Disruption über den Tellerrand hinaus

In einem Gastbeitrag plädiert Dr. Wilfried G. Aulbur, Senior Partner und Mitglied des Aufsichtsrats bei Roland Berger, dafür bei der rapiden Entwicklung der Automobilbranche einen Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen und durch das Bewußtsein der weltweiten Veränderungen seine eigenen Strategien besser anpassen zu können.

Es wurde bereits viel geschrieben über disruptive Veränderungen in der Automobilindustrie, und das ist erst der Anfang. Aber nicht nur in dieser Branche ist alles wie auf Treibsand in Bewegung geraten. Makrotrends und breitere gesellschaftliche Veränderungen wirken sich auf fast alle Aspekte unseres Alltags aus. Und auch wenn die Veränderungen gerade im Bereich der Automobiltechnologie in atemberaubenden Tempo voranschreiten, ist es heute sehr lehrreich und ich würde sogar sagen wichtiger denn je, über den Tellerrand der Branche hinauszuschauen, um die umfassenderen Veränderungen in unserer Welt in den Blick zu nehmen.

Die Geschichte und Entwicklung des Handels spiegelt die Geschichte und Entwicklung unserer Spezies wider. Die Entwicklung nationalstaatlicher Mächte im 19. und 20. Jahrhundert beruhte zum großen Teil auf der Entwicklung des Handels zwischen verschiedenen Ländern. Und auch wenn keine Theorie jemals unwidersprochen blieb, geht doch vieles von dem, was wir heute erleben, direkt auf David Ricardo und sein 1817 veröffentlichtes Hauptwerk zurück.

Aber die Rahmenbedingungen sind ins Schwimmen geraten, und Freihandelsabkommen scheinen immer kritischer betrachtet zu werden. Gegner auf beiden Seiten des politischen Spektrums sehen im Freihandel vor allem die Ursache für den Verlust von Arbeitsplätzen, Lohndrückerei, schwindende Wettbewerbsfähigkeit von Schlüsselbranchen und große Handelsbilanzdefizite. Sein potenzieller Nutzen scheint in der aktuellen Diskussion weit geringeres Gewicht zu haben. Zu nennen wären hier die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen in globalen Märkten, größere Mengeneffekte durch vermehrte Exportchancen, geringere Lebenshaltungskosten durch niedrigere Verbraucherpreise, Erhöhung des Handelsvolumens sowie potenziell höhere Lebens- und Umweltstandards. Unter den heutigen Umfeldbedingungen fällt es schwer, Gegenargumente gegen Rebecca Hardings Behauptung zu finden, dass wir wachsende Ungleichgewichte in Politik und Wirtschaft erleben und der Handel zunehmend als Waffe eingesetzt wird.

Wenn man sich auf die einfache Betrachtung von Zahlen beschränkt, wie beispielsweise der Handelsbilanzdefizite im Warenverkehr, bleibt die Analyse von Freihandelsabkommen sehr eingeschränkt. Nach dieser Betrachtung weisen die USA ein hohes Handelsbilanzdefizit mit Mexiko aus. Nimmt man aber Erdöl aus der Gleichung heraus, ist das Bild schon weit weniger negativ. Und Dienstleistungen als wesentlicher Bestandteil heutiger Handelsströme, werden beim Austausch möglichst simpler Schlagwörter oft gleich ganz vergessen. Dabei fällt die US-Handelsbilanz im Dienstleistungssektor mit vielen Ländern weitaus positiver aus, als im reinen Warenverkehr. Leistungsbilanzvergleiche unter Berücksichtigung der Netto-Wertschöpfung einzelner Länder liefern wohl ein realistischeres Bild über Güteraustausch und Arbeitsplätze als vereinfachte Bruttozahlen. Beispielsweise stammen bei US-Autoimporten aus Mexiko oder Kanada über 40 % der Fahrzeugteile ursprünglich aus der Produktion US-amerikanischer Zulieferer. Für China ist die vergleichbare Zahl dramatisch kleiner und liegt bei etwa vier Prozent. Es sind nicht alle Exporte gleich.

Exporte ausländischer multinationaler Unternehmen können positive Effekte in ihren Standortländern bewirken, zum Beispiel durch Schaffung von Arbeitsplätzen in den Bereichen Engineering und F & E. Im Fall Chinas etwa stammten rund 42 Prozent der Exportgüter in den ersten sechs Monaten des Jahres 2018 aus der Produktion multinationaler Unternehmen in ausländischer statt chinesischer Hand. Vor allem aber spiegeln Freihandelsabkommen und die entsprechenden Handelsbilanzen die Industriepolitik einzelner Länder wider. Jedes Freihandelsabkommen läuft auf ein Tauschgeschäft zwischen Nationen hinaus. Wenn ein Land beschließt, seinen Agrarsektor stärker zu fördern als seine Automobilbranche, dann wird sich das Ergebnis dieser Entscheidung in gewissem Umfang in seiner Handelsbilanz abzeichnen.

Wie im Beispiel der ursprünglich US-amerikanischen Anteile an mexikanischen Autoexporten in die USA, findet der größte Teil des Handels im lokalen oder regionalen Rahmen statt, auch wenn diese Tatsache nicht im allgemeinen Bewusstsein angekommen ist. Die US-Importe aus China entsprechen weniger als drei Prozent des US-BIP, und das amerikanisch-chinesische Handelsbilanzdefizit beläuft sich auf weniger als zwei Prozent. Die US-Importe aus China sind rund 1,6 mal höher als die US-Importe aus Kanada obwohl China nach Bevölkerungszahlen 38,5 mal größer ist als Kanada. Und während viele Menschen glauben, dass 38 Prozent der Bruttokapitalbildung weltweit auf ausländische Direktinvestitionen zurückginge, liegt die reale Zahl bei moderaten 7 Prozent. Und entgegen der weit verbreiteten Annahme, bis zu 30 Prozent der Weltbevölkerung lebe außerhalb ihres Geburtslandes sind es laut einer aktuellen DHL-Studie gerade mal drei Prozent. Unsere Welt ist mit anderen Worten weit weniger globalisiert, als wir glauben, und es gibt wenn überhaupt nur sehr wenig Anlass zu der Vermutung, dass Handelskriege sich lohnen könnten.

Auch die Annahme, Protektionismus würde kurzfristig positive Auswirkungen haben, wird kaum durch Tatsachen gestützt. Bislang haben wir statt einer Stärkung der eigenen Volkswirtschaft durch protektionistische Maßnahme nur Einbrüche oder Stagnation beim Außenhandel gesehen, mit den entsprechenden Risiken für den Arbeitsmarkt. Alles in allem hat insbesondere der US-Markt steigende Verbraucherpreise (vor allem für Weiße Ware) und eingeschränkte Konsumentenwahl erlebt. Zudem können erhöhte Preise für Zwischenprodukte der Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft schaden, wobei dieser Effekt noch durch die andauernde Stärke des Dollars verschlimmert wird.

Wenn die aktuellen Trends sich mittel- bis langfristig fortsetzen, wird es wahrscheinlich zu einer Neuorganisation der Lieferketten kommen. Dies könnte dazu führen, dass die US-Direktinvestitionen in China von derzeit 100+ Milliarden US$ zurückgefahren werden. Damit wären Risiken verbunden. Zwar ist China vielleicht nicht in der Lage, US-Strafzölle Dollar für Dollar zu kontern, könnte aber den Betrieb amerikanischer Unternehmen im Land schwer behindern. Ähnliche Schritte wurden in der Vergangenheit schon einmal beispielsweise gegen japanische Autohersteller unternommen.

Damit soll keineswegs gesagt werden, dass eine Konfrontation mit China zu Themen wie dem Schutz geistigen Eigentums nicht gerechtfertigt wäre. So wie Deutschland im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, muss auch China heute den Übergang von unfairen Handelspraktiken zu fairem Wettbewerb schaffen. Bisher hat sich kein wirksamer Weg abgezeichnet, um diesen Übergang möglichst rasch zu gewährleisten. Dies würde internationale Zusammenarbeit und insbesondere ein koordiniertes entschlossenes Vorgehen der EU erfordern.

Wir sollten außerdem nicht vergessen, dass Chinas Aufstieg nicht nur unfairen Wirtschaftspraktiken zu verdanken ist. Das Land hat signifikante Fortschritte bei Produktivitätsgewinnen erzielt und ist heute ein beeindruckender Wettbewerber. Teile der von China entwickelten wirtschaftlichen Ökosysteme lassen sich global kaum replizieren. Der Technologieschub Chinas wird sich fortsetzen, und das Land wird wie vor ihm Deutschland, Japan und Korea seinen rechtmäßigen Platz im globalen Produktionsumfeld einnehmen. Diese Entwicklung ist legitim und erfordert von den Unternehmen in den USA, Europa, Japan und Korea erhöhte Aufmerksamkeit für Produktivitätsverbesserungen und Innovationen, beispielsweise rund um das Thema Industrie 4.0.

Lässt sich herausfinden, ob Handel und wirtschaftliche Integration gut oder schlecht für eine Volkswirtschaft sind? Indem das Vereinigte Königreich immer näher an einen ungeregelten Brexit heranrückt, bahnt sich hier das Experiment unter realen Bedingungen an, auf das Wirtschaftswissenschaftler gewartet haben. Jüngsten Studien zufolge würden die britischen Exporte in die EU im Fall eines harten Brexit um 35 % und die EU-Exporte in das Vereinigte Königreich um 39 % zurückgehen. Das britische Beschäftigungsniveau würde um 2,5 % einbrechen (im Vergleich zu 0,2 % in Deutschland) und die britische Wirtschaftsleistung in den nächsten 15 Jahren um 9,3 % schrumpfen.

Wahrscheinliche Nebeneffekte wären ein Bedeutungsverlust als Finanzzentrum, der Verlust industrieller Arbeitsplätze, weiterer Rückgang des BIP im Fall massiver Abwanderung von EU-Migranten und sogar die potenzielle Auflösung Großbritanniens durch den Austritt Schottlands aus der Union. Diese Negativeffekte werden vielleicht teilweise durch die signifikante Abwertung des Britischen Pfund ausgeglichen, wogegen wir allerdings wiederum die zerstörerische Wirkung einer massiven Faktorkosten-Inflation aufrechnen müssen.

Wie wird die Zukunft aussehen? Wenn wir uns anschauen, wie viele „My-Country-First-Politiker“ aktuell in Ländern an der Macht sind, wie den USA, Russland, China, Indien, Brasilien, dem Vereinigten Königreich, der Türkei, den Philippinen und Ungarn, dann kann man wohl davon ausgehen, dass das internationale Geschäftsumfeld kurzfristig keineswegs einfacher wird. Angesichts der teilweise dramatisch verlangsamten Wirtschaftsentwicklung in China, Indien, der Türkei und den USA  wird der Druck auf nationalistische Politiker zunehmen, was zu weiterer Destabilisierung und Unsicherheit führen kann.

Anlass zu Besorgnis gibt ferner die Tatsache, dass die gegenseitige Verflechtung der Volkswirtschaften zunehmend als Waffe eingesetzt wird. Globale in der Regel von den USA oder Europa entwickelte Gemeingüter wie der Handel, SWIFT, das Internet und der Dollar-Wechselkursmechanismus werden benutzt, um durch Zugangsbegrenzung Druck auf Mitglieder der Weltgemeinschaft auszuüben. Dies wird zu Spannungen unter Verbündeten, einer intensiven Suche nach Alternativen (wie derzeit in Europa, Russland, Indien, China, Iran und anderswo zu beobachten) und einem Verlust an Bindekräften führen. Die Auswirkungen dieser Veränderungen werden zwar nicht über Nacht spürbar werden, aber sie haben das Zeug, durch eine „Balkanisierung“ von Standards die Art und Weise, in der Länder zusammenarbeiten, dauerhaft neu zu gestalten.

Der polnische Philosoph Zygmunt Baumann hat unsere aktuelle Lage ziemlich prägnant zusammengefasst: „Zum ersten  Mal sind wir in der Situation, dass wir uns auf den nächsten Schritt auf dem Weg zur Zusammengehörigkeit festlegen müssen, ohne die Zusammengehörigkeit durch Ausschluss der nicht Dazugehörigen zu definieren... Aber wie ich schon sagte, bin ich kurzfristig pessimistisch. Wir stehen am Beginn eines sehr weiten Weges. Aber langfristig... bin ich alles in allem optimistisch.“

Wie weit dieser Optimismus gerechtfertigt ist, bleibt abzuwarten. Aber aus der Perspektive derjenigen, zu deren Kernaufgaben die Gestaltung der Zukunftsstrategie für die Automobilindustrie gehört, können die widrigen Umstände von Heute uns gleichwohl auf einen ganz neuen und letzten Endes sehr faszinierenden Weg bringen. Da Ungewissheit nicht mehr allein auf Schwellenländer begrenzt bleibt, müssen Führungskräfte ihren Schwerpunkt auf flexible und anpassungsfähige Strategien und Lieferketten legen, um auf jede Verschiebung im Treibsand des aktuellen geopolitischen Umfelds rasch reagieren zu können.