Foto: Julius Schrank

Soko Autoposer: Mit der Hamburger Polizei im Einsatz

Sie verursachen Lärm und Staus, gefährden sich und andere Verkehrsteilnehmer: Autoposer, die zumeist jungen Männer mit ihren aufgemotzten Fahrzeugen. Sei es durch tiefergelegte Karosserien, fette Räder und markante Lackierungen sowie vor allem durch viel PS und ohrenbetäubende Motorsounds. Anders als die Tunerszene, wollen die Poser nur eines: auffallen. In vielen Städten geraten sie vermehrt ins Visier der Polizei, die mit Sonderkommissionen gegen die motorisierten Angeber vorgeht. So wie in Hamburg mit der Kontrollgruppe Autoposer.

Mannheim hat vor drei Jahren den Anfang gemacht. Anwohner und Geschäftsleute in der City beschwerten sich über den zunehmenden Lärm in den engen Straßen. Die Polizei versuchte es zunächst auf die sanfte Tour, verteilte symbolische „gelbe Karten“ mit der Aufschrift „Stop Posing“ an die Fahrer der getunten Autos – die Aktion blieb ziemlich wirkungslos. Dann gab es Verwarnungen, schließlich beschlagnahmte die Polizei erste Fahrzeuge – die Ermittlungsgruppe Poser nahm ihre Arbeit auf. Schnell zogen weitere Städte wie Berlin, Frankfurt, Köln und eben Hamburg mit ähnlichen Einheiten nach.

Blick durch die Windschutzscheibe auf einen vorausfahrenden gelben Sportwagen.
Auto-Poser im Blick: Die Soko der Hamburger Polizei - Foto: Julius Schrank

Autoposer meist nicht zu überhören – und zu übersehen

Die metalllic-farbene Limousine fällt Tobias Hänsch auf der sechsspurigen Ausfallstraße sofort auf. „Nicht zu überhören“, sagt er knapp, „und zu übersehen ist auch nicht, dass da getunt wurde. Da genügt ein Blick auf den Schalldämpfer.“ Genau das ist die Absicht des jungen Autofahrers: gehört und gesehen werden, Aufmerksamkeit erregen. Diesmal ist er mit seinem Imponiergehabe aber an den Falschen geraten: Hänsch ist Hauptkommissar bei der Polizei Hamburg und Chef der Kontrollgruppe Autoposer – und mit einem unauffälligen Zivilfahrzeug im Einsatz.

„Bei den Leuten aus der legalen Tuning-Szene stehen die zum Teil liebevoll gepflegten und individualisierten Autos im Mittelpunkt. Die Besitzer achten zumeist penibel darauf, dass ihre Änderungen am Fahrzeug auch den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Bei den Autoposern sind es die Fahrer selbst, die im Mittelpunkt stehen und bewundert werden wollen.“ So beschreibt Rüdiger Born, Vorstand vom Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen, die Unterschiede zwischen Tunern und Posern. „Poser sind Selbstdarsteller, die solche PS-starken Boliden für ihr Selbstwertgefühl brauchen, buchstäblich um jeden Preis. Sie benötigen möglichst viel Publikum und die damit verbundene Anerkennung, die sie in anderen Lebensbereichen meistens nicht erhalten. Häufig ist das Tuning illegal und viele Poser fallen auch durch überhöhte Geschwindigkeit oder sogar illegale Rennen auf.“

„Poser sind Selbstdarsteller, die solche PS-starken Boliden für ihr Selbstwertgefühl brauchen.“

Rüdiger Born

Vorstand Bundesverband Niedergelassener Verkehrspsychologen

Die Poser könnten sich „mit vergleichsweise kleinem Aufwand wie die Stars der Straße“ fühlen und würden darin noch von den anderen aus der Szene bestärkt. „Hinzu kommt“, so Psychologe Born weiter, „das Gefühl der Leistungsfähigkeit, wenn sie auf das Gaspedal treten und den Motor aufheulen lassen, um ihre vermeintliche Überlegenheit zu zelebrieren – auch wenn das Ärger einbringt und viel Geld kosten kann. Hauptsache, man wird wahrgenommen.“

„Fahrzeugkontrolle, die Papiere bitte!“

Gut zwei Kilometer lassen Hänsch (35) und seine Kollegin Janina von Keßinger (37) den Poser weiterfahren, dann ist auf Höhe der Alster Schluss: Blaulicht durch das Schiebedach aufs Dach, Anhaltekelle raus. „Fahrzeugkontrolle, die Papiere bitte!“ Der hünenhafte Fahrer ist sichtlich überrascht. Und blass. Ja, er habe sein Auto technisch ein wenig aufgemotzt, aber nur drei Dinge, verrät der 27-jährige Lackierer und fügt hinzu: „Dieses Auto ist schon seit Jahren mein Hobby!“ Und ja: Er habe leider vergessen, die Umbauten in den Kfz-Schein eintragen zu lassen ...

Nahaufnahme eines Lärmpegelmessgerätes im Abstand von 50 Zentimetern zum Auspuffrohr eines Fahrzeugs.
Vom Ergebnis der Lärmpegelmessung hängt ab, ob die Betriebserlaubnis erlischt. Foto: Julius Schrank

Soweit es möglich ist, nehmen Hänsch und seine Kollegin vor Ort die vergleichsweise normal motorisierte Stufenhecklimousine genauer unter die Lupe. Ergebnis: ein nachträglich eingebauter Fächerkrümmer und eine Abgasanlage, für die es keine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) gibt. Gleiches gilt für die veränderte Rad-Reifen-Kombination. Bei der anschließenden Lärmpegelmessung aus 50 Zentimetern Distanz zum Schalldämpfer messen die Polizisten statt der  84 Dezibel (dB) satte 111 dB. Maßgeblich dabei sind die in der Betriebserlaubnis des Fahrzeugs eingetragenen Werte beziehungsweise, falls vorhanden, der Wert der Betriebserlaubnis für die nachträglich eingebaute Auspuffanlage. „Schlechte Nachricht“, so Kommissar Hänsch nach dieser ersten Bestandsaufnahme zum Fahrer der aufgefallenen Limousine. „Wir müssen Ihr Fahrzeug zur genauen Begutachtung sicherstellen, weil der Verdacht besteht, dass die Betriebserlaubnis erloschen ist und eine Gefährdungssituation besteht.“

Mitarbeiter eines Abschleppunternehmens ziehen ein stillgelegtes Fahrzeug auf die Rampe eines Abschleppfahrzeugs.
Stillgelegt: Der zu laute Wagen darf nicht weiterfahren. Foto: Julius Schrank

1.000 Euro Strafe. Noch gefährlicher: illegale Straßenrennen

Ein abruptes und teures Ende einer Spritztour durch die Hamburger Innenstadt – der Wagen wird zur sogenannten Verwahrstelle der Polizei geschleppt, auch bekannt als „Autoknast“. „Mit 900 bis 1.000 Euro müssen Sie etwa rechnen“, erklärt Tobias Hänsch dem Fahrer, der seinen Weg nun als Fußgänger fortsetzen muss. Zu den 90 Euro Bußgeld addieren sich die Kosten für das Abschleppen, den Gutachter und den Stellplatz im Autoknast. Obendrauf gibt’s einen Punkt im Fahreignungsregister (FAER), der Flensburger Verkehrssünderkartei.

"Zum Repertoire der Poser-Szene gehören leider auch illegale Straßenrennen“, weiß Tobias Hänsch. Auch in dieser Nacht. Eine Ausfallstraße im Osten der Stadt. Vor einer Ampel stehen ein Cabrio und ein Luxus-Sportwagen. Als die Ampel auf Grün umspringt, geben beide Fahrer Vollgas. Das unauffällige Videofahrzeug der Kontrollgruppe hinter sich haben sie nicht registriert. Schon nach wenigen hundert Metern rasen die PS-Protze mit mehr als 150 Stundenkilometern über die sechsspurige Bundesstraße, bis die Polizisten sie stoppen. Beide Autos werden beschlagnahmt, die Führerscheine gleich dazu. Der 19-jährige Fahrer des Cabrios wird nach einem gescheiterten Fluchtversuch vorübergehend in Gewahrsam genommen. „Diese verbotenen Rennen sind ein Straftatbestand und damit ein Fall für den Staatsanwalt“, erklärt Hänsch. Bis zu zwei Jahre Gefängnis oder Geldstrafe, Entzug der Fahrerlaubnis und drei Punkte drohen als Strafe für solche illegalen Rennen. Kommen Personen zu Schaden, kommen Raser nicht mit einer Geldstrafe davon, sondern müssen mindestens sechs Monate oder länger ins Gefängnis.

Zwei Polizeibeamte überprüfen den Motorraum eines Sportwagens.
Mit geschultem Blick überprüfen die Polizisten einen Sportwagen. Foto: Julius Schrank

So geht Tuning richtig

Grundsätzlich führen alle Änderungen am Fahrzeug mit möglichen Einfluss auf die Verkehrssicherheit oder wesentliche Umweltwerte zum Erlöschen der Betriebserlaubnis. Dazu gehören alle Veränderungen an Fahrwerk, Bremsen, Rädern, Motor und Abgasanlage. Keinen Einfluss auf die Betriebserlaubnis haben Tuningkomponenten mit einer Allgemeinen Betriebserlaubnis (ABE). Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat empfiehlt daher, nur Teile mit ABE zu verwenden. So vermeiden Tuner teure Einzelabnahmen beim TÜV oder einer anderen Sachverständigenorganisation. Generell müssen Tuningmaßnahmen in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden. Wer ohne Eintragung fährt, riskiert im Schadensfall den Versicherungsschutz.

Seit einigen Jahren ist in der Europäischen Union die Reifenbindung bei Autos aufgehoben. Der Fahrzeughersteller kann also nicht mehr vorschreiben, welche Reifen montiert werden. Stattdessen muss er garantieren, dass alle zulässigen Reifen montiert werden können. Dadurch boomt die Nachfrage und breite Reifen und glänzende Leichtmetallfelgen lassen Tuning-Herzen höher schlagen. Breitere Reifen sind für viele Autofahrer aber nicht nur ein optisches Highlight, sie haben auch Vorteile: auf trockener Straße verbessert sich das Handling und der Grip, d.h. der Bremsweg wird kürzer. Allerdings leidet der Komfort, die Dämpfung des Reifens nimmt ab und der Rollwiderstand wird höher. Bei Nässe droht schnellere Aquaplaninggefahr. Reifen dürfen nur so breit sein, dass die Lauflächen durch die Kotflügel abgedeckt sind (§ 36 StVZO).

Dynamische Optik und eine vermeintlich sportlichere Sitzposition: Die Tieferlegung des Autos zählt zu einer der beliebtesten Arten des Fahrwerktunings. Aber wie tief darf ein Fahrzeug liegen? Die StVZO (§30) gibt hier eine klare Empfehlung. Demzufolge müssen Fahrzeuge so beschaffen sein, dass Verkehrseinrichtungen (also zum Beispiel Bordsteine) beim Überfahren nicht beschädigt werden. Grundsätzlich haben Autofahrer also viel Spielraum. Allerdings orientiert sich der TÜV häufig an der Vorgabe, dass ein Hindernis von 11 cm berührungslos überfahren werden kann. Der Umbau ist nichts für Hobby-Bastler und sollte in einer Fachwerkstatt durchgeführt werden. Die Eintragung der Umbauten in die Fahrzeugpapiere ist Pflicht.

Kräftiger Sound und ein auffälliges Design am Heck: Viele Tuning-Fans holen sich mit einem neuen Auspuff eine sportliche Optik auf die Straße. Wenn es dabei nur um das Aussehen geht, kann bedenkenlos auf günstige Endrohrblenden zurückgegriffen werden. Für eine gute Sportauspuffanlage sind aber Nachrüst-Schalldämpfer, Sport-Katalysatoren und Auspuff-Krümmer notwendig. Auch hier ist beim Kauf auf die E-Kennzeichnung zu achten. Das Entfernen von Serienkomponenten im Auspuff, beispielsweise des Vor- oder Mittelschalldämpfers oder des Katalysators, ist verboten. Der Einbau einer individuell angefertigten Abgasanlage ist zwar möglich, aber immer mit einer teuren Geräusch- und Abgasmessung verbunden.

Star der Poser-Szene im Toleranzbereich

Zurück auf der Straße. Tobias Hänsch wird in der Innenstadt durch das Blubbern des Endschalldämpfers auf eine schwarze Sport-Limousine aufmerksam – mit rund 500 PS das Star-Modell in der Poser-Szene. Blaulicht, Kelle, Kontrolle. Am Steuer sitzt ein eher schmächtiger junger Mann, der vor einigen Wochen schon einmal ins Visier der Kontrollgruppe geraten war – ohne Folgen. Diesmal muss er einen Drogentest absolvieren, der fällt negativ aus. Auch bei der Lärmkontrolle bleibt die 120.000 Euro teure Luxuskarosse des 23-Jährigen im Toleranzbereich.

Hauptkommissar Hänsch überwacht den Abschleppvorgang eines Fahrzeugs.
Hauptkommissar Hänsch überwacht den Abschleppvorgang eines Fahrzeugs. Foto: Julius Schrank

Kein Unrechtsgefühl

Eine Verwarnung gibt es trotzdem, weil die Spurverbreiterung und eine Fahrwerksveränderung nicht in die Fahrzeugpapiere eingetragen sind. Das muss der Fahrer jetzt innerhalb von 14 Tagen nachholen. „Ich bin kein Poser, ich fahre in der Stadt zurückhaltend“, verteidigt sich der Inhaber eines Handyshops.

„Viele Poser haben überhaupt kein Unrechtsgefühl“, erklärt Tobias Hänsch. „Sie definieren sich über ihre PS-Boliden und genießen die Aufmerksamkeit, die sie mit ihren dröhnenden Motoren hervorrufen, sie zelebrieren ihre Auftritte förmlich. Vor kurzem hatten wir einen Poser, der doch tatsächlich argumentierte, er und sein Auto seien doch eine Touristenattraktion.“

Besonders dreist und einfach hatte ein 25-jähriger Fahrer sein 304 PS starkes US-Coupés manipuliert, das er kurz zuvor aus den USA mitgebracht hatte. „Erst als der Wagen durch den Abschleppkran angehoben wurde, konnte ich es sehen“, sagt Tobias Hänsch: „Mit einer Flex waren große Löcher in beide Abgasrohre geschnitten worden, um den Wagen lauter zu machen.“

Poserfahrt endet in Fußmarsch

Später am Abend am Hafenrand: Der Fahrer eines Mittelklasse-Coupés beschleunigt an einer Ampel mit laut dröhnendem Motor – sein Fehler. Kontrolle, die Geräuschmessung ergibt 106 statt der zulässigen eingetragenen 80 Dezibel. Außerdem sind die Rückleuchten, wie in der Szene üblich, mit einer Folie abgedunkelt, strahlen weniger Licht ab. Der 44-jährige Fahrer ist auffallend nervös, darum lässt Tobias Hänsch ihn einen Urintest absolvieren, um Drogenmissbrauch auszuschließen. Als der Fahrer erfährt, dass sein Wagen wegen der lauten Abgasanlage sichergestellt wird, schimpft er: „Sie können mich doch hier nicht mitten in der Nacht aussetzen!“ Die beiden Beamten erklären ihm ruhig, warum sie das können – und sogar müssen: „Für Ihr Auto sind Sie verantwortlich. Und in diesem Zustand gefährdet Ihr Fahrzeug die Verkehrssicherheit und die Gesundheit anderer Verkehrsteilnehmer.“ Immerhin, der Drogentest fällt negativ aus.

Fazit dieser Nacht: Sechs Beamte der Hamburger Kontrollgruppe ziehen sieben Pkw zur weiteren Begutachtung aus dem Verkehr. Bei Autos soll es übrigens nicht bleiben: „Demnächst werden wir uns verstärkt um laute Motorräder kümmern“, kündigt Tobias Hänsch an. So wird nicht nur die ungestörte Nachtruhe der Anwohner gewährleistet, sondern sicherlich auch vorbeugend der eine oder andere Unfall wegen Imponiergehabe und mangelndem Risiko- sowie Verantwortungsbewusstsein verhindert.

Artikel und Fotos wurden mit freundlicher Unterstützung der Kampagne "Runter vom Gas" zur Verfügung gestellt.

Die Initiative „Runter vom Gas“ auf der IAA

Verkehrssicherheit ist ein zentrales Thema auf der IAA 2019. Besuchen Sie die Initiative "Runter vom Gas" vom 12. bis 22. September in Frankfurt am Main. Initiatoren sind das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR). Mit einer emotionalen Ansprache sensibilisiert „Runter vom Gas“ seit 2008 für Risikien im Straßenverkehr sowie eine Vielzahl von Unfallursachen und will damit für mehr Sicherhut auf deutschen Straßen sorgen. Im Jahr 2018 verloren 3.265 Menschen im Straßenverkehr ihr Leben. 2011 waren es noch 4.009 Getötete. Im selben Jahr wurde im nationalen Verkehrssicherheitsprogramm das Ziel von 40 Prozent weniger Todesopfern im Straßenverkehr bis 2020 definiert.

Mehr Informationen unter:
www.runtervomgas.de 
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