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Aufstieg der Auto-Zwerge

Metropolen erleben einen ungebrochenen Zuzug. Das bringt insbesondere die Verkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen. Pedelec, faltbare Fahrzeuge oder Elektro-Kleinstwagen – Mikromobilität wird im künftigen Verkehr eine zentrale Rolle spielen.

Mit den neuen Bewohnern kommen auch die Autos. Allein in Berlin ist der Fahrzeugbestand zwischen 2005 und 2020 um 130.000 auf über 1,22 Millionen Pkw angestiegen. Das Beratungsunternehmen M-Five aus Karlsruhe hat im Rahmen des 8. Mobilitätsmonitor 2019 ausgerechnet: Für Berlin beträgt die durch alle Pkw beanspruchte Fläche rund 17 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Das entspricht etwa 214-mal der Fläche des Berliner Alexanderplatzes und macht knapp 13 Prozent der gesamten urbanen Verkehrsfläche aus.

Die Global Traffic Scorecard vom Verkehrsinformationsanbieter INRIX zeigt, dass deutsche Autofahrer jährlich durchschnittlich mehr als 46 Stunden im Stau verbringen. München ist wie in den Vorjahren wieder Stauhauptstadt. Hier stehen die Menschen rund 87 Stunden im Stau, Berlin folgt mit 66 und Düsseldorf mit 50 Stau-Stunden. Das ist nicht zu vergleichen mit Bogota: Die kolumbianische Hauptstadt hat Rio den Janeiro als Stauweltmeister abgelöst. Hier steht der Autofahrer 191 Stunden im Jahr im Stau. Und hier ist noch nicht mal mit eingerechnet, wie lange Autofahrer für Suche nach einem Parkplatz benötigen. Rom führt das innereuropäische Ranking mit 166 Stunden an. In einer fahrradfreundlichen Stadt wie Amsterdam sind es hingegen nur 28 Stunden.

Kleiner ist das neue Groß

Längst hat ein Umdenken stattgefunden. Künftig wird es weniger Parkraum geben. Hinzu kommen reservierte Zonen für Carsharing-Angebote und Elektrofahrzeuge. Geschützte Fahrräderwege werden auf die Straßen verlagert. Erste Quartiersentwicklungen ohne Straßen gehen in die Umsetzung. Zudem sollen sich die verschiedenen Mobilitätsangebote per multimodale Mobilitäts-Apps stärker miteinander vernetzen müssen – egal ob ÖPNV, E-Scooterverleih oder Car- und Ridesharingdienste. Vor allem die Fahrzeuge sollen wieder kleiner werden. Als Ikone der maximal möglichen Reduktion galten lange Zeit die legendäre BMW Isetta, der Smart von Daimler und der Renault Twizy. Seit einigen Jahren werden unterschiedlichste Ideen und Konzepte mit alternativen Antrieben entwickelt mit dem Credo "Kleiner ist das neue Groß".

Autos zum Falten

Die Idee eines faltbaren Autos kursiert schon lange: Südkoreanische Ingenieure vom Korea Advanced Institute of Science and Technology entwickelten den Armadillo-T, der sich per Knopfdruck in der Mitte zusammenfalten lässt und so Platz beim Parken spart. Vorbild für das Design des kleinen Zweisitzers und Namensgeber ist das Gürteltier, dass sich bei Gefahr zusammenrollt. Per Smartphone klappt das Minimobil auf die Hälfte seiner Länge zusammen – von knapp 3 auf 1,65 Meter Länge. Während des Vorgangs hebt sich das an Heck des Stadtwagens an und vier kleine Zusatzräder fahren aus dem Boden raus. Dank des geringen Gewichts kann der Fahrer das Gefährt ganz einfach in die Parklücke schieben. Es blieb allerdings beim Prototypen. Das Massachusetts Institute of Technology und das baskische Innovationszentrums Denokinn haben mit dem Hiriko Citycar ein ähnliches Konzept vorgestellt. „Hiriko“ ist baskisch und heißt übersetzt „Für die Stadt“. Das Besondere an dem kleinen Auto mit vier Elektromotoren an den Radnaben ist, dass die Räder sich quer zur Parklücke stellen können.

Der Hiriko kann einfach seitwärts einparken. Das 2,50 Meter lange Elektromobil kann auf 1,50 Meter schrumpfen. Drei Hiriko ergeben damit zusammen die Länge eines normalen Pkw. Beim Faltvorgang heben sich die Sitze an, um einen ergonomischen Ein- und Ausstieg über die Front zu erleichtern. Der Marktstart war für 2015 geplant. Sogar die EU unterstützte das Projekt mit Fördergeldern. Doch dann scheiterte das Vorhaben wegen technischer Probleme und juristischen Streitereien. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz legte mit dem EO Smart Connecting Car 2 ebenfalls eine vielversprechende Studie auf. Wie der Hiriko kann das Kleinstfahrzeug seitwärts einparken und auf 1,5 Meter kürzen, indem das Fahrwerk sich zusammenschiebt und die Fahrradkuppel aufbockt. Um autonom fahren zu können, ist das Auto rundherum mit Sensoren und Kameras ausgestattet. Es kann nicht nur im Konvoi, sondern auch allein vollautonom zum Ziel steuern. Durch eine Koppelfunktion können auch Zusatzmodule wie eine Transportablage oder mehr Sitze andocken. Aber auch diese Entwicklung schaffte es bislang nicht zur Serienreife.

Kleinstwagen auf dem Vormarsch

Der Uniti One, ein kleines Elektroauto gleichnamigen Start-ups, sollte in diesem Jahr für 15.000 Euro das Stück vom Band laufen. Es ist von seiner Größe her mit einem Smart vergleichbar. In Aachen wurde bis vor kurzem der 3,3 Meter lange Viersitzer e.Go Life (Basispreis 17.900 Euro) produziert. Beide Hersteller stehen aber wegen der Corona-Krise derzeit vor großen Problemen, e.Go befindet sich sogar in einem Insolvenzverfahren. Auch bei einem anderen Projekt hapert es: Das Schweizer Unternehmen Micro Mobility Systems wollte ursprünglich im Sommer 2018 das Leichtelektromobil Microlino auf den Markt bringen. Nun soll die 2,4 Meter kurze Version des Isetta-Klons 2021 auf den Markt kommen.

Wahrscheinlich wird der Erfolg von Kleinstwagen in den nächsten Jahren vor allem von der Unternehmensgröße abhängen Der italienische Hersteller Fiat arbeitet aktuell an der Elektro-Studie Concept Centoventi. Mit 3,68 Meter Länge und 1,53 Meter Höhe soll aus dem Konzeptwagen möglicherweise die elektrische Variante des Panda werden. Zudem geht nicht nur um neue Ansätze des Individualverkehrs, sondern auch um Innovationen für den Lieferverkehr, der aufgrund des Online-Handels seit Jahren boomt und die Straßen zusätzlich verstopft. Zulieferer Schaeffler hat mit dem Bio-Hybrid ein vierrädriges Pedelec mit Dach entwickelt. Einmal als Passagier- und einmal als Cargo-Variante, bei dem der Fahrer zwar noch in die Pedale treten muss, dabei aber von einem 250-Watt-Elektromotor unterstützt wird. Für das Fahrzeug braucht man keinen Führerschein und es ist schmal genug für Radwege. Und eine staatliche Förderung gibt es als Käufer wahrscheinlich obendrauf. Gute Aussichten für den Aufstieg der Mikromobile.

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