Quelle: Rinspeed AG

Autos für Träumer

Wer an Traumautos denkt, der denkt nicht zuerst an Elektromobilität oder autonomes Fahren. Der denkt an extrovertiertes Design, verspieltes Interieur und mitunter surreale Funktionalitäten. Eine kleine Elite von Tunern und Kreativen lässt Träume wahr werden.

Wenn das Auge ein in Szene gesetztes Automobil erblickt, dann werden tiefste Schichten unserer Psyche freigelegt. Wir spüren eine Anziehung, fühlen uns hingezogen und wähnen uns symbiotisch verschmolzen. Italienische Futuristen sprachen Anfang des 20. Jahrhunderts von der „Geburt eines neuen“, bei dem der Mensch zum Hybridwesen mit menschlicher Front und Pferdeunterleib transformiert. Peter Sloterdijk beschrieb die Bindung des Menschen zum Auto als „das schnellere, das kinetisch mächtigere Selbst“. Der Rausch der Beschleunigung, die Sinnlichkeit der Formgebung – der ästhetische Charakter von Automobilen ist nicht zu leugnen. Und seit jeher ist es ein wichtiges Statussymbol, das unentwegt Begehrlichkeiten und Voyeurismus fördert. Wir erkennen im Auto menschliche Gesichtszüge und versehen sie mit bestimmten Attributen wie sportlich oder aggressiv. Und warum nicht das Hirn mit Optik und Kraft noch weiter dopen?

„Es ist das schnellere, das kinetisch mächtigere Selbst, das sich im Automobil darstellt.“

Peter Sloterdijk

Philosoph

Tuningbranche: Handarbeit für Autos

Tuning war lange Zeit der Spleen des kleinen Mannes, der eigenständig oder zusammen mit seinen Kumpels am Wochenende schraubte. Unvergessen sind die Fangemeinden des Opel Manta und des Golf GTI, die nicht nur gegeneinander zum sozialen Klassenkampf auf der Überholspur antraten, sondern auch, um es den Porsche, Mercedes und BMW mal so richtig zu zeigen. Ein Relikt aus diesen Zeiten ist das legendäre GTI-Treffen am Wörthersee, wo immer noch der dickste Auspuff und Spoiler zählen. Das Business findet aber längst nicht mehr an Ausfallstraßen, Parkplätzen oder Tankstellen der Vorstädte statt, sondern im Internet und mit Hochglanzbroschüren. Es ist zum Milliardengeschäft avanciert. Ob Chip-Tuning, Car-Wrapping und -Tattoos, Sounddesign, Monsterfelgen – in Deutschland verdient heute eine ganze Industrie an den ausgefallensten Wünschen der Tuningkundschaft. Der Export brummt. Insgesamt zählt die nationale Branche heute rund 1.000 spezialisierte Firmen. Viele präsentieren sich immer wieder auf der IAA. Einige der bekanntesten sind Abt, Alpina, Brabus, G-Power, Gemballa, Hamann, Irmscher, Lorinser oder Ruf. Aber auch Hersteller selbst bieten mit Mercedes-Benz AMG, Audi Sport, Mulliner von Bentley, SRT von Chrysler, Volkswagen R oder BMW M jede Menge Power und Performance.

Tiefer, breiter, exklusiver: Die Kollektion des Edeltuners Mansory, die in diesem Frühjahr eigentlich auf dem abgesagten Genfer Autosalon gezeigt werden sollte – Quelle: ©2020 Mansory Design & Holding GmbH
Tiefer, breiter, exklusiver: Die Kollektion des Edeltuners Mansory, die in diesem Frühjahr eigentlich auf dem abgesagten Genfer Autosalon gezeigt werden sollte – Quelle: ©2020 Mansory Design & Holding GmbH

Der ultimative Kick

Für den absoluten Höhepunkt gehen zahlungskräftige Kunden zum Beispiel zu Anbietern wie Mansory. Der Veredler mit Sitz in der Oberpfalz gilt als einer der exklusivsten Autotuner der Welt und setzt extremste Wünsche um. Die Klienten leben in einer Welt, in der ein gewöhnlicher Lamborghini oder Koenigsegg nicht reicht, in der es immer ein bisschen mehr sein muss, und unterziehen ihren Fuhrpark daher einer gesonderten Kur. Hier werden SUV, Cabrios und Sportwagen bei Bedarf einmal komplett entkernt und mit weiteren Kompressoren, Flügeltüren, knalligen Sonderlacken, Gold, exotischer Rochenhaut, elektrisch ausfahrbaren Einbauten oder schaltbarem Glas ergänzt. Das US-Pendant sind die Mannen von West Coast Customs, die durch die weltbekannt wurden. Sie setzen exzentrische Fantasien um – wie den als weißen, nur wenige Zentimeter über dem Asphalt kauernden Boliden. Hinzu kommt der Overkill des Interieurs mit Logos von exquisiten Labels wie Gucci, Louis Vuitton und Co.

Das Batmobile – der fahrende Alptraum für Filmbanditen, der Traum für Comicfans.

Wo alles begann: Hollywood

Die gehörnten Fahrzeuge sind in den Metropolen das Desiderat von "car spotters", die sich auf das Abfotografieren und Abfilmen exotischer Karossen spezialisiert haben und damit über YouTube und Instagram Reichweite erlangen und so Geld verdienen. Die Fangemeinde besonders in den USA geht in die Millionen und lechzt nach dem optischen Kick. Dort hat das Tuning eine lange Tradition. In den 1920er-Jahren nutzten Schmuggler während der Prohibition frisierte Autos, um vor der Polizei zu fliehen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Zentrum der Autotraumfabrik in Hollywood liegt. Designer wie Robert Eugene Winfield, Syd Mead und George Barris gelten als Urväter des sogenannten „custom car“, des individuellen Umbaus von Autos nach persönlichem Gusto und der Projektionsfläche für die Erhöhung des eigenen Ichs. Damit sind sie zu Idolen einer Branche geworden, die bis heute visionäre Studien, Film und Werbung inspirieren.

Rinspeed: Der Traumfänger

Ein Auto, das schwimmen kann - diesen Traum haben schon viele Konstrukteure geträumt. Tatsächlich ist es nicht bei bloßer Träumerei geblieben. Der sQuba von Rinspeed kann tatsächlich auf Tauchfahrt gehen, bis zu zehn Meter tief. Drei Motoren sind im Heck untergebracht. Einer sorgt für Vortrieb auf der Straße, zwei treiben die Propeller für die Unterwasserfahrt an. Unterstützt werden sie durch zwei leistungsstarke Seabob-Jetantriebe im Bug. Sobald der Wagen ins Wasser fährt, schwimmt er. Nach unten geht es, wenn die Tür einen Spalt weit geöffnet wird, um das Wasser einströmen zu lassen. Man wird also nass. Luft erhalten die Passagiere über ein eingebautes Pressluft-System wie es Taucher kennen. Der Sauerstoff für die beiden Insassen, die unter Wasser Tauchermasken überziehen müssen, reicht für eine einstündige Tauchfahrt.

Geschaffen wurde sQuba von Frank Rinderknecht. Der Schweizer ist ein Paradiesvogel unter den Autokreativen. Kein anderer baut nun schon so lange so ausgeflippte Konzeptstudien wie der Schweizer. 1977 gründete Rinderknecht noch während seines Maschinenbaustudiums in Zürich seine Firma. In den ersten Jahren stellte das Unternehmen Behindertenfahrzeuge her und vertrieb Autosonnendächer. Später stieg Rinderknecht ins Tuninggeschäft und wurde Exklusivvertretung für Marken wie AMG oder AC Schnitzer in der Schweiz. Seine schrillen und immer spektakulären Autos wurden stets beim Genfer Salon vorgestellt. In Serie ist davon keins bislang gegangen. Sollen sie auch nicht. Rinspeed betreibt damit bestes Eigenmarketing. Die Konzeptautos machen vor allem Werbung für die Entwicklungskompetenz der Edelschmiede: Bau von Prototypen, Klein- und Sonderserien, die Entwicklung von Mobilitäts- und Nachhaltigkeitskonzepten. Neben Autos hat Rinspeed auch schon Designs für Motorboote und Helikopter entworfen.

Die Zukunft: Ende der automobilen Sinnlichkeit?

Die aktuelle Entwicklung von autonomen Mobilitätskonzepten als Nerv der automobilen Zukunft könnte jedoch zum Abturner werden. Die Lust am Lenken wird ein defensiv denkender und regelkonformer Algorithmus übernehmen. Kein Abenteuer erwartet uns mehr auf der Straße. Wird das Streben nach mehr Individualität und hochwertigem Design auch in der autonomen Zukunft eine Chance haben? Werden Hersteller und Veredler neue Distinktionsmerkmale finden, die unsere Instinkte ansprechen? Wir könnten als Gegentrend die digitale Demokratisierung des Tunings erleben: Kunden mit Programmierkenntnissen und neuesten Drucktechnologien avancieren zu Schraubern der Neuzeit. Per 3D-Drucker werden neue Ideen und Verbesserungen für das Ex- und Interieur direkt umgesetzt. Wenn dann noch nicht alles passt, wird das Bauteil eben noch einmal gedruckt – so lange, bis die Aerodynamik des neu gestalteten Heckflügels passt, die Felge optimal changiert und das durchsichtige Armaturenbrett das aus Wurzelholz ebenbürtig ersetzt.

Start-ups werden Geschäftsmodelle entwickeln, die es Kunden ermöglichen, über eine Art App-Store die entwickelten Customizing-Features zu erwerben und bei Bedarf eigenständig anzupassen. Den Fantasien sind schließlich keine Grenzen gesetzt: persönlicher Motorsound und selbst komponierte Navigationsstimme, visuelle Einblendungen in der Windschutzscheibe, vom Nutzer definierte Ambientebeleuchtung und holografische Content-Angebote bis hin zur individuellen Sitzanpassung. Die Möglichkeiten des neuen digitalen Tunings im Zeitalter autonomer Fahrzeuge werden fast unbegrenzt sein. Und falls uns die Nostalgie packt, fahren wir dank der aufpreispflichtigen Sonderausstattung „vintage self driving experience“ mal wieder selber – ohne viel Elektronik, und dafür aber mit viel Sinn und Sinnlichkeit.

Auf der IAA 2021 steht innovative Mobilität in allen Facetten im Mittelpunkt. Intelligente Verkehrslösungen, visionäre Denkweisen, Automobil und gesamte Mobilitätskette. Alles was Mobilität von morgen formt und erlebbar macht. Seien Sie dabei!