Pixel statt Tachonadel

Seit die Smartphones mit ihren Multitouch-Oberflächen die Welt erobert haben, sind virtuelle Bedienelemente das Maß aller Dinge – auch im Fahrzeug. Screens erobern das Armaturenbrett und den Fond. Die Ära der analogen Anzeigen, Knöpfe und Rädchen neigt sich dem Ende. Augmented, Virtual und Extended Reality erweitern die Grenzen der Realität im Cockpit.

Revolution im Armaturenbrett

Früher endete das Armaturenbrett, wo die Windschutzscheibe begann. Diese Grenze wird aber immer weiter verschwinden. Schon heute lassen sich über Head-up Displays (HUD) Informationen vor die Windschutzscheibe ins Sichtfeld des Fahrers projizieren. 2005 verbaute mit BMW der erste deutscher Autobauer HUDs in seinen Serienmodellen. 2017 präsentierte Konica Minolta das weltweit erste dreidimensionale HUD, das Informationen je nach Fahrgeschwindigkeit in unterschiedlichen virtuellen Entfernungen präsentiert. Das Schweizer Start-up WayRay hat ein HUD entwickelt, das künftig auch den Beifahrer partizipieren lässt. Statt der klassischen Navigationspfeile sieht der Fahrer ein virtuelles Fahrzeugabbild, das sich nahtlos in das aktuelle Verkehrsgeschehen einfügt. Die simulierte Vorhut fährt voraus und leitet so zuverlässig ans Ziel. Hinzu kommen in den Cockpits der nächsten Generation Screens so weit das Auge reicht. Der chinesische Elektroautobauer Byton sorgte jüngst mit einem dezent gebogenen Display für Aufsehen, das fast das gesamte Cockpit von Tür zu Tür mit einer Diagonale von 48 Zoll ausfüllt. Amazons Sprachassistentin Alexa und eine innovative Gestensteuerung sind zusätzliche Feature. Auf der IAA 2019 wird ein Konzeptfahrzeug mit dem XXL-Bildschirm zu sehen sein.

XXL-Bildschirm im neuen Serienmodell von Beton - Quelle: Beton
XXL-Bildschirm im neuen Serienmodell von Byton - Quelle: Byton

Goldgräberstimmung

Fahrzeuge entwickeln sich immer mehr zu einem persönlichen Lebens- und Arbeitsraum, ja zu regelrechten Komfortburgen, die unseren steigenden Bedürfnissen nach Rückzug, Individualisierung und Entertainment entsprechen. Und so wird das Interieur gegenwärtig neu definiert, die Innovationszyklen sind rasant. Diverse Kooperationen und Zukäufen unter Automobilzulieferern sowie neue Player aus anderen Industriefeldern haben in den vergangenen Jahren für viel Bewegung gesorgt. Die zunehmende Bedeutung weckt nach einer Untersuchung der M&A-Beratung Capitalmind sogar das Interesse von Finanz- und strategischen Investoren. Bis 2020 soll das globale Marktvolumen für Interieuranwendungen auf über 120 Milliarden US-Dollar steigen. BMW geht bereits neue Wege mit HoloActive Touch – ein freischwebendes Hologramm mit Bedienelementen auf Höhe der Mittelkonsole, das per Gestensteuerung funktioniert. Werden Displays und HUDs also bald selbst obsolet? Durch Augmented und Virtual Reality digitalisieren sich klassische Fahrzeugkomponenten zunehmend und manche verschwinden für immer. 

 
Audi ersetzt im e-tron als erster Hersteller die Außenspiegel durch Kameras - Quelle: Audi AG

Nächste Dimension des Sehens

Der Audi e-tron fährt als erstes Auto mit einem virtuellen Außenspiegel. Dort wo sonst die herkömmlichen Spiegel hervorragen, hängen heute zwei aerodynamisch geformte Kameras. Diese übermitteln Live-Ansichten auf zwei OLED-Displays im Innenraum, die zwischen Instrumententafel und Tür angebracht sind. Die Entwicklung macht selbst vor der Motorhaube nicht Halt: Für das Modell Range Rover Evoque hat Jaguar nach mehreren Jahren Entwicklungsarbeit Ende 2018 den „ClearSight Ground View“ zur Serienreife gebracht – eine Art gläserne Kühlerhaube. Der Clou: Mehrere Kameras am Kühlergrill und den Außenspiegeln filmen den Untergrund. Eine Software generiert aus den Einzelaufnahmen ein Bild zusammen, das auf den zentralen Touchscreen projiziert wird. Die Technik gestattet so einen Blick durch Haube und Motorraum. Von dem System profitiert der Fahrer beispielsweise im Gelände bei der Bewältigung steiler Anstiege, aber auch beim Rangieren auf engstem Raum.

„Inhalte, insbesondere Unterhaltungsangebote, werden zu einem wichtigen Treiber des Mobilitätserlebnisses.“

Nils Wollny

CEO von Holoride und Speaker auf der IAA Conference 2019

Die Ära der 360°-Cockpits

Wenn man diese Technologien betrachtet, stellt sich die Frage, wann die ersten 360°-Cockpits kommen. Der Virtual Urban Windscreen von Jaguar hat schon vor einigen Jahren einen Vorgeschmack auf eine virtuelle Rundumsicht gegeben: Außenkameras liefern permanent Live-Aufnahmen der Fahrzeugumgebung und machen über hochauflösende Bildschirme die A-, B- und C-Säulen transparent. Egal, ob der Fahrer zum Abbiegen ansetzt, für ein Überholma­növer einen Blick über die Schulter wirft oder an eine Kreuzung gelangt – in Echtzeit werden auf den Säulen der betreffenden Fahrzeugseite Echtzeit-Bilder eingeblendet, die freie Sicht bieten. Die Verschmel­zung von Realität und digitaler Welt wird mit autonomen Fahrzeugkonzepten noch weiter Fahrt aufnehmen. Beim Autonomous Living Space Cabin von Panasonic avanciert der Innenraum dafür zu einer Info- und Entertainment-Kapsel. Die Fenster sind dank OLED-Technologie durchsichtige Touchscreens, selbst der Dachhimmel ist als Bildschirm konzipiert. Neben Entertainmentinhalten und Cloud-Diensten kann das vernetzte Auto fortwährend Informationen zur Umgebung einblenden, die sich wiederum per Fingerwisch vom Fenster auf die individuellen Tablets schieben lassen.

 
Extended Reality macht die Fahrt im Fond zum ultimativen Erlebnis - Quelle: Holoride

Realitätserweiterung und Eskapismus

Für die neuesten Fahrzeuggenerationen ist gerade der Entertainmentcharakter von VR attraktiv. Beifahrer und Passagiere im Fond werden künftig mit einer VR-Brille Filme, Videospiele und interaktive Inhalte realisti­scher erleben. Das Headset gleicht sich dabei permanent mit den Bewegungsdaten des Autos ab: Position, Geschwindigkeit, Lenkung, Beschleunigung und Bremsen des Fahrzeugs werden mit der virtuellen Umgebung in Verbindung gebracht. Extended Reality (XR) nennt sich das und ist der Überbegriff für Virtual Reality und Augmented Reality durch die zusätzliche Datendimension. Beschleunigt der Wagen, geht es auch beim Gaming oder Stream rasanter zu. "Durch das haptische Feedback der realen Fahrt fühlt sich das virtuelle Erlebnis unglaublich realistisch an und intensiver als je zuvor", sagt Nils Wollny, CEO von Holoride und Sprecher auf der IAA Conference 2019. Audi hat für diese Technologie das Start-up mitgegründet. Ein positiver Nebeneffekt: Durch die Synchronisation mit den Fahrbewegungen sinkt gleichzeitig das Risiko von Reiseübelkeit. Über einen offenen Plattformansatz sollen in Zukunft auch andere Autoherstellern und Content-Produzenten interaktive XR-Formate hierüber anbieten. In wenigen Jahren soll die Innovation in Serie gehen – für mehr Lebenszeit statt Fahrzeit.

Die IAA 2019 liegt den Fokus in diesem Jahr auf spannende Technologien für das Cockpit und innovative Interieurkonzepte. Sichern Sie sich Ihr Ticket und entdecken Sie das Angebot führender Zulieferer und Marken.