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5 Fragen an Sophia von Berg

30.08.2021

Frauen sind in der Mobilitätsbranche häufig unterrepräsentiert. Die Initiative „Women in Mobility“ hat sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern und weibliche Sichtweisen auf die Gestaltung von Mobilität sichtbar zu machen. Wie sich das Projekt entwickelt hat und welche Ziele noch vor dem Team liegen, erzählt Mitgründerin Sophia von Berg.

Fast jeder Idee liegt einer Situation (einem Trigger-Erlebnis) zu Grunde. Welche war es bei „Women in Mobility“?

Während meiner Promotionszeit habe ich an zahlreichen Veranstaltungen der Mobilitätsbranche teilgenommen. Auf einem dieser Events traf ich auch das erste Mal auf meine Mitstreiterin Coco Heger-Mehnert und war sofort von ihrer Leidenschaft für das Thema Mobilität und unseren Diskussionen zu den zahlreichen Fragestellungen und Herausforderungen der Branche angetan. Wir mussten jedoch feststellen, dass dieses Fachwissen und die weibliche Perspektive auf die Gestaltung von Mobilität zumindest auf den Podien wenig sichtbar war. Auch die Auditorien waren je nach Branchensparte zu 90% männlich besetzt. Die Idee, eine Plattform für den fachlichen Austausch sowie das Sichtbarmachen und die Vernetzung von Frauen aus der Mobilitätsbranche zu schaffen, ist aus diesen Erfahrungen heraus entstanden.

Wie verlief die Entwicklung von der Idee bis zum heutigen Tag? Welche Hürden gab es zu überwinden – und über welche Erfolge freut ihr euch besonders?

Die wohl größte Herausforderung bei einer solchen Initiative ist das Zeitmanagement. Alle Frauen, die sich für die Ziele von Women in Mobility einsetzen, haben reguläre Berufe auf Vollzeitbasis. Die Arbeit für Women in Mobility stemmen wir alle ehrenamtlich in unserer Freizeit. Ehrenamtliches Engagement wird stark durch die intrinsische Motivation, aber eben auch durch eine agile Planung und ein “füreinander Einstehen” getragen. Die Dynamiken in einer ehrenamtlichen Netzwerkorganisation und der anhängenden Community können durch persönliche Lebenslagen und Wachstum schwanken. Nichtsdestotrotz gelingt es uns, besondere Kooperationen – wie auch diese hier mit der IAA MOBILITY – abzuschließen, die auf unsere Women in Mobility Ziele einzahlen und Wert für unsere Community stiften. Eine große Wertschätzung unserer Arbeit haben wir letztes Jahr auch durch die Verleihung des Deutschen Mobilitätspreises erfahren.

Warum braucht es Women in Mobility?

Da ist zum einen die mangelnde Diversität in der personellen Zusammensetzung von Teams, wie auch in der Besetzung der Führungsebenen. Schon in der Ausbildung, wie auch in den Studiengängen rund um den Mobilitätssektor bis hin zur Besetzung von Lehrstühlen finden sich deutlich weniger Frauen. Hier versucht WiM anzusetzen, indem es Austausch zu Förderprogrammen, zu Attraktivität der Branche und spannenden Berufsbildern ermöglicht.

Der zweite Faktor ist die WiM Familie: Das Netzwerk, das uns Frauen miteinander trägt, das stärkt und die Möglichkeit bietet, sich zu Fragen der persönlichen Entwicklung im geschützten Raum auszutauschen.

Zum Dritten die Fachexpertise: Die Vernetzung schafft es, dass verschiedene Mobilitätssparten miteinander sprechen, sich Ideen zuspielen und verstehen, dass Automobil, Fahrrad, Fußwege, neue Verkehrsmittel wie z. B. E-Tretroller und ÖPNV im Zusammenspiel Sinn machen. Wie einseitig Verkehrsplanung sich an den Bedürfnissen und am Reiseverhalten von Männern orientiert hat und wie wenig der Blick für Bedürfnisse von Gruppen wie z. B. Frauen eine Rolle gespielt hat, zeigt die neueste vom VBB unterstützte Ramboll-Studie „Gender & (Smart) Mobility – Green Paper 2021“.

Hier zeigt sich die Notwendigkeit von Diversität, denn wenn Stellen vorrangig von Männern besetzt sind, planen Männer natürlich eher aus ihrem Blickwinkel. Es ist Zeit, die Bedürfnisse von Frauen und natürlich von vielen anderen Nutzergruppen in Planung, Produktentwicklung und Umsetzung mit einzubeziehen.

Was sind Ihre Pläne für WiM in der Zukunft?

Aktuell arbeiten wir an einer Speaker:innen-Datenbank, die insbesondere auch auf die weiblichen Bedürfnisse bei Speaker-Engagements eingehen wird. Diese Datenbank möchten wir nach Möglichkeit später auch als Whitelabel Lösung ähnlichen Initiativen aus anderen Branchen anbieten. Außerdem wird am 18. und 19. November die “WiM Winter School” stattfinden, ein virtuelles Learning Event mit vielen spannenden Speaker:innen und Programmpunkten – der Ticket-Vorverkauf hat bereits begonnen!

Gibt es Länder, die sich Deutschland als Vorbild nehmen könnte? Ein Beispiel: Die südkoreanische Automarke Hyundai ist deutlich jünger als die deutschen Global Player (Mercedes, BMW etc.). Ist die Mobilitäts-/Automobilbranche Ihrer Meinung nach eine Männerdomäne, weil sie historisch so gewachsen ist? Wie könnte man dem gesellschaftlich entgegenwirken?

Das Phänomen Männerdomänen und Diversität ist ja insgesamt in einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, vor allem bei den jüngeren Altersgruppen und nicht nur in der Mobilitätsbranche. Das trifft auch die Politik selbst, die Universitäten, viele weitere Industriesparten. Um diesem Umstand gesellschaftlich zu begegnen, muss schon bei der Erziehung angesetzt werden, es geht ja über das Attraktivmachen von Berufsbildern, der Schaffung von arbeitspolitischen Maßnahmen für Lösungen für Eltern in Familienphasen, neue Organisations- und Arbeitsformen, andere Arten von Entscheidungsprozessen in der Politik und neuen rechtlichen und ordnungspolitischen Maßnahmen hinaus. Was wir in unserem Netzwerk beobachten, ist, dass hier gerade ein enormer Wandel in der Haltung von jungen Menschen zu diesen Fragestellungen stattfindet. Um mitzugestalten und nicht nur zu reagieren ist es sicher hilfreich, Entwicklungen vorausschauend zu betrachten, sich divers aufzustellen, gut zuzuhören und selbst eine zukunftsorientierte Haltung zu entwickeln und diese zu verfolgen. Mir ist kein Land bekannt, dass sich all diesen Fragen umfassend stellt, aber es gibt z. B. in Sachen Verkehrsplanung und Diversität einige Leuchtturmprojekte. Helsinki, Kopenhagen, aber auch Paris und Barcelona haben sich auf den Weg gemacht. 

Über Women in Mobility

Coco Heger-Mehnert, Anke Erpenbeck und Sophia von Berg sind Gründerinnen und Geschäftsführerinnen der Women in Mobility (WiM) D-A-CH gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt) i.G.

Women in Mobility ist eine Netzwerkorganisation, die durch die Arbeit der Hub-Frauen in den verschiedenen Städten von Hamburg über Wien bis London mit Leben gefüllt wird. Eine Übersicht zu den Außenstellen und den dahinter stehenden Frauen, die ihre Freizeit dem gemeinnützigen Zweck widmen, finden Sie hier: Hubs | Women in Mobility. Für die Umsetzung des Sprecher:innen-Datenbank-Projekts sucht das Team noch nach Partner:innen, die mit einer Spende unterstützen möchten. Bei Interesse an weiteren Informationen können Sie dem Team schreiben.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.