Alles nur ein Hype?

Das Segway galt als Fortbewegungsmittel der Zukunft, jetzt kam sein Aus. Dem E-Scooter könnte dasselbe Schicksal ereilen. Vorübergehender Hype oder langfristige Ergänzung für urbane Mobilität?

Die Innenstädte übervölkert, die Straßen zu eng und Verkehr nur noch gegen City-Maut – wenn Verkehrsforscher in die Zukunft blicken, malen sie düstere Szenarien und zeigen Konzepte mit alternativen Mobilitätslösungen auf. Für herkömmliche Autos ist darin kaum mehr Platz ist. Heute versprechen unzählige Start-ups die Mobilität in den Städten zu revolutionieren. Aus den wenigsten Ideen entstehen allerdings marktfähige Produkte und Geschäftsmodelle, die sich nachhaltig etablieren. Auch Dean Kamen hatte 2001 große Ambitionen, als er das Segway der Öffentlichkeit vorstellte. Seine Erfindung werde den Verkehr in überfüllten Innenstädten revolutionieren und das Auto gleich mit ersetzen, versprach der Tüftler vollmundig. Disruption würde man heute dazu sagen. Bis zu 20 km/h schnell ist der zweirädrige Roller-Flitzer und schafft mit einer Akkuladung eine Reichweite von bis zu 38 Kilometer. Je nach Modell wiegt ein Segway bis zu 55 Kilogramm. Die Fahrerin oder der Fahrer steht aufrecht zwischen den beiden einzeln angetriebenen Rädern. Das Gefährt beschleunigt und bremst man allein durch Gewichtsverlagerungen. Die entscheidende Fähigkeit des Segway ist jedoch, selbstbalancierend zu sein.

Nischenprodukt statt Revoluzzer

Obwohl Jeff Bezos und Apple-Ikone Steve Jobs dem Stehroller eine große Zukunft prophezeiten, blieb er nach fast zwanzig Jahren ein Nischenprodukt. Mit einem Preis von mehreren Tausend Euro war das Segway schlicht zu teuer für die meisten Privatpersonen. Beliebt sind sie weiterhin bei Touren: In Metropolen Barcelona, Paris oder Berlin gehören die Segway-Karawanen mit Reiseführer zum Straßenbild. Mancherorts etablierte sich das Elektro-Zweirad bei einigen Polizeirevieren und Sicherheitsdiensten in Einkaufszentren. Nach dem Tod des Firmeneigners Jimi Heselden – er verunglückte auf tragische Weise mit einem Segway –, übernahm das chinesische Unternehmen Ninebot 2015 Firmennamen und Patente von einem US-Investor. Auch mit neuem Marketingkonzept und Modellen erfüllten sich nicht die Erwartungen. Bis heute wurden weltweit gerade einmal 140.000 Segways produziert und ausgeliefert. Nun hat der einst als futuristisch geltende Stehroller ausgedient. Im Juli kam das Aus für das Segway-Original. Es gab einfach keine Nachfrage mehr. Das Fortbewegungsmittel machte am Ende nur noch 1,5 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Mit dem Segway S-Pod kann man im Sitzen fahren - Segway Ninebot © 2020

Der Segway-Nachfolger

Ganz verschwinden wird der Name Segway allerdings nicht von der Bildfläche. Ninebot hat kürzlich den Prototypen des Personentransporters S-Pod vorgestellt. Das Gefährt erinnert an einen futuristischen Sessel mit zwei Rädern. Technisch funktioniert er wie das alte System mithilfe von Gyroskopen zur Stabilisierung der Räder. Im S-Pod lehnt man sich entspannt zurück und steuert ihn wie ein Elektro-Rollstuhl per Joystick. Zum Ein- und Ausstieg fährt ein kleines Hilfsrad aus. Bis auf 40 Stundenkilometer kann der rasante Sessel beschleunigen und soll eine Reichweite von 70 Kilometern schaffen. Eine neue Mobilitätsrevolution hat das Unternehmen damit nicht ausgerufen. Der S-Pod eignet sich eher als Alternative für Senioren, Personen mit Behinderungen oder Übergewichtige. Den Fokus setzt Ninebot mehr auf E-Scooter – das „next big thing“? Jedenfalls stammen vier von fünf weltweit verbreiteten E-Scootern bereits aus einer der Ninebot-Fabriken.

E-Scooter als Stadtflitzer für Kurzstrecken - Tier Mobility GmbH © 2020

Zugleich werden die Roller technisch immer ausgefeilter mit Sprachsteuerung oder Navigationsdisplay. In großen Städten können sie per App gemietet werden, was besonders von Pendlern rege genutzt wird, um von der Bahnstation zum Büro zu gelangen. Aber auch Touristen greifen häufig zu E-Scootern. Das Sharing-Konzept boomt. Um die Vorherrschaft auf dem Vermietungsmarkt ist ein regelrechter Kampf um Anteile entbrannt. Leih-Scooter von Lime, Bird und etlichen weiteren Startups fluteten 2019 die deutschen Großstädte mit ihren Flotten in den Innenbezirken. Doch nun kämpfen die Anbieter schon wieder ums Überleben. Die zweite Saison in Deutschland sollte in diesem Jahr eigentlich den Durchbruch bringen, nachdem im Winter die Zahl der Fahrten zurückgegangen war. Darin liegt auch ein Problem wie beim Segway: Der Roller ist eher ein saisonales Gefährt.

E-Scooter: Der umweltfreundliche Stadtflitzer? © Statista 2019

Das Corona-Virus bremste jedoch vor einigen Monaten die Expansionsambitionen der Firmen aus. Aus Furcht vor Ansteckung an womöglich virenverseuchten Lenkern wurden die Roller gemieden. Die Unternehmen parken seitdem große Teile ihrer Flotten und bauen Personal ab. Auch das Image hat gelitten: Verbotenes Fahren auf dem Bürgersteig und Unfälle und wildparkende Roller gehören in Städten zur Tagesordnung. Viele Städte haben die Nutzung daraufhin reguliert. Und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt kommen zu dem Ergebnis, dass beim „Zurücklegen eines Weges mit dem E-Scooter das Unfallrisiko im Vergleich zum Fahrrad derzeit doppelt so hoch ist“. Ein handfester Kritikpunkt ist zudem die Öko-Bilanz: Die Vision emissionsfreier Mikromobilität wird zum Witz, sobald entladene E-Scooter mit konventionell betriebenen Transportern quer durch die Stadt transportiert werden. Darüber hinaus sind sie schon nach wenigen Monaten schrottreif. Droht dem neuen Shootingstar der Straße ein jähes Ende? 

Der Urahne des E-Scooter floppte

Es lohnt sich der Blick auf die Historie: Schon einmal versuchten sich Firmen mit einem motorisierten Stehroller: Um 1915 brachte die New Yorker Firma Autoped Company of Long Island City ihren ersten Roller auf den Markt. 30 Stundenkilometer schnell, eine Variante sogar mit Elektroantrieb. Die vermeintliche Lösung moderner Verkehrsprobleme setzte sich nicht durch, die Produktion wurde 1921 eingestellt. Im Laufe des Ersten Weltkrieges schwappte der Scooter-Trend nach Europa.

Nicht viel besser lief es für den „Motorläufer“ von Krupp, der ebenfalls floppte. Gleiches Schicksal ereilte Anfang des 20. Jahrhunderts übrigens auch das Elektroauto, dessen Comeback bekanntlich 100 Jahre später glückte. Ob der E-Tretroller vom Spaßmobil zum ernstzunehmenden Verkehrsmittel in den nächsten Jahren aufsteigen wird, ist derzeit völlig unklar. „Viele Investoren sahen im Jahr 2017 in den E-Scootern die neuen Heilsbringer, als sich der Hype um Carsharing abkühlte und auch klar wurde, dass es mit dem autonomen Fahren viel länger dauern wird als bis 2021, wie einst avisiert“, rekapituliert Andreas Nienhaus, Partner der Strategieberatung Oliver Wyman.

Der Krupp-Roller rollte als einer der Urahnen des E-Scooters schon vor über 100 Jahren über die Straßen - Historisches Archiv Krupp © 1919

„Tatsächlich ersetzen sie keinen Individualverkehr, sondern Fußgängertum – und die Scooter überfluten die Städte.“ Für den Berater liegt der Erfolgsfaktor darin, E-Scooter künftig besser in multimodale Mobilitätsverbünde zu integrieren: „Die Marktführer der Zukunft werden über smarte Kooperationen gemacht und bedient so das stetig steigende Bedürfnis der Kunden an Flexibilität und Spontanität um von A nach B zu kommen.“ Unterdessen bemühen sich auch die Anbieter um eine bessere Öko-Bilanz mit wechselbaren Akkus oder emissionsfreien Transporten zu den Ladestationen. Allerdings muss geschaut auch genau hingeschaut werden, wie sehr der Trend von Leihfirmen abhängt. Repräsentative Statistiken über Privatkäufe gibt es derzeit noch nicht.

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