In der Pole Position? Alternative Antriebe im Motorsport

03.06.2019

Bernie Ecclestone sagte einst, Elektromotoren seien für Haartrockner. Nein, man kann nicht behaupten, der ehemalige Chef des Branchenprimus Formel 1 sei 2012 bei der Gründung der Formel E ein großer Fan des Konzepts gewesen. Motorsport – das sind röhrende Motoren. Angetrieben von Emotionen, Adrenalin und Schweiß. Ausgelebt in waghalsigen Überholmanövern und spektakulären Rennen. Die Formel E war für Ecclestone und viele weitere Motorsportpuristen ein Ärgernis. Kein echter Motorsport.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Die Formel E steht für hochkarätigen Rennsport und Futuristik. Gestandene Formel 1-Fahrer wie zum Beispiel Sebastian Buemi, Pascal Wehrlein, der ehemalige Ferrari-Pilot Felipe Massa oder der mehrfache DTM-Champion Gary Paffet treten in den elektrischen Boliden gegeneinander an. Laut Forbes lockte die Rennserie in der vergangenen vierten Saison 300 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte.

Unlängst kündigte der Gründer, Geschäftsführer der Formula E Alejandro Agag im Magazin E-Racing 365 einen enormen Vorstoß der Rennserie im Bereich Marketing an: „[...] Wir werden in der fünften Saison überall präsent sein.” Und auch Bernie Ecclestone gab gegenüber Reuters zu, die Rennserie sei „eine andere Form der Unterhaltung, aber die Formel E wird viel, viel größer und besser werden." Sogar die Formel 1 müsse sich inzwischen Sorgen machen.

Jagd auf einen Platz in der Sonne


Die Formel E stiehlt derzeit seinen alternativen Konkurrenten die Show. Eine andere Rennserie macht jedoch bereits seit über 30 Jahren Jagd auf einen Platz an der Sonne: Die World Solar Challenge. Die härteste Rally für Solarfahrzeuge weltweit. Nachdem Hans Tholstrup gemeinsam mit Larry Perkins in einem ausschließlich solarbetriebenen Fahrzeug – dem Quiet Achiever – 1982 als erstes Australien von West nach Ost durchquerte, trieb Tholstrup gemeinsam mit Sponsoren das Rallyformat voran. 1987 startete das erste offizielle Rennen.

Der „Tokai Challenger” – Gewinner der World Solar Challenge 2009; Foto von Hideki Kimura, Kouhei Sagawa

3021 Kilometer beträgt die Strecke; von Darwin bis nach Adelaide. In drei Klassen (Challenge, Cruiser und Adventure) brettern die Piloten durch die Wüste. Der Rekord stammt aus dem Jahr 2005. Ein Team der Universität Delft absolvierte die Strecke in 29 Stunden und elf Minuten bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 102,75 km/h.

3021 Kilometer von Nord nach Süd; die Strecke der World Solar Challenge. Quelle: Bridgestone World Solar Challenge

Und auch andere Rallyformate adaptierten alternative Antriebe in ihre Serien. So auch die Rally Monte Carlo – der größte Rallyklassiker der Welt. Unter anderem mit den Tesla Modellen S und Roadster, dem Toyota Prius oder dem Opel Ampera trat das Who-is-Who der alternativen Antriebstechnologien an. In den Fahrzeugen saß ein breit gefächertes Fahrerfeld rund um ehemalige Formel 1-Fahrer, Rally-Weltmeister oder Fahrern der renommierten 24 Stunden Rennen. Zugelassen waren alternative Kraftstoffe wie Biodiesel, Ethanol und Autogas oder Autos mit Elektro-, Hybrid- und Brennstoffzellenantrieb. Neben der schnellsten Rennzeit flossen auch der Kraftstoff- oder Energieverbrauch in die Wertung ein.


Doch zurück zur Formel E. Zur Saison 2016/2017 nahm die Rennserie ein weiteres Format ins Rahmenprogramm: Das Roborace. Nach einigen Testrennen und -Saisons sollen ab 2021 die erste volle Saison starten. Ausgestattet mit vier Elektromotoren jagen sich selbst-fahrende Boliden mit einer Leistung von 1.341 Pferdestärken über die Strecke. Doch auch der Faktor Mensch kommt nicht zu kurz. "Wir haben unsere Meinung geändert. Zuerst wollten wir es mit dem Robocar machen. Aber die Vorstellung, dass es von einem Fahrer gesteuert wird, der dann aussteigt, veranschaulicht den Unterschied zwischen menschlichem und autonomen Fahren viel besser”, erklärte der Geschäftsführer und mehrfache Formel E-Champion Lucas di Grassi gegenüber dem Portal Motorsport.com.

Motorsport als Spielwiese für alternative Antriebe und Technologien?

 

Alternative Antriebstechnologien bereits – wenn auch nur in Teilen – den Weg in die großen Rennserien. Die Formel 1 setzt seit 2009 auf das KERS (System zur Rückgewinnung kinetischer Energie). 2014 wurde KERS durch das ERS ersetzt – einer Kombination aus Systemen zur Rückgewinnung der kinetischen Energie (ERS-K) und der Energie aus Abgaswärme (ERS-H). In der Formel 1 beschert das System den Fahrern eine zwischenzeitlich größere Antriebsleistung. Und auch bei zahlreichen Hybrid- und Elektromotoren im heutigen Straßenverkehr findet die Rekuperationstechnologie Anwendung.

 

Der Deutsche Motorsportbund bezeichnete den Motorsport gar als „ideales Testfeld für Neuentwicklungen”. Nirgends würden sich die Praxisfähigkeiten neuer Technologien so schnell zeigen wie im Rennsport „wo extrem harte Testbedingungen und ein einzigartiger Wettbewerb um die besten Ideen herrschen.” Der damalige Porsche-Sportchef Hartmut Kristen bestätigte ebenfalls schon 2011 in einem Gespräch mit dem Handelsblatt: „Im Hinblick auf alternative Antriebe und Effizienz bietet der Motorsport derzeit eine einmalige Chance, etwas zu tun, das für die Serie relevant ist.” Gerade Langstreckenrennen würden laut Kristen optimale Erkenntnisse für die Serienfertigung liefern.

 

Und so soll bereits 2019 ein Wasserstoff-betriebener Bolide des Teams Green GT beim berühmt-berüchtigen 24 Stunden-Rennen von Le Mans seinen ersten Renneinsatz starten. Alternative Antriebe sind im Motorsport keine Seltenheit mehr. Im Gegenteil – sie rücken immer mehr ins Rampenlicht.

Titelbild: Der GreenGT LMP2HG; Quelle: Green GT