit oder Schwindel leidet. Insbesondere Kindern wird schnell mal übel. Ein Grund dafür: Das Gleichgewichtsorgan befindet sich noch im Wachstum und reagiert sensibel. Mit voranschreitendem Alter lässt die Anfälligkeit zwar nach, bei den meisten Menschen verschwindet sie allerdings nie ganz. Lesen oder nebenher arbeiten wird dann für viele zur Tortur. Das Phänomen worunter 30 Millionen Menschen allein in Europa chronisch leiden heißt Reisekrankheit. Ein Drittel aller Menschen sieht sich mindestens einmal im Leben mit den unangenehmen Symptomen konfrontiert. Die Reisekrankheit entsteht, wenn der Körper ungewohnten oder unkontrollierten Bewegungen ausgesetzt ist. Verursacht wird die Kinetose dabei durch eine Diskrepanz in der Wahrnehmung: Die Sinnesorgane signalisieren widersprüchliche Informationen zu Raum und Körperbewegung. Sprich die Augen nehmen etwas anderes wahr als der Gleichgewichtssinn, während der Passagier konzentriert auf einen Bildschirm oder ein Buch blickt. Der menschliche Körper reagiert in dieser Situation ähnlich wie auf eine Vergiftung, wobei die Symptome von leichtem Unwohlsein bis hin zu starker Übelkeit reichen.

Den Ursachen auf der Spur

In einer Studie der Berliner Charité gaben über 40 Prozent der befragten Personen an, während einer Autofahrt schon einmal unter der Reisekrankheit gelitten zu haben. Forscher des Universitätsklinikums und der TU Berlin untersuchen aktuell, wie Symptome und automatisiertes Fahren zusammenhängen und wodurch sich die Beschwerden verringern lassen. Dabei wird auf einer Drehstuhlanlage die Mimik der Probanden aufgezeichnet und analysiert, um Muster zu erkennen. Auch bestimmte Fahrsituationen in Versuchsfahrzeugen werden simuliert. Um Symptome bei Insassen frühzeitig zu erkennen und technische Lösungen zu entwickeln, erforscht der Zulieferer ZF gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes und der htw saar ebenso das Phänomen. In mehreren Studien analysierten die Experten bereits, welche physiologischen Reaktionen beim subjektiven Empfinden des Menschen am häufigsten Auftreten und welcher Zusammenhang zur Fahrdynamik besteht. Dazu setzten die Kooperationspartner ein spezielles Auto ein. Sensoren im Innenraum des "Motion Sickness Research Vehicle" und tragbare Sensoren an Kopf und Körper überwachen die Versuchspersonen und zeichnen eine Vielzahl von Werten wie die Körpertemperatur oder die Leitfähigkeit der Haut auf. Ein Hochleistungsrechner wertete das Nervensystem der Probanden als Thermografie-, Bild- sowie die Fahrdynamikdaten aus.

Algorithmus kann Reisekrankheit vermeiden

Eines wird mit der Untersuchung deutlich: Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Fahrzeugbewegungen und interpretiert Fahrkomfort anders. ZF will nun ein System für Fahrzeuge entwickeln, das künftig eine kontaktfreie Erkennung der Reisekrankheit erlaubt. Das Auto soll frühzeitig erkennen können, ob eine Person Symptome entwickelt, um entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Ein Algorithmus studiert dafür auf Basis von Künstlicher Intelligenz die Körperreaktionen des Passagiers ein und erstellt ein personalisiertes Profil. So kann das System antizipieren, wann dem Mitfahrer unwohl wird. Der Fahrer wird darüber informiert und kann seine Fahrweise anpassen. Die Informationen könnten künftig auch an die Steuerung des automatisierten Fahrzeugs gehen, das in der Lage ist, den passenden Fahrstil mit veränderten Einstellungen an Fahrwerk und Geschwindigkeit umzusetzen. Jaguar Land Rover entwickelt für das autonome Fahren bereits einen „Wohlfühl-Modus“. Die Technologie hilft, Fahrzeuge unter Berücksichtigung einer personalisierten Fahrweise zum autonomen Fahren anzulernen, die zugleich den individuellen Charakter eines jeden Modells beibehält. Eine Software kombiniert hierfür die Daten aus über 32.000 Testkilometern, um daraus fahrdynamische Parameter zu berechnen. Die Algorithmen können nach Angaben des britischen Herstellers die auslösenden Faktoren für Unwohlsein um bis zu 60 Prozent zu reduzieren.

 
Versuchsstand zur Erforschung von Reisekrankheit - © 2020 Daimler AG.
Versuchsstand zur Erforschung von Reisekrankheit - © 2020 Daimler AG.

Innovative Sitze gegen Reisekrankheit

Ein Puzzleteil bei der Eindämmung der Kinetose stellt die Sitzposition dar. Zulieferer Faurecia arbeitet an innovativen Sitzkonzepten, die aktiv Symptomen vorbeugen sollen. Der sogenannte Advanced-Versatile-Structure-Sitz und eine spezielle Armlehne sollen den Komfort für alle Fahrzeuginsassen erhöhen. Durch eine Lehnen-Kopf-Verstellung wird der Oberkörper der Passagiere soweit aufgerichtet, dass die Umgebung auch bei Fixierung eines Bildschirms peripher wahrgenommen wird und sich das Gehirn somit deutlich leichter auf eine Bewegungsveränderung einstellen kann. Die separate Armlehne ermöglicht auf dem Schoss, dass der Beifahrer auf Augenhöhe ein Buch liest oder einen Film schaut. Der Clou: Die erhöhte Position der Arme bewirkt die gleichzeitige Aufnahme von Umgebungsinformationen und beugt einem Missverhältnis von Bewegungs- und Sichtachse vor.

Daimler forscht ebenfalls an dem Zusammenhang von Sitzverhalten und Reisekrankheit. Im Rahmen einer Studie wurde ein Versuchsfahrzeug mit einer speziellen Sitzanlage im Fond ausgerüstet. Darin konnten die Studienteilnehmer aufrecht oder liegend bei 38 Grad Neigung Platz nehmen. Während der Fahrt mussten die Probanden auf einem Tablet ein Quiz lösen, einen Film schauen, lesen und zocken. Häufiges Stop-And-Go im Stadtverkehr wurde begleitend als unangenehm empfunden. Das Computerspiel hat währenddessen am meisten Unwohlsein ausgelöst. Die zentrale Erkenntnis: Die Liegeposition hat die Symptome für Kinetose stark reduziert.

Brille von Citroën gegen Reisekrankheit - © 2020 Citroën
Brille von Citroën gegen Reisekrankheit - © 2020 Citroën

Brillengestell versus Reisekrankheit

Der französische Hersteller Citroën geht andere Wege und hat mit der Seetroën eine Brille gegen Reisekrankheit entwickelt. Die ursprüngliche Idee stammt vom Start-up Boarding Glasses, das eine Brille gegen die Seekrankheit entworfen hat. Mithilfe einer blauen Flüssigkeit, die sich in den transparenten Ringen des Gestells vor den und seitlich der Augen bewegt, erzeugt die Brille einen künstlichen Horizont, der den Konflikt der Sinnesorgane auflöst. Und so funktioniert die Brille ohne Gläser: Sobald Symptome auftreten, soll man diese bis zu zwölf Minuten tragen. In dieser Zeit synchronisiert das Gehirn die Bewegungen, die das Innenohr wahrnimmt, und die Wahrnehmung der Augen, die auf einen unbeweglichen Gegenstand wie beispielsweise einem Buch gerichtet sind. Danach kann man die Brille wieder abnehmen. Wobei hier Funktion klar Ästhetik schlägt.

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