Der BMW 8er Coupé in der Lackiererei des BMW Group Werks Dingolfing - Copyright: BMW

Mehr als nur Lack

Marke, Modell, Motor und dann die Farbe – bei der Wahl des richtigen Gefährts dreht sich die Entscheidung auch immer um die passende Lackierung.

Schöner Schein reicht aber längst nicht mehr. Wie wär's mit einem Lack, der sich autark repariert, der nie schmutzig wird und per Sprachsteuerung farblich ändert? Die Zukunft der Lacks lässt keine Wünsche offen.

Welcher Farbtyp bin ich?

Neuropsychologen, Designer und Werbestrategen versuchen seit langem über die individuelle Farbpräferenz von Autokunden Rückschlüsse auf psychische Merkmale zu ziehen: Weiß sei eine Farbe für Pflicht- und Ordnungsbewusste, Besitzer eines grünen Wagens wären in sich ruhend und Silber stünde für Prestige und Eleganz. Die Vorliebe hiesiger Fahrer variiert jedoch eher wenig. Hierzulande herrschen überwiegend düstere Töne: 2018 wurden laut dem Kraftfahrt-Bundesamt rund 55 Prozent aller Neuzulassungen in Grau und Schwarz ausgeliefert. In der großen weiten Welt geht es auch nicht bunter zu. 2018 kamen immerhin 37 Prozent der neuen Pkw in Weiß vom Band, 18 Prozent waren schwarz lackiert, 12 Prozent jeweils silber- oder grautönig. Das geht aus dem „Global Automotive 2018 Color Popularity Report“ hervor.

„Gebt einem Kind ein Stück Papier und Farben und lasst es ein Auto malen – es greift garantiert zum roten Stift.“

Enzo Ferrari (1898 - 1988)

Für die repräsentative Statistik ist die Gattung Sportwagen eher unwichtig. Doch hier sieht es bei der individuellen Farbwahl schon anders aus. Hier gilt nur eine Prämisse: Auffallen um jeden Preis. Mango, Alubeam oder Aubergine – alles geht. Ein Ferrari ist selbstverständlich rot. Es gibt eine weitere Farbe, die untrennbar zur DNA des springenden Pferds gehört: Gelb – die Farbe von Modena, Heimatstadt Enzo Ferraris und damit Wiege des italienischen Autokults. Und spätestens seit dem von Ferrari gesponserten Testarossa als Dienstwagen für Don Johnson, alias Detective James Crockett in der TV-Serie "Miami Vice", ist Weiß von der Fangemeinde anerkannt und führt nicht gleich zu erheblichen Wertverlusten beim Wiederverkauf. Die Farbe Rosso Corsa ist aber vor allem eine historische Reminiszenz an frühere Grand-Prix-Rennen, als die Wagen zur besseren Unterscheidung einen herkunftspezifischen Anstrich gekamen. Die Kennfarbe britischer Autos war grün (British Racing Green) – die ehemalige Traditionsfarbe von Jaguar und Land Rover. Die französischen Sportler waren dagegen blau, deutsche Autos zunächst weiß, dann silbern, woher auch die inoffizielle Bezeichnung "Silberpfeil" stammt.

Ein Ferrari im Stadtverkehr, Bildquelle: Unsplash, Marc Kleen
Rosso Ferrari – Rot als Lebensnerv der italienischen Sportwagenmarke. Bildquelle: Unsplash, Marc Kleen

Lackmarathon

Nur etwa 0,1 Millimeter dick ist der Lackaufbau – ein wenig mehr als ein menschliches Haar. Vier Lackschichten sind es insgesamt: Von der Grundierung über den Füller und Basislack bis zum Klarlack. Dazu wird die Karosserie zuerst in einem Tauchbecken gereinigt. Nach der Phosphatierung wird die Karosserie während der kathodischen Tauchlackierung mit einem Korrosionsschutz beschichtet. Jetzt erst beginnt der Auftrag der eigentlichen Lackschichten: Füller, Basislack und Klarlack werden durch Roboter auf der Karosserie aufgetragen. Der Füller, auch als Grundierung bekannt, bietet als zweite Schicht Schutz vor Steinschlag und UV-Strahlen. Der Basislack sorgt für die Wunschfarbe. Der Klarlack ist das Schutzschild und versiegelt am Ende alle Schichten. Gleichzeitig sorgt er für den Glanzeffekt.

Während der mehrstündigen Prozedur geht es immer durch garagengroße Trockner. Zur finalen Kontrolle wird das Fahrzeug dann durch einen Lichttunnel geschleust, der mit Leuchtstoffröhren oder LED-Modulen jede noch so kleine Unebenheit sichtbar macht. Audi hat den Prozess für  Sondermodelle der Baureihen R8, TT und Q2 um eine innovative Individualisierungsstufe erweitert. Dabei wird die oberste Lackschicht abgetragen und aufgeraut, um darauf mattierte Schriftzüge, Logos oder Motive auf dem Blech erscheinen zu lassen.

       
Innovativer Lichttunnel mit LED-Technik von Eisenmann – Copyright: Eisenmann
Kein Fehler bleibt im innovativen Lichttunnel mit LED-Technik laut Hersteller Eisenmann unentdeckt – Copyright: Eisenmann

Nanolacke – von der Farbe zur Funktion

Geht es erstmal auf die Straße, ist es mit dem Glanz aber schnell vorbei. Platzregen, Kinderfinger, Waschanlagen oder Einkaufswägen auf dem Parkplatz sind die natürlichen Feinde des Lacks. Nissan hat 2014 in Kooperation mit dem Spezialist Ultratech das Modell Note mit einem Speziallack auf die Piste geschickt. Mithilfe von Nanopartikeln bildet sich eine Art Luftpolster auf dem Lack, der Schlamm, Regenwasser und sonstiger Schmutz abperlen lässt. Trotzdem wurden Pläne für die Serienlackierung nicht weiter verfolgt. Und so gibt es Waschanlagen immer noch. Sind dessen Bürsten oder Lappen verschmutzt, wirken diese wie Schmirgelpapier und beanspruchen die Lackoberfläche. Das kann zu Kratzern führen. In Anlehnung an die Funktionsweise der menschlichen Haut haben Forscher der Harbin Institute of Technology in China kürzlich eine weiche, dynamische Beschichtung entwickelt, die aus thermoplastischem Kunstoff und Gerbsäure besteht. In Verbindung mit dem Nanomaterial Graphenoxid kann die Kombination ab einer bestimmten Dicke selbst wieder zusammenwachsen. Ein industrieller Ansatz ist aber noch in weiter Ferne.

Forscher der Universität des Saarlandes sind einige Schritte weiter und präsentieren eine andere Lösung: Polyrotaxane. Das sind perlenkettenartige Moleküle. Dank ihrer Struktur eigenen sie sich für die Wiederversiegelung von Rissen und Kratzern in glatten und glänzenden Oberflächen, indem die einzelnen Moleküle wieder mit anderen zusammenfließen. Und Nissan hat bereits mit dem "Scratch-Shield" ein Patent für selbstreparierende Lacke hervorgebracht. Dem Klarlack ist ein elastisches Harz beigemischt, das unter Wärmeeinwirkung kleine Kratzer selbsttätig ausgleicht. Der "Heilungsprozess" liegt zwischen einer Stunde und einer Woche. Auch vor Schmierflecken durch Finger und ganze Hände war bislang kein Lack gefeit. Am Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen wird derzeit ein Nanolack mit Antifingerprint-Effekt entwickelt, der Oberflächen eine Selbstreinigungseigenschaft verleiht.

Farbe, wechsle Dich!

Der Graffiti-Künstler René Turrek hat eine Speziallackierung für Autos entwickelt, die er nur mit Sprühdosen und Marker aufträgt. Bei Kontakt mit Wasser nimmt der Lack eine andere Farben an bzw. zeigt Figuren und Muster. Der Trick funktioniert auch unter wechselndem Temperatureinfluss. Doch wie wäre es, wenn man Lacke irgendwann per Sprachkommando ändern könnte? Heute seriös in Silber zum Termin, morgen knallig rot für die Fahrt ins Wochenende? Oder nach einem Unfall das Fahrzeug in Signalfarbe erstrahlen lassen? Dank Nanotechnologie könnte das bald Realität werden. Bei einem angedachten Verfahren würden kleinste Teilchen dem Lack beigemischt, die auf einen elektrischen Impuls hin den Farbeindruck ändern könnten. Aber was ist wenn man nachts unterwegs ist? Vorreiter Nissan hat eine Lackierung entwickelt, die tagsüber die einfallende UV-Strahlung der Sonne absorbiert und das Fahrzeug dann nachts bis zu zehn Stunden fluoreszieren lässt. Strom braucht der Lack dabei nicht. Der japanische Hersteller profitierte bei dem Projekt von dem britischen Unternehmen Pro-Teq Surfacing, das selbstleuchtende Gehwege entwickelt. 

Und warum nicht gleich mit dem Lack auch noch Energie erzeugen und per Vehicle-to-Grid ins Netz speisen? Womöglich werden Solarmodule in einigen Jahren mehr dünnen Folien oder Lacken ähneln als jenen Metallrahmen, in denen herkömmliche Solarzellen aus Silizium heute verbaut werden. Milliarden von Autos würden so zum Kraftwerk mutieren und die Energieversorgung von morgen revolutionieren. So wird Lack zum absoluten Multitasker. Schon in wenigen Jahren wird man verschiedene Funktionen beim Lack wählen können – und dazu die ganze Farbpalette für den täglichen Wechsel. So wird künftig auf der IAA künftig nicht mehr nur über Anmutung und Farbe diskutiert, sondern auch über Sinn und Können von Lack.

Unter dem Motto „Driving Tomorrow“ legt die IAA 2019 den Fokus in diesem Jahr auch wieder auf Exterieurtrends. Es bleibt also spannend, was für Innovationen zum Thema Lack in diesem Jahr erscheinen. Sichern Sie sich Ihr Ticket und entdecken Sie die Mobilität von morgen.