Abschied vom Autoschlüssel?

Wir sperren zu, was uns lieb ist. Und das schon seit Jahrtausenden. Vor Missbrauch, vor Diebstahl, vor Vandalismus. Der Schlüssel ist ein bewährter Beschützer für Besitztum, Zugang und Authentifizierung. Und der Autoschlüssel am Bund galt als das Statussymbol schlechthin. Doch in Zeiten von Smartphones wird er zum analogen Anachronismus.

Apps versus Schlüssel

Türen öffnen, ohne vorher suchen zu müssen. Den Motor starten, ohne am Zündschloss herumzufummeln. Fahrer aktueller Fahrzeuge brauchen ihren Autoschlüssel mit Keyless Go im Grunde nur noch in der Jackentasche zu haben, ein mechanisches Schloss hat die moderne Variante ohnehin noch nie von innen gesehen. Hier schlummert aber auch seine ärgste Konkurrenz: das Smartphone. Apps haben den Schlüssel technisch eingeholt, ja überholt. Mit ihnen lässt sich aus der Ferne die Klimatisierung im Innenraum steuern, das Fahrzeug verriegeln, der Standort überwachen. Und erkennt das System, dass sich das Smartphone im Auto befindet, lässt sich der Motor ganz einfach mit einem Startknopf starten. Der sogenannte "Digital Key" wird längst von zahlreichen Automarken angeboten. Diese bequeme Form nutzen seit längerem auch Kunden von Carsharing-Anbietern. Für einheitliche Technikstandards haben sich zahlreiche Techunternehmen und Hersteller zum Car Connectivity Consortium zusammengeschlossen, darunter BMW, VW, Hyundai und Honda sowie Apple, Samsung, Panasonic und LG Electronis. Dadurch können jetzt Fahrer mit ihrem Smartphone unterschiedliche Fahrzeuge nutzen.

Volvo’s “Digital Key” im Einsatz

Digital Key: flexibel, smart und facettenreich

Volvo war einer der ersten Autobauer, der den "Digital Key" für seine Fahrzeugflotten einführte. Besitzer erhalten ähnlich wie beim Erwerb einer Software dann lediglich einen digitalen . Einmal eingetippt in die Volvo-App, schon kann man losfahren. Ein weiterer Clou: Der digitale Schlüssel lässt sich beliebig teilen, wenn zum Beispiel das Auto einem Freund überlassen wird. Dazu genügt ein Klick und die Zugangsberechtigung für eine bestimmte Zeit wird an das Gerät des Empfängers übertragen. Diese kann jederzeit revidiert werden. Der Schlüsselersatz erleichtert auch Wartungs- und Reparaturarbeiten. Techniker holen den Wagen einfach ab und bringen wieder ihn wieder zurück. Man kann das eigene Fahrzeug auch der Carsharing-Community zur Verfügung stellen, beispielsweise wenn man auf Reisen ist. Die Möglichkeiten der digitalen Schlüsseltechnologie scheinen damit nahezu endlos. Während die Konkurrenz nachzieht, schlägt Mercedes-Benz ab 2020 einen anderen Weg beim Fahrzeugzugang: Für das Öffnen gibt es einen einheitlichen Fahrzeugschlüssel-Sticker auf dem Smartphone, in den ein Mikrocontroller integriert ist. Mit diesem lässt sich das Fahrzeug auch berührungslos schließen und starten, während das Mobiltelefon in der Hosentasche bleibt.

Die Berliner Manufaktur Noblekey veredelt Autoschlüssel zu wahren Kunstwerken. Bildquelle: Noblekey

Schlüssel im Survival-Modus

Ein Feature spendiert der schwedische Autobauer in der ganzen Digitalisierungwelle aber seinem normalen Schlüsselsortiment: Volvo drosselt von Mitte 2020 an das Tempo seiner Autos freiwillig auf maximal 180 km/h. Dafür hat es in der Automobilwelt ordentlich für Furore gesorgt. Mit dem Care Key kann der Fahrzeughalter eine individuelle Höchstgeschwindigkeit festlegen, beispielsweise wenn er das Auto an den Fahranfänger in der Familie verleiht. Trotz dieser kämpf der Schlüssel  wie wir ihn kennen gegen den weiteren Bedeutungsverlust an und entwickelt sich immer mehr zum multifunktionalen Design- und Accessoire-Objekt. Das treibt das Berliner Unternehmen Noblekey auf die Spitze: Dazu werden lediglich Bart und elektronische Innereien des Originals übernommen und dann je nach Wunsch mit Silber, Gold oder Edelhölzern zu einem Unikat verarbeitet – für mehrere Tausend Euro. Auch exquisite Schlüssel für die eigene Yacht, den Privatjet oder die Immobilie im Ausland sind bei Bedarf hier erhältlich.

Display Key – die letzte Rebellion?

Der Schlüssel versucht sich indes in einem Mehr von inneren Werten. Entsprechend viel Publicity hat der "Display Key" für die Oberklasse-Generation von BMW entfacht. Induktiv geladen wird der Schlüssel, wenn er in der dafür vorgesehenen Mulde der Mittelkonsole liegt. Highlight ist der 2,2-Zoll-Touchscreen, der über Füllstand des Tanks und aktuelle Reichweite informiert, und zudem das automatisierte Parken auslöst. Herausgekommen ist aber kein Schlüssel, sondern eine Fernbedienung, die kaum noch in die Hosentasche passt, wie die immer größer werdenden Smartphones. Großes Kino versus Komfort.

Der Display-Schlüssel von BMW. Bildquelle: BMW

Öffnen per Geste

Experten sehen mit dem Aufkommen digitaler Ersatzschlüssel ohne mechanische Teile mehr Möglichkeiten für digitale Gangster. Keyless Go gilt seit langem als einfache Möglichkeit für Autodiebe, sich Zugang zu einem Fahrzeug zu verschaffen. Diese Systeme messen die Signalstärke des Schlüssels. Je stärker sie ist, desto näher ist der Benutzer am Fahrzeug. Das Signal kann jedoch leicht abgefangen werden. Der Chiphersteller NXP und der Fahrzeughersteller VW haben Ende August in Hamburg ein Konzeptfahrzeug vorgestellt, das mit der Ultra-Wideband-Technologie (UWB) eröffnet wird. Damit ist es unmöglich, das Funksignal abzufangen. UWB ermöglicht eine präzise und nicht manipulierbare Überprüfung der Position des rechtmäßigen Schlüsselinhabers in Echtzeit. Darüber hinaus kann das Fahrzeug je nach der Seite, von der aus sich der Fahrer nähert, auch einzelne Türen entriegeln. Revolutionär ist auch die Anwendung der KI. Die Technologie lernt und erkennt die Gehgewohnheiten und Gesten des Fahrers. So kann dem Auto beigebracht werden, den Kofferraum zu öffnen, wenn der Besitzer mit einer Hand winkt, die den Schlüssel hält, oder einen Fuß in die Nähe des Kofferraums setzt.

Der Volkswagen Konzern und NXP Semiconductors zeigen zukünftige Anwendungsbereiche für Ultra-Wideband-Technologie.

Ich bin der Schlüssel

Biometrische Lösungen sind die ultimative Alternative und der Sargnagel für die bisherigen Zugangssysteme. Schließlich sind Augen, Venenstruktur, Fingerabdrücke und Gesicht unverwechselbar. Es gibt beispielsweise keine Menschen mit identischem Fingerabdruck. Und man trägt ihn stets bei sich. Huyndai hat 2019 Türgriffe und Starterknopf erstmals ein Serienmodell mit einem biometrischen Scanner ausgestattet, So kann der Fahrer erst mit der Authentifizierung durch einen Fingerprintsensor den Motor zünden können. Dessen Elektroden erfassen in Sekundenbruchteilen zweifelsfrei die Linien-Enden, Verzweigungen und Wirbel der Fingerkuppen und vergleichen diese mit gespeicherten Datensätzen. Gleichzeitig werden individuelle Einstellungen wie Sitz- und Spiegelposition und Infotainment aktiviert. Weitere Features sind geplant. Osram wagt dagegen den Iris-Scan für das Auto. Das Unternehmen hat diesen bereits für das Smartphone entwickelt. Hierbei fungiert ein LED als Lichtquelle, die die Iris mit infrarotem Licht in passender Wellenlänge beleuchtet, so dass eine Kamera das Bild des Irismusters erfasst. Auch hierbei werden Informationen abgeglichen. Danach soll der Fahrer die Autotür schlüssellos öffnen oder die Wegfahrsperre aufheben können. Ein anderer Infrarot-LED kann auch Gesichter vollständig erkennen.

Der Fingerprintscanner von Hyundai am Türgriff. Bildquelle: Hyundai

Mein Haus, mein Boot, meine Jacht - mein Gedankenschlüssel für alles

Verquickt mit modischer Grundausstattung könnte die Biometrie beispielsweise auch in die Schuhsohle Einzug halten. Ein in die Sohle integriertes Sensorsystem erkennt dazu während des Laufens die Gewichtsverlagerung und identifiziert darüber den Träger des Schuhs. Denn auch die Gangart eines Menschen ist unnachahmlich. Einmal auf die Fußmatte gesetzt, könnte der Schuh den Motor zum Starten bringen. Natürlich nichts für Barfuß-Fetischisten. Der Zugang zum Auto per Gedankenübertragung wäre der nächste Schritt: Warum nicht Sensoren zur Messung von Gehirnströmen nutzen, welche bioelektrische Wellenmuster für Steuerbefehle wie “auf”, “zu” und “losfahren” unterscheiden können. Und das am besten für alle Schließanlagen – für daheim, für das Büro, für die Jacht, für die Garage. Sozusagen ein biometrisch-digitaler Universalschlüssel für alle Lebenslagen. Womit wir auch endlich das Schlüsselbund zu Grabe tragen würden. R.I.P.