Ein türkiser LKW der Marke IVECO ist auf einem schwarz-weißen Hintergrund zu sehen, während er um eine felsige Kurve fährt.

Haute Couture für Nutzfahrzeuge

Ohne sie wären Alltag und Logistik undenkbar: Sonderfahrzeuge kommen immer dann zum Einsatz, wenn die Aufgabe oder die Fracht nicht mehr der Norm entsprechen.

Manchmal findet sich innerhalb der Serienfertigung für Transportaufgaben einfach nicht das passende Fahrzeug. Dann übernehmen spezialisierte Hersteller und entwickeln oder passen Nutzfahrzeuge für jeden erdenklichen Einsatz an. Auch Hersteller wie Mercedes-Benz oder MAN modifizieren ihre Modelle je nach Kundenwunsch. Sonderfahrzeuge kommen in der Landwirtschaft, im Katastrophenschutz, im Winter-, Rettungs- und Straßendienst und als Zweiwegefahrzeug auf Schienen zum Einsatz. Sie transportieren Spezialeinheiten der Polizei, Bier auf die Alm, bewegen Flugzeuge auf dem Rollfeld, unterstützen bei Waldbränden, arbeiten im Bergwerk unter Tage und sind auf Expeditionen in den entlegensten Teilen der Welt unterwegs. Spezielle Trucks transportieren auch Teile von Windkraftanlagen und Raketen, Turbinen oder Kräne. Sie sind beladen mit gigantischen Mengen an Kies, Stahl und Kabelrollen oder bringen ganze Lkw, Boote, Häuser, Flugzeuge und sonstige sperrige Konstruktionen an ihren Bestimmungsort.

Die Feuerwehr Kirchzarten bekämpft Brände mit hochgeländegängigem Unimog
Der Unimog der Feuerwehr kann als hochgeländegängiges Fahrzeug jedes noch so abgelegene Feuer bekämpfen

Garanten für den reibungslosen Alltag

Auf dem Flughafengelände bekommt man einen Eindruck, was Sonderfahrzeuge heute alles leisten. Was sich auf dem Rollfeld abspielt, ist ausgefeilte Logistik. Dafür braucht es spezielle Fahrzeuge, die schnell und zuverlässig die anfallenden Aufgaben bewältigen. Vom Follow-me Fahrzeug, das den Piloten den Weg weist, über den Flugzeugschlepper bis hin zum Hubfahrzeug für den Nachschub mit Catering sorgen Nutzfahrzeuge für einen reibungslosen Ablauf und sind ein wichtiges Glied in der Lieferkette. Sonderfahrzeuge prägen auch das Straßenbild und sorgen für ein Mindestmaß an Ordnung: Kehrmaschinen kümmern sich um die Sauberkeit von Tausenden Kilometern Asphalt und sammeln pro Tour Tonnen von Dreck und Unrat ein, während Müllwagen regelmäßig den Hausmüll wegschaffen. Eine von vielen Möglichkeiten ist die Seitenlader-Variante, die die Abfallsammlung im Ein-Mann-Betrieb ermöglicht. Die Tonnen werden direkt vom Straßenrand aufgenommen, entleert und wieder abgesetzt. Ganze Container für den Bauschutt dagegen stemmen sogenannte Absetz- und Abrollkipper. Damit Hunderte Liter Abwasser, die jeder von uns täglich in die Kanalisation spült, immer den direkten Weg ins Klärwerk nehmen können, müssen Tausende Kilometer Kanalisation in Schuss gehalten werden. Tag für Tag öffnen die Wasserbetrieb dafür Schachtdeckel um Schachtdeckel und entfernen Verstopfungen. Unterstützt werden sie von Kanalreinigungsfahrzeugen. Und Winterdienstfahrzeuge schaufeln mit schwerem Gerät Autobahnen und Straßen frei und verteilen tonnenweise Streugut, damit die Glätte keine Chance mehr hat.

BSR-Straßenreinigungfahrzeuge vor dem Brandenburger Tor.

Sonderfahrzeuge – Ihr Freund und Helfer

Sonderfahrzeuge sind auch bei diversen Behörden in verschiedenen Einsatzlagen gefragt. Bis zu 1.200 Mal pro Tag müssen Feuerwehr und Einsatzkräfte allein in Berlin durchschnittlich ausrücken, um Brände zu löschen oder Verletzte zu bergen. Egal ob Rettungswagen, Notarztwagen oder mobiles Schlaganfallmobil – da bei der Rettung von Leben jede Minute zählt, müssen sich Rettungstrupps auf Fahrzeuge mit einer speziellen Ausrüstung und Funktionen verlassen können. Der österreichische Spezialanbieter Rosenbauer baut seit mehr als 150 Jahren Serienmodelle von MAN oder Mercedes-Benz zu Hubrettungs-, Rüst-, Lösch- und Drehleiterfahrzeuge um, ebenso für Flughäfen und Industrielöschfahrzeuge für Chemiewerke oder Raffinieren. Wasserwerfer und Mannschaftwagen nutzt die Polizei. Angesichts wachsender Bedrohungen durch Terroranschläge und organisierte Kriminalität brauchen die Kräfte ein höheres Schutzniveau als bisher. Spezialeinheiten nutzen daher seit einigen Jahren geländegängige und gepanzerte Spezialtrucks wie den Survivor R, der aus einer Kooperation der Panzerschmiede Rheinmetall und Achleitner Fahrzeugbau entstanden ist.

Der teuerste Streifenwagen der Welt kostet in der Basisausstattung über 500.000 Euro. Mit einer Reihe von Extras wie einer Belüftungsanlage gegen atomare, biologische und chemische Kampfstoffe, Nebelanlage, Räumschild gegen Barrikaden und vielen anderen Besonderheiten kommen schnell mehrere Millionen Euro zusammen. Die Festung auf Rädern basiert auf einem Baustellen-Laster des Lkw-Bauers MAN. Achleitner versieht den Lkw mit einer Sicherheitszelle aus Panzerstahl, gepanzertem Unterboden und Motor. Rheinmetall sorgt für das Interieur und Außendesign. An der Panzerung und den Panzerglasscheiben prallen Pistolenkugeln ab, Maschinengewehrsalven hinterlassen allenfalls ein paar Kratzer im Lack, eine Spezialplatte im Unterboden schützt die Besatzung vor Sprengsätzen und selbst Handgranaten können dem Truck nach Herstellerangaben nichts anhaben.

Herkules der Straße

Jede Fahrt ist eine Herausforderung für die Speditionen, Fahrer, Zugmaschinen und Spezialtrailer: Die überdimensionierten Schwerlasttransporter sind höher als manche Autobahnbrücken, breiter als manche Straße, hunderte Tonnen schwer. Der Maschinen- und Anlagenbau ist auf sie ebenso angewiesen wie das boomende Baugewerbe. Auch die Energiewende wäre ohne sie nicht zu stemmen, etwa zum Transport und Aufbau von Windrädern. Großraum- und Schwertransporter kommen mit 13-Liter- oder 16-Liter-Motoren und transportieren bis zu 250 Tonnen. Solche Kraftpakete befördern Schätzungen zufolge jährlich mehrere Millionen Tonnen Fracht durch die Republik und in angrenzende Länder. Statistiken zu der Anzahl der XXL-Transporte in Europa oder Deutschland werden nicht einheitlich geführt. Laut dem Bundesamt für Güterverkehr wurden über das elektronische „Verfahrensmanagement für Großraum- und Schwertransporte“ – kurz VEMAGS – 2018 in einem Quartal rund 100.000 Anträge für die notwendige Transporterlaubnis gestellt. Denn ein Schwerlasttransporter kann nicht einfach losfahren.

Sobald ein Lkw mehr als 41 Tonnen Last transportiert, höher als vier und breiter als 2,5 Meter ist, braucht der Spediteur das Go der Straßenverkehrsbehörde. Jedes Vorhaben muss daher minutiös geplant werden. Oft sind sogar zusätzliche Gutachten von Statikern notwendig. Ein Großteil der Transporte wird nachts durchgeführt, es gibt aber auch Ausnahmen für Tagfahrten. Immer dabei sind mehrere Begleitfahrzeuge. Schwertransportfahrer ist im eigentlichen Sinne kein Berufsbild. Nur die bestqualifiziertesten Berufskraftfahrer werden zum Kapitän der ganzen großen Trucks. Erfahrung, Feingefühl und Improvisationstalent sind gefragt. Wenn bis zu 50 Meter lange Ungetüme mit 20 Achsen über Bundesstraßen und Autobahnen, durch enge Kurven und schmale Straßen von Städten und Dörfern sich den Weg bahnen, sind Ampeln, Straßenschilder und falsch geparkte Fahrzeuge eine Herausforderung.

Der Unimog – die Legende unter den Sonderfahrzeugen

Wenn kommunale Betriebe, Bauern und Förster einen Allrounder benötigen, dann ist er die erste Wahl: der Unimog (Universal-Motorgerät), eine Kreuzung aus Traktor und rustikalem Lkw. Über 1.000 Anwendungsgebiete machten den Unimog heute zu einem der vielseitigsten Nutzfahrzeuge auf dem Markt. Die Unimog-Welt ist schier unendlich. Es gibt ihn sogar als Luxusgefährt für arabische Scheichs und als Brabus-Edition. Etwas unterfordert gibt es ihn auch als Foodtruck. Weltweit wird er hoch geschätzt wegen seiner Robustheit und vor allem wegen seiner Fähigkeiten im Gelände. Das weltbekannte Nutzfahrzeug ist ein Stück deutscher Ingenieurskunst. Die Historie reicht über 70 Jahre zurück. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg plant Deutschland sich zum Agrarstaat zu etablieren. Der ehemalige Daimler-Ingenieur Albert Friedrich suchte nach einer Alternative für die schwere körperliche Arbeit und Lasttiere. Seine Idee: Ein Traktor mit einer Spurweite von zwei Kartoffelbahnen. Seinen technischen Prinzipien aus der Vergangenheit ist der Unimog treugeblieben.

„Für mich ist der Mercedes-Benz Unimog weit mehr als ein allradgetriebener Lkw. Er ist der John Wayne unter den Nutzfahrzeugen - frei nach dem Motto: Ich brauch’ keine Straße, ich brauch’ nur einen Auftrag.“

Dieter Zetsche, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Daimler AG

Mit vier gleich großen Rädern, Allradantrieb, zuschaltbare Achssperren (Mitte, vorn und hinten), kurze Überhänge und hohe Bodenfreiheit durchfährt und überklettert das bullige Nutzfahrzeug fast jedes Hindernis. Schlecht befahrbarer Untergründe und abseits befestigter Wege meistert der Unimog Felsbrocken und Baumstämme mühelos. Berghänge mit Steigungen bis 110 Prozent (ca. 45 Grad) sind möglich. Dank seiner Wattiefe von 1,20 Metern – bis dahin darf der Fluss reichen, ohne, dass die Aggregate Wasser ziehen – erreicht er Stellen, die sonst nur noch per Boot erreichbar wären. Beim Militär hat er ebenfalls Karriere gemacht. Allein die Bundeswehr hat etwa 18.000 Unimogs im Fuhrpark. Bis heute wurden rund 400.000 Exemplare gebaut. Wer sich so ein Fahrzeug gekauft hat, braucht sobald kein neues. Zwei Drittel sollen noch immer in Verwendung sein. Über 2.000 Unimogs werden jährlich gebaut, vielfach in Handarbeit. Circa 80 Prozent für den zivilen Einsatz, 20 Prozent fürs Militär.

Die IAA Nutzfahrzeuge 2020 Hannover widmet sich der Welt der Sonderfahrzeuge mit ihren vielen faszinierenden Facetten. Zahlreiche Aussteller präsentieren neueste Modelle und Lösungen für den Alltag.