Die Dienstwagenrevolution

Erst autonome Fahrzeuge machen aus dem Dienstwagen einen richtigen Dienstwagen, wo Fahrzeit zur Arbeitszeit wird. Wer braucht dann künftig noch das repräsentative Büro?

Wandel der Arbeitswelt

Um das Jahr 1900 kamen auf hundert Industriearbeiter zwei oder drei Bürokräfte. Heute gehen zwei Drittel der Angestellten einer Bürotätigkeit nach. Und die Digitalisierung wird die Grundordnung der Arbeitswelt weiter grundlegend verändern, mit einem wachsenden Heer an mobilen Arbeitsnomaden, die projektweise, ortsungebunden und nicht mehr zu festen Zeiten arbeiten. Statt in der schicken Firmendependance sind sie fast ausschließlich bei Kunden, im Café oder im Coworking-Space, in der Bahn oder der Flughafenlounge anzutreffen. Tablet und Smartphone erlauben uns, selbst den Aufenthaltsort im Urlaub auf einer fernen Insel rasch in einen Arbeitsplatz zu verwandeln. So verschmelzen Arbeit und Freizeit nahezu unmerklich immer mehr. Die Bürogebäude sind darum vielfach Kulissen, die verschleiern, dass wir längst zu mobilen Büros konvertiert sind. Sogar am konventionellen Dienstwagen nagt der Zahn der Zeit. Er gilt vielerorts als rollender Leistungsnachweis seines Fahrers. Aber ist es auch ein Ort der Produktivität?

In Großstädten ein bekanntes Bild: Cafés mutieren zu temporären Büroräumen. Bildquelle: Austin Distel on Unsplash

Dienstwagen bedingt geeignet

Zwar lassen sich Telefonkonferenzen per Freisprechanlage abhalten, E-Mails können vorgelesen und diktiert werden – aber ganz befreiend ist das immer noch nicht. Erste Hersteller wie BMW oder VW vernetzen den Fahrer bereits mit Diensten von Anbieter Microsoft. Das Angebot soll den Fahrer bei Büroaufgaben intelligent unterstützten und damit das Smartphone überflüssig machen. Den geschäftlichen Terminkalender kennt es in- und auswendig, wählt sich automatisch in die nächste Telefonkonferenz ein und speist das Navigationssystem mit den Daten zum Treffpunkt für das nächste Meeting. Wie ein digitaler Sekretär. Doch neben der Erledigung rein kommunikativer Aufgaben klafft immer noch eine große Lücke. Qualitatives Arbeiten im Auto ist weiterhin nicht möglich.

Microsoft Office für das Fahrzeug.

Licht am Ende des dunklen Tunnels naht. Denn das autonome Fahrzeug wird vielleicht zum wichtigsten Raum neben Büro und Zuhause. Mit faszinierenden Interieur-Konzepten wie von Panasonic, Brose oder von Audi mit dem AI:CON entsteht ein neues produktives Zeitfenster.: Die Sitze lassen sich drehen und zurücksetzen, über Monitore können die Passagiere via Gesten oder Touchpad mit dem Fahrzeug interagieren, Tische mit Tablet-Oberfläche können ausgefahren werden, und die Scheiben werden zu Bildschirmen. Der Effizienzgewinn beginnt bereits mit der Anfahrt: Eine To-do-Liste wird aufgerufen und weist dem Fahrer Aufgaben zu, die er während der prognostizierten Fahrzeit absolvieren kann. So beginnt der Arbeitstag nicht erst auf dem Bürostuhl, sondern bereits beim Einsteigen ins Auto. Und da wir schließlich zum simplen Passagier degradiert werden, haben wir einen Gewinn an Zeit, Ruhe und Konzentrationsvermögen.

Das Interieur vom Audi AI:CON lädt zum Verweilen und Arbeiten ein. Bildquelle: Audi AG

Flexibilisierung von Arbeit

Wir können Texte und Konzepte verfassen, programmieren, Präsentationen und Kampagnen gestalten oder an einer Videokonferenz teilnehmen. Und wenn der Blick durch die Fensterscheibe nicht genügend inspiriert, wählt man eine rein virtuelle dreidimensionale Kulisse mit Atmosphäre, die die entsprechende Stimmung unterstützt. Darüber hinaus können Weiterbildungsangebote und Sprachkurse in Anspruch genommen werden, mit der Projektion des Sprachlehrers in der Scheibe oder als Hologramm. Je nach Bedarf können Fahrzeuge künftig auch temporär zu einer Arbeitsstätte zusammenschließen. Ebenso wird das Auto zum diskreten Meeting Point für Beratungsgespräche und Vertragsunterzeichnungen. Relevante Informationen werden direkt via Augmented Reality ins Fahrzeug projiziert.

Das mobile Arbeiten im Auto wird auch für das Crowdworking an Bedeutung gewinnen: Projekte werden in kleine Arbeitspakete gesplittet und von Menschen auf der ganzen Welt erledigt. Microtasking nennt man das. Derartige Aufgaben dauern zwischen fünf Sekunden bis zu mehrere Stunden. Im autonomen Auto entscheiden sich die Passagiere dann anhand der angegebenen Fahrzeit, ob sie während der Fahrt von A nach B einen Mikroauftrag annehmen und ausführen können. Während man beispielsweise einen Car- oder Ridesharing-Dienst nutzt, könnte so gleich der Fahrtarif abgearbeitet werden.

Unproduktive oder langweilige Reisezeiten können in angenehme Minuten oder Stunden auf der Straße verwandelt werden.

Und was passiert in der Mittagspause? Wie wär’s mit Powernapping? Fitnessübungen oder einem neuen Haarschnitt? Das alles wird künftig im Auto möglich sein wie die eindrucksvolle Volvo 360c-Konzeptstudie zeigt. Wir werden vermutlich mobile Friseure und Visagisten sehen, die zu ihren Kunden steigen oder selbst einen Salon auf Rädern betreiben. Ebenso wie Trainer, Masseure und Coaches aller Art. So werden Büroräume oder Geschäftsläden mit dem autonomen Fahren in Teilen überflüssig, weil sie sich flexibel auf die Straße verlagern lassen.

Zum nächsten Termin einfach in den Schlafmodus wechseln. Bildquelle: Volvo