Die Experten des Allianz Automotive Innovation Center im Gespräch

08.08.2019

Wir haben uns mit Ralph Thannheiser (Head of New Mobility, Allianz Automotive) und Jan Benecken (Manager Autonomous Driving, Allianz Automotive) zu Versicherungen für neue Mobilitätsdienste, die Zusammenarbeit zwischen Corporates und Startups als auch Mobility as a Service (MaaS) unterhalten.

Wie verändern die Produkte und Dienstleistungen der Allianz in diesem Fall die Mobilität der Zukunft?

Ralph Thannheiser [RT]: Von außen betrachtet scheinen unsere Dienstleistungen und Produkte hier bei der Mobiliät der Zukunft erstmal keine große Rolle zu spielen. Wenn man jedoch einen Blick hinter die Kulissen wirft, stellt man fest, dass eine Versicherung eine wichtige Komponente und auch gesetzliche Voraussetzung für die meisten der heute angebotenen Mobilitätsdienste ist. Adäquate Versicherungsleistungen rund um Haftung, Eigenschäden und persönliche Risiken (z.B. Personenschäden beim Sturz vom E-Scooter) verbessern nicht nur das Nutzererlebnis vieler Mobilitätsdienste erheblich, sondern sie helfen Mobilitätsanbietern auch, Wettbewerbsvorteile und Alleinstellungsmerkmale zu schaffen.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit von großen Unternehmen mit einer unterschiedlichen Expertise in der Automatisierung, z.B. Volkswagen mit Microsoft oder Daimler mit Bosch?

Jan Benecken [JB]: Generell ist die Zusammenarbeit bei der Entwicklung neuer Angebote sehr wichtig geworden – vor allem aus den folgenden Gründen:

a) Gemeinsame Nutzung der stetig steigenden F&E-Kosten
b) Beschleunigung und Skalierung, d.h. rasche Einführung von Angeboten in den Bereichen neue Mobilität, Elektrofahrzeuge und autonome Fahrzeuge
c) Internationalisierung von Wissen und Fachwissen

Gleichzeitig treten neue Anbieter wie die Tech-Player oder stark finanzierte Startups in den Markt, um sich einen bedeutenden Marktanteil zu sichern. In diesem Umfeld wird die Bündelung der Ressourcen den bestehenden Automobilherstellern helfen, so schnell wie möglich neue Mobilitätsangebote, autonome sowie elektrische Autos auf den Markt zu bringen und das steigende Verbraucherinteresse an diesen Fahrzeugen zu nutzen. Wir glauben, dass dies letztendlich dazu beitragen wird, ihren Anteil an den sinkenden Gewinnen, die allen Beteiligten in der Branche zur Verfügung stehen, zu maximieren.

 

Oft wird dem öffentlichen Sektor vorgeworfen, er sei langsam und hinke den Veränderungen hinterher. Der private Sektor wird hingegen als Raum der neuen Innovationen gesehen. Wie können wir Ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Sektoren verstärken, um den Wandel voranzutreiben? 

[JB]: Das ist eine Annahme, die ich in Frage stellen würde. Tatsächlich sehen wir, dass viele Innovationen von den Universitäten vorangetrieben werden, die eher zum öffentlichen als dem privaten Sektor gehören. Denken Sie nur an die Inbetriebnahme des Elektrofahrzeug-Startups e.Go, ein Spin-off der RWTH Aachen.

[RT]: Tatsächlich sollte sich die Rolle des öffentlichen Sektors eher auf die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur, des Umfelds und der Regulierung konzentrieren, damit Initiativen des Privatsektors innovativ und umgestaltet werden können. Genauer gesagt, wenn wir uns mit dem Bereich der Mobilitätsdienstleistungen befassen, sehen wir eine Reihe von so genannten "B2G"-Initiativen (Business to Government), die erfolgreich progressive öffentliche Politik mit der Unterstützung kreativer Ideen durch private Institutionen verbinden, wie z.B:

- MOIA & Stadt Hamburg
- TRAFI & BVG
- Moovel & VVS (Verkehrsverbund Stuttgart)
- ViaVan & BVG

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir der Ansicht sind, dass eine fortschrittliche öffentliche Politikgestaltung das größte Potenzial hat, Veränderungen in unserem Umfeld voranzutreiben.

Wie stellen Sie sich Ihre Heimatstadt in 30 Jahren vor?

[RT]: Ich bin in Hannover, Niedersachsen, geboren und aufgewachsen – wie die meisten Städte mit weniger als (oder rund) 0,5 Mio. Einwohnern, ist Hannover eine Stadt, die bisher aufgrund einer vermeintlichen mangelnden Nutzung solcher Dienste nicht viel an Dienstleistungen im Bereich der Neuen Mobilität bietet.  Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich das in den nächsten 5-10 Jahren ändern wird, da die Betriebskosten der Anbieter sinken, ihre Effizienz steigt und die Menschen sich zunehmend an solche Mobilitätsdienste gewöhnen.

[JB]: Mit Blick auf die nächsten 30 Jahre bin ich überzeugt, dass die Mobilitätslandschaft in Städten wie Hannover oder Aachen (das ist meine Heimatstadt) ganz anders aussehen wird. Diese Städte werden deutlich größer und mehr als 1 Mio. Menschen werden dort leben. In einem solchen städtischen Umfeld werden halb- bis vollautomatische Elektrofahrzeugflotten unseren täglichen Mobilitätsverbrauch zu einem Bruchteil der heutigen Taxikosten dominieren. Die Nutzer werden ihre multimodale Mobilitätsreise mit einem Tipp auf ihren Handheld-Geräten beginnen (falls diese dann noch vorhanden sind) und sich für den billigsten, schnellsten oder bequemsten Transport von A nach B entscheiden – egal ob sie von einer öffentlich-privaten Mobilitätspartnerschaft oder einem Technologieriesen wie Tencent, Uber oder Google verwaltet werden.

[RT]: Auch wenn dies für einige vielleicht weit entfernt erscheint, arbeiten wir innerhalb der Allianz bereits aktiv an diesen Szenarien. Nehmen Sie die Allianz MyMobility-Lösung, die wir Anfang des Jahres in Italien eingeführt haben. Es ist die erste multimodale Mobilitätslösung auf dem Markt, die die extrem heterogenen Mobilitätsprofile der Allianz Kunden berücksichtigt – und nicht nur einzelne Verkehrsträger versichert.....

[JB]: ...oder wenn Sie einen Blick in den Bereich Autonome Shuttle werfen, in dem die Allianz bereits Anbieter von Versicherungslösungen für autonome Shuttles der Stufe 4/5 ist, die in kontrollierten Gebieten rund um den Globus eingesetzt werden. Ich stelle mir vor, dass wir zuerst in weniger dicht besiedelten Gebieten außerhalb der Stadt– aber zwar immer noch etwas teurer teuer – elektrische Passagierdrohnen erleben werden, die es ermöglichen werden, sich fort zu bewegen. Diejenigen, die sich solche Optionen nicht leisten können, werden weiterhin auf teilautonome Elektrofahrzeuge oder öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sein.

Können wir einen deutlichen Wandel zu Mobility as a Service (MaaS)-Dienstleistungen sehen? Warum entscheiden sich mehr und mehr Menschen gegen ein persönliches Auto und für genau solche Dienstleistungen? 

[RT]: Der Hauptgrund, warum MaaS in städtischen Gebieten rund um den Globus immer beliebter wird, ist, dass es die Flexibilität des täglichen Mobilitätskonsums erhöht. Es ermöglicht den Nutzern, ihre individuellen Präferenzen in Bezug auf die Mobilität zu erfüllen: ein gemeinsames Auto, wenn es draußen regnet; ein Roller, wenn du zu faul zum Gehen bist; ein Zug, wenn du deine Präsentation für das nächste Meeting beenden möchtest.

[JB]: Im Vergleich zum individuellen Pkw-Besitz hat MaaS das Potenzial, bei effizienterem Ressourceneinsatz das gleiche - oder sogar höhere - Serviceniveau zu erreichen, was zu weniger Verkehr und weniger Umweltemissionen führt. Für den Benutzer ist MaaS problemlos und passt sich den Bedürfnissen des Benutzers an.

[RT]: Neben der Effizienzsteigerung probiere ich persönlich gerne verschiedene Verkehrsmittel aus, wie z.B. Fahrrad- und E-Scooter-Sharing, Carsharing, Ride Hailing,.... Auf Geschäftsreisen und im Urlaub nehme ich gerne öffentliche Verkehrsmittel, entweder um unabhängig von der Autonutzung zu sein oder um eine neue Umgebung besser kennenzulernen. All diese Mobilitätslösungen können Sie erleben, ohne für Ihr persönliches Auto bezahlen zu müssen, während es zu Hause geparkt ist.  

Vielen Dank an Ralph Thannheiser und Jan Benecken für das informative Interview!  

Zu Ralph Thannheiser und Jan Benecken

In seiner jetzigen Rolle als Head of New Mobility bei Allianz Automotive leitet Ralph Thannheiser ein Team von Business & Solution Developern, die Mobilitätsdienstleistern auf der ganzen Welt zur Verfügung stehen. Unter seinem Management hat sich Allianz Automotive zu einem führenden Anbieter von innovativen und risikoadäquaten Versicherungs- und Servicelösungen für Mobilitätsdienstleister wie Share Now, Uber, SnappCar und viele andere entwickelt. 

Jan Benecken ist Manager Autonomous Driving bei Allianz Automotive und für die Geschäfts- und Produktentwicklung verantwortlich, die OEMs, autonome Mobilitätsdienstleister und Technologieanbieter auf der ganzen Welt bedient. In seiner vorherigen Position als geschäftsführender Direktor eines Beratungsunternehmens arbeitete er mehrere Jahre für Automobilhersteller und Tier-1-Zulieferer, zuletzt mit Schwerpunkt auf (digitale) Geschäftsinnovationen und neue Mobilitätsinitiativen für große Automobilhersteller in Europa, Nordamerika und China.

 

Die perfekte Plattform für Diskussionen rund um die Zukunft der Mobilität

Die New Mobility World auf der IAA 2019 bringt Branchenexperten, Innovatoren, OEMs und Start-ups zusammen und thematisiert die relevanten Themen der Zukunft der Mobilität: Automation, Connectivity, E-Mobility und Mobility as a Service. Allianz Automotive ist bereits heute Tier-1-Partner der Automobilbranche und will dies durch die erneute Partnerschaft mit der New Mobility World weiter untermauern. Die New Mobility World ist die perfekte Plattform für inspirierende Diskussionen über die Mobilität von morgen. Bleiben Sie gespannt!

Allianz Automotive

Treffen Sie unsere Experten auf der New Mobility World!

Kontaktieren Sie uns unter global.automotive@allianz.com

   

Header Image by Daniel von Appen on Unsplash