Eine neue Generation Mobilitätsunternehmen – und das Risikokapital

15.07.2019

Sie gehören zu den Giganten der Mobilitätsbranche: Mercedes, Audi, BMW, Renault-Nissan, Toyota – und dabei ist diese Liste noch nichtmal vollständig. Wahrscheinlich kann jeder aus dem Stehgreif problemlos vier, fünf weitere Unternehmen aufzählen. Schließlich beschränkt sich die Mobilität nicht nur auf das Auto.

Darüber hinaus steht bereits eine neue Generation an Mobilitätsunternehmen in den Startlöchern. Die Liliums (Flugtaxen), Teslas (Elektroautos), e.Gos (Elektrofahrzeuge im Niedrigpreissegment), Ubers (Ridehailing) oder ViaVans (Ridesharing) dieser Welt stehen mittlerweile häufig stellvertretend für die aufstrebenden neuen Mobilitätsdienstleistungen. Und sie alle haben oft eines gemeinsam: Risikokapital ist für diese Unternehmen entscheidend. Es ist praktisch ihre Starthilfe, um am hochkompetitiven Mobilitätsmarkt zu bestehen.

Rekordsummen fließen in europäische Startups

Alleine im Jahr 2017 wurden laut State of European Tech, verfasst von Europas größtem Risikokapitalgeber Atomico, über 2,6 Milliarden Euro in europäische Transportstartups investiert; jährlich investieren die Risikokapitalgeber größere Summen. Die Mobilitätsbranche boomt derzeit für Startups. Lilium allein kassierte 2017 zum Beispiel 90 Millionen Euro für die Entwicklung autonomer Flugtaxen. Beträge wie diese zeigen den Stellenwert, welche die jungen Unternehmen mittlerweile genießen – und sie verdeutlichen den Stellenwert dieser Startups für die Entwicklung fortschrittlicher Technologien und Fortbewegungsmöglichkeiten.


Was all dies jedoch nicht zeigt: Ein angeblicher Generationenkonflikt; die Startups auf der einen – große Automobilunternehmen auf der anderen Seite. Selbstverständlich treten Unternehmen wie Uber und ViaVan in Konkurrenz mit den etablierten Playern der Branche. Allerdings: Startups sind gleichzeitig die große Chance für VW, Daimler und Co im Wettrennen um die digitale Mobilität. Auch aus diesem Grund investieren Automobilkonzerne immer öfter direkt in Startups.

Mobilität im digitalen Zeitalter

Schließlich verändert die digitale Transformation das Auto wie wir es kennen. Viele Autos sind heute bereits rollende Computer, ausgestattet mit digitalen Assistenz- und Infotainmentsystemen sowie  einer Vielzahl an Sensoren. Klassische Erfolgsfaktoren der Branche – ausgeklügelte Motoren, Design, Fahrgefühl – sind verlieren an Bedeutung da die Digitalisierung das Anforderungsprofil an Fahrzeuge um eine Variable erweitert: Software (und dadurch vernetzte Hardware). Diese Entwicklung wird sich mit fortschreitendem technischen Fortschritt rasant fortsetzen. Stichwort Künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren.
 

Gerade hier haben die Digitalunternehmen dieser Welt, die gerade mit aller Macht in den Mobilitätsmarkt preschen, Vorteile gegenüber klassischen Automobilunternehmen. Ingenieurskunst trifft auf Softwareentwicklung. Und während Google oder Alibaba ihre eigenen Mobilitätsservices entwickeln und Dienstleistungen aufziehen sind gerade die Startups der Mobilitätswelt ein willkommener Partner für Automobilunternehmen, um ihr Know-How in der Softwareentwicklung auszubauen.

Mobilitätsunternehmen als Risikokapitalgeber

Inzwischen verfügt jedes Automobilunternehmen anhand von Innovationshubs, Inkubatoren, Acceleratoren oder Risikokapitalarmen über ein eigenes Startupnetzwerk – auch um sich eventuell Zugang zu interessanten neuen Technologien zu verschaffen.


Gerade Daimler ist in diesem Bereich führend: Laut der Unternehmensberatung Berylls akquirierte Daimler 2017 14 Firmen – vor allem aus dem Digitalbereich – und investierte über 650 Millionen Euro in CASE-Technologien (Connectivity, Autonomous, Electric, Shared & Services) Die Marschrichtung ist klar: Die Unternehmen wollen ihr Software-Know-How ausbauen und Kompetenzen ins Unternehmen holen.

Übernahmen und Zusammenlegungen mit Mobilitätsstartups; Quelle: Berylls, M&A Automobil 2017, S.13

Oswin Krüger Ruiz vom Lufthansa Innovation Hub beschreibt auf Medium das Wirken von großen Unternehmen als Risikokapitalgeber. Laut ihm manifestiert sich das Ziel der Mobilitätsplayer – also Know-How und Erfahrung für das eigene Unternehmen – in den Phasen, in denen sie in Startups investieren. Tatsächlich beteiligen sich Konzerne öfter bei Finanzierungsrunden in späteren Phasen. Also wenn die Startups ihr Unternehmen bereits zu einem gewissen Grad am Markt etabliert haben. Laut Krüger Ruiz sind dies Signale, dass Konzerne ihre Risiken beim Investment so weit wie möglich reduzieren wollen.

 

Zu diesen Phasen steigen Corporate VCs ein; Quelle: Lufthansa Innovation Hub auf Medium

Zu diesen Phasen steigen Corporate VCs ein; Quelle: Lufthansa Innovation Hub Analysis | Lufthansa Innovation Hub auf Medium

Krüger Ruiz führt aus, dass klassische Wagniskapitalgeber üblicherweise ihr Risiko mimieren, indem sie in mehrere Startups investieren. Durch einen zwei- oder dreistelligen Ertrag erfolgreicher Investments sollen entsprechend die Verluste aus weniger erfolgreihen Finanzierungen gedeckt werden. Corporate Investors hingegen messen sich nach Krüger Ruiz weniger am finanziellen Erfolg, sondern fokussieren sich auf den strategischen Fit zum eigenen Unternehmen.

 

Und so schließt sich in gewisser Hinsicht ein Kreislauf: Neben einer disruptiven Idee ist oftmals auch das Risikokapital Teil des Erfolgsrezeptes einer neuen Generation von Unternehmen am Mobilitätsmarkt. Gleichzeitig sind diese jungen Unternehmen eine Investition, vielleicht sogar eine Garantie für die Zukunft – ganz egal ob für den klassischen VC oder den Wagniskapitalarm eines Konzerns.

In eigener Sache: Das NMW Lab

Die Kollaboration zwischen Startups und Unternehmen ist auch auf der New Mobility World seit einigen Jahren ein zentrales Thema: Während des NMW Labs können vielversprechende Unternehmen ihre Ideen, Visionen und Produkte gegebüber VCs und Unternehmensvertretern pitchen, sind mit ihnen austauschen und Kontakte knüpfen. Auch dieses Jahr ist das NMW Lab Bestandteil der New Mobility World. Die Bewerbungsphase für die Industry-owned Startup Challenge sowie die Open Startup Challenge ist offen. Weitere Informationen gibt es hier.

Gewinner des NMW Lab18: Blickfeld