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In-Car-Entertainment im Wandel

Schnödes Autoradio war gestern. Vielfältige Entertainmentangebote für das Fahrzeug der Zukunft buhlen um die Aufmerksamkeit der Passagiere. Aus den neuen technischen Möglichkeiten ergibt sich ein hochkompetitives Wettbewerbsumfeld.

Kampf um Aufmerksamkeit

Leise surren die Sitze und fahren langsam nach hinten. Sie fügen sich in eine lederbespannte Rückwand ein, bilden so eine entspannende Lounge, die den Fahrer zum Passagier macht. Die Navigationsdisplays wandern mit und zeigen wahlweise Apps oder Filme an. Mobile Utopie? Der Pkw wird in naher Zukunft zu einem weiteren Lebensmittelpunkt neben Büro und Zuhause. Wenn der Mensch sich im selbstfahrenden Auto nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren muss, dann wird er sich vollends anderen Dingen widmen. Nicht Exterieur und Motorleistung ist dann Kauf-, Leasing- oder Nutzungs-Argument, sondern insbesondere das, was das Auto im Interieur an Info- und Entertainment bietet.

Die spannende Frage ist, ob die Autohersteller selbst zum Content Provider reifen. Denn der Wettstreit um die inhaltliche Hoheit über die potenzielle Zielgruppe von rund 1,3 Milliarden Passagieren hat längst begonnen. Third-Party-Anbieter wie die Internet-, Unterhaltungs- und Werbeindustrie drängen verstärkt auf die Armaturenbretter der neuen Autogeneration. Aus einem guten Grund. Für Vermarkter ist das Fahrzeug nüchtern gesehen ein Daten generierender Touchpoint und damit Fortsetzung der berühmten Customer Journey. Wenn der Pkw das Versprechen als neuer Lebensraum tatsächlich erfüllt, dann wird der Kunde diesem Ort in Zukunft seine volle Aufmerksamkeit schenken.

Auf dem Weg zur Arbeit die aktuellsten News des Tages oder doch lieber die neuste Folge der Lieblingsserie konsumieren? Das Auto der Zukunft macht Vorschläge basierend auf Fahrziel, Dauer und Insassen. Bildquelle: Bosch / Funke Mediengruppe

Raus aus der Isolation

Vorbei sind die Zeiten, in denen der Fahrer mit dem Zuziehen der Seitentür nur noch über die Einwegkommunikation der Billboards am Straßenrand oder über das Autoradio ansprechbar war. Längst sind die Insassen Teil der realen und digitalen Welt. Die Vernetzung mit dem Internet senkt die Sende- und Empfangsschwelle entscheidend. Die Passagiere sind geradezu erwartungsvoll und offen für jegliche Art von Unterhaltung, die sie kurzweilig zum Ziel bringt. Davon zeugen längst die Entertainmentsysteme im Fond quer durch alle Baureihen. Doch diese werden den Anschein nicht los, dass sie lediglich nach dem dritten „Sind wir bald da?“ für Ruhe auf den Rücksitzen sorgen sollen. Ein “technisches Valium” gegen Langeweile und akuten “Pipi-Druck” der Kinder.  Allgemein liegt der Trend großer Hersteller und Zulieferer in der ständigen Optimierung technologischer Gimmicks zum Bespielen des Innenraums mit dem Internet als nicht versiegende Quelle für Audio, Bewegtbild und Co. Schon heute können Insassen ihre persönlichen Newsfeeds und Smartphone-Inhalte via Android Auto oder Apple CarPlay einsehen, damit E-Mails abrufen und Apps verwenden. Immer komfortabel wird die Bedienung durch immer größere Displays, die sich per Sprache und Gesten steuern lassen.

Kanal "Auto"

In Sachen Content rüsten viele Medien- und Internetunternehmen auf. Das Publikum sehnt sich immer mehr nach „Brot und Spielen“, nach abrufbaren Inhalten für den temporären Eskapismus – egal ob in der U-Bahn, auf dem heimischen Sofa oder auf dem Rücksitz. Welchen ultimativen Stellenwert Content hat, zeigt der harte Wettbewerb zwischen Anbietern wie Amazon Prime, Netflix, Disney+ oder Sky mit ihren On-Demand-Angeboten. Ihr Erfolgsrezept: Eigenproduktionen auf höchstem Niveau und smarte Rechte-Einkäufe. Dafür kooperieren sie weltweit mit bekannten Filmstudios und Regisseuren. Nach einer repräsentativen Studie von Bitkom werden die Dienste immer beliebter. Mit der Entwicklung des Mobilfunkstandards hin zu 5G stehen Streamingdienste auch für das Fahrzeug in den Startlöchern. Kommt jetzt der große Kampf um den „Kanal“ Auto? Zu Übernahmen? Immerhin investierten Tech-Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren über 100 Milliarden US-Dollar in automobile Zukunftslösungen. Oder warum nicht selbst ein Autobauer werden? Das zeigt ein radikales Beispiel aus Asien: Mit LeEco avancierte erstmals ein Internet- und Technologieunternehmen  zum Autobauer. Der chinesische Konzern entwickelte das futuristisch anmutende Elektroauto LeSee in Eigenregie. Es sollte zum mobilen Kino werden, selbstverständlich mit exklusivem Zugriff auf die hauseigenen Serien, Filme und Musikkanäle der Unterhaltungssparte. Ein spannendes Unterfangen, das jedoch scheiterte. Das Unternehmen hatte sich schlichtweg übernommen.

Ericsson und Volvo zeigen ihr Konzept für genügend Bandbreite zum Streamen.

Zeitalter der Kooperationen

Die tektonischen Verwerfungen im Automobilsektor haben jedenfalls neue Geschäftsmodelle hervorgebracht, frische Konstellationen und zuvor undenkbare Partnerschaften ins Leben gerufen. Volvo hat gemeinsam mit Eriksson die Bandbreitenlösung entwickelt, um Streamingdienste in HD-Qualität im Auto zu streamen, frei von Unterbrechungen. Die Lösung bezieht die geplante Fahrtroute und die unterwegs herrschenden Netzbedingungen mit ein. Auf Grundlage dieser Informationen werden die Streaming-Inhalte so zugeschnitten und zwischengespeichert, dass eine hochwertige und unterbrechungsfreie Übertragung ermöglicht wird. In 10.000 Metern Höhe sind Kooperationen solcher Art längst Usus wie der Autopilot. Die US-Fluglinie Jetblue beispielsweise ist eine Kooperation mit Amazon Prime eingegangen. Fluggäste können am persönlichen Monitor mit kostenlosem Internetzugriff ihre Filme und Serien nach Lust und Laune abrufen. Und wer noch nicht Abonnent ist, kann selbstverständlich per Klick einer werden. Ergebnis: maximale Entspannung bei exklusiver Auswahl. Was die Airlines heute schon können, sollten die Autos von morgen ebenso ermöglichen – wenn nicht sogar noch besser machen.