Fernbus-Markt: Monopolist unter sich?

Im achten Jahr der Marktliberalisierung ist es auf dem Fernbusmarkt ruhiger geworden. Doch wie sieht die Marktlage derzeit aus? Wer fährt gerne im Bus in die nächste Stadt? Was macht der Branchenprimus Flixbus? Und welche neue Konkurrenz tritt auf den Plan?

Run auf Fernbusse

Freitagnachmittag am Zentralen Omnibushof am Funkturm in Berlin-Charlottenburg: Stoßzeit für die Fernbuslinien. Im Minutentakt starten sie zu ihren Zielen in die anderen Bundesländer und europäische Nachbarstaaten wie Polen, Österreich und Dänemark. Noch bis zum Jahr 2013 schützte ein Gesetz aus dem Jahr 1934 die Bahn vor Fernbusverkehr auf der Straße. Seit der Marktliberalisierung hat sich der Fernbus für immer mehr Menschen zur Alternative zu Auto, Bahn und Flugzeug gemausert. Rund 250 Anbieter sind im ganzen Bundesgebiet unterwegs. 23 Millionen Passagiere nutzen jährlich den Fernbus. Insgesamt hat sich die Passagieranzahl damit seit der Liberalisierung nahezu verdreifacht. Die Reisenden legten durchschnittlich 299 Kilometer zurück. Der Umsatz der Branche betrug im vergangenen Jahr 1,1 Milliarden Euro. Allein der Marktführer Flixbus fährt 2.500 Orte in 30 europäischen Ländern an und hat 2017 rund 40 Millionen Passagiere befördert.

Wer fährt gerne Fernbus?

Früher nutzten vor allem ältere Menschen den Reisebus. Und heute? Mit der jungen Zielgruppe kommen neue Bedürfnisse hinzu, vor allem hinsichtlich Infotainment. Das IGES-Institut hat in seiner Sozialstudie Fernbusmarkt die Kundenstruktur genauer unter die Lupe genommen: Über die Hälfte der Reisenden ist jünger als 35 Jahre. Auffällig ist insbesondere der hohe Anteil der 25- bis 29-Jährigen mit 22 Prozent. Über die Hälfte der Befragten fährt nur ein- bis zweimal im Jahr. Ein Drittel nutzt den Fernbus drei bis sechs Mal pro Jahr. Ein Drittel der Fahrgäste hat ein eigenes Auto. Meist ist der Fahrpreis ausschlaggebendes Kriterium für die Wahl. Zum Vergleich hat das IGES einige Strecken und Verbindungen ohne Berücksichtigung von BahnCards, Rabatte und Buchungspräferenzen verglichen. Ergebnis: Die standardisierten mittleren Preise von Flixbus lagen bei einem Preisniveau von 20 Euro (brutto). Damit liegt der Anbieter rund 68 Prozent unter dem mittleren Preis der Deutschen Bahn mit 62,81 Euro (brutto).

Fotoquelle: FlixBus

Zweites Kriterium ist der Komfort: Gefragt sind XL-Sitze, Steckdosen zum Aufladen von Smartphones und Notebooks, ein kostenfreier Internetzugang mit WLAN, ausleihbare Tablets mit Zeitschriften und Filmen sowie Getränke und Snackautomaten. Pünktlichkeit spielt bei den Kunden eine untergeordnete Rolle. Doch wie pünktlich ist ein Anbieter wie Flixbus überhaupt? Der SWR hat recherchiert, dass jeder Reisende bei Flixbus durchschnittlich mit 30 Minuten Verspätung rechnen muss. 80 Prozent der Flixbusse waren im Zeitraum von Dezember 2018 bis November 2019 zu spät an ihrem Ziel. Zum Vergleich: Bei der Bahn ist im Fernverkehr etwa jeder zehnte Zug mehr als eine Viertelstunde verspätet. Auch die tatsächliche mittlere Fahrtdauer bei Flixbus dauert anderthalb bis zweimal länger als die Fahrt mit der Bahn auf vergleichbaren Verbindungen.

Branchenprimus Flixbus

Dem heutigen Markt ging eine Zeit der Konsolidierung voraus. Der große Konkurrenzdruck hatte zu Übernahmen, Betriebseinstellungen und Insolvenzen geführt und ließ das Angebot ab 2016 bis heute schrumpfen. Zur Hochzeit gab es 355 Anbieter. Doch in den vergangenen Jahren ist de facto ein Monopol entstanden. Unangefochtener Marktführer in Deutschland mit einem Anteil von 95 Prozent gemessen an den angebotenen Streckenkilometern ist Flixbus. Eurolines als Nummer 2 folgt weit abgeschlagen mit einem Anteil von gerade mal 1,4 Prozent, wobei der Anbieter im vergangenen von Flixbus gekauft wurde, jedoch als eigenständige Marke weiter besteht. Es folgt der IC Bus der Deutschen Bahn mit 1,2 Prozent und der tschechische Anbieter RegioJet liegt bei 0.9 Prozent. Das in 2013 gegründete Unternehmen Flixbus besitzt weder eine eigene Flotte noch stellt es eigene Fahrer an. Stattdessen kooperiert es mit privaten Busunternehmen, die das Personal anstellen.

Von Beginn an setzten die Gründer zudem auf Expansion. Ein bundesweites Netz sollte zuerst Großstädte und später Kleinstädte verbinden. Das Konzept ging voll auf: Flixbus bedient mit seiner Flotte heute mehr als 400.000 Verbindungen am Tag. Ein weiterer USP: Flixbus gestaltet seine Services datengetrieben und bietet neben einer modernen App auch regionale Bezahlmethoden in unterschiedlichen Ländern an. Als erster Fernbusanbieter bietet Flixbus einen Sprachassistenten an. Über Smartphone, Google Assistant oder Google Home können Kunden Informationen zu Verbindungen, Abfahrtszeiten und aktuellen Preisen in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch abrufen. Anschließend lässt sich das Ticket direkt über die Sprachsteuerung buchen.

„Flixbus ist jeweils zur Hälfte ein Technologie- und ein Verkehrsunternehmen.“

Daniel Krauss, Gründer und CIO von Flixbus

BlaBlaBus: Für 0,99 Euro nach Berlin

Mit Kampfpreisen bei den Tickets von unter einem Euro plant der neue Anbieter BlaBlaBus dem Monopolisten Flixbus hierzulande Marktanteile abspenstig zu machen. Das Unternehmen gehört zur französischen Comuto-Gruppe, das Europas größte Mitfahrzentrale Blablacar betreibt. Derzeit werden 31 deutsche Fahrzielen angefahren, 300 europaweit. Die Mitfahrplattform könnte zum Vorteil für den Newcomer werden. BlaBlaBus setzt auf eine Community von 6,5 Millionen registrierten Blablacar.de-Kunden und will als flexible Ergänzung zum bestehenden Angebot avancieren. So werden auf der Plattform bereits sämtliche Busverbindungen angezeigt. Flixbus forciert ebenfalls die nahtlose Mobilität und kooperiert dazu seit 2019 mit Uber. Flixbus-Nutzer können dadurch bequem und unkompliziert die sogenannte “erste und letzte Meile” von oder zur Haltestelle mit einem Uber-Fahrer zurückzulegen – ein strategischer Fit mit Mehrwert für den Kunden. Doch die Marktmacht von Flixbus wird nur schwer zu brechen sein. Schließlich schluckte das Münchner Unternehmen einen Konkurrenten nach dem anderen, darunter MeinFernbus, Postbus und Megabus und wie erwähnt zuletzt Eurolines. Gegenwind spürt der Monopolist allerdings derzeit durch die Umsatzsteuersenkung auf Bahntickets. Erste Strecken wurden schon geopfert. Das Duell zwischen der Nummer 1 im Bereich der Mitfahrgelegenheiten und der Nummer 1 im Bereich der Fernbusse bleibt spannend.

„Wir möchten Bus- und Carpool-Reisen nicht nur in einer App anbieten, sondern auch kombiniertes Buchen zu ermöglichen. So soll künftig beispielsweise eine Teilstrecke mit BlaBlaCar und eine längere Busreise zusammen gebucht und bezahlt werden können.“

Christian Rahn, Chef von Blablabus-Deutschland

E-Fernbus als Alternative?

Flixbus gilt nicht nur als größter Anbieter, sondern auch als einer der innovativsten. Als erstes Unternehmen testete es den Einsatz von Elektrobussen im Fernbuslinienverkehr. Zuerst auf einer Strecke in Frankreich von Paris nach Amiens mit zwei Bussen der chinesischen Marke Yutong. Im Oktober 2018 war dann Premiere für den ersten vollelektrischen Fernbus auf deutscher Straße zwischen Frankfurt und Mannheim. Mit einer Reichweite von rund 250 Kilometern bei einer Ladung innerhalb von vier Stunde konnte der E-Omnibus des chinesischen Herstellers BYD die Strecke von rund 115 Kilometern pro Richtung auf dem Papier eigentlich gut bewältigen. Allerdings fiel der Bus aufgrund technischer Probleme mit der eingesetzten Lithium-Eisenphosphat-Batterie wiederholt aus. Flixbus zog daraufhin vergangenen Dezember die Reißleine und zog den Elektrobus aus dem Verkehr. Falls sich alternative Hersteller finden, ist eine Wiederaufnahme geplant. Derzeit sind Testbetriebe mit Biogas und Wasserstoff betriebene Busse in Plaung. 2021 sollen entsprechende Modelle zum Einsatz kommen. Bis 2030 plant Flixbus klimaneutral zu fahren. Was viele gar nicht wissen: Schon heute rangiert der Fernbus in der Klimastatistik vor der Bahn: Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg hat berechnet, das ein Fernlinienbus 23 Gramm CO2 pro Personenkilometer ausstößt. Bei der Bahn sind es hingegen 35 Gramm.

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