5 Fragen an Johann Jungwirth

Wird autonomes Fahren den Straßenverkehr sicherer machen? Und welche Vorteile bringt es, nicht selbst am Steuer sitzen zu müssen? Der Vice President of Mobility-as-a-Service (MaaS) bei Mobileye beschreibt im 5-Fragen-Interview seine Vision der Mobilität der Zukunft.

Die IAA MOBILITY umfasst nachhaltige Mobilität in all ihren Facetten. Kurz und bündig: Was ist Ihre persönliche Vision von der Mobilität der Zukunft?

Für mich ist das die fahrerlose Mobilität für alle, auf Knopfdruck. Die Mobilität der Zukunft wird für alle Menschen sicher, barrierefrei, nachhaltig, bezahlbar und einfach zu nutzen sein – nicht nur in Städten, sondern auch in ländlichen Gebieten. Selbstfahrende inklusive Mobilität wird echte Mobilitätsfreiheit bedeuten, nicht nur für Menschen im Rollstuhl, auch für ältere Menschen, für Kinder. Einfach für alle.

Mobileye beschäftigt sich mit Assistenzsystemen und dem autonomen Fahren. Was fasziniert Sie an der Vorstellung, hinter dem Steuer zu sitzen, ohne selbst lenken zu müssen?

Natürlich ist es ein tolles Erlebnis, an einem warmen heißen Sommertag in einem Cabrio hinter dem Steuer zu sitzen und selbst zu fahren. Ich bin ein Autonarr. Aber die Faszination des autonomen Fahrens besteht eigentlich darin, all die Zeit zurückzubekommen, die ich derzeit hinter dem Lenkrad verschwende. Die meisten Autofahrten sind heute langweilig und stehlen uns wertvolle Zeit – weltweit etwa 800 Milliarden Stunden pro Jahr. Zeit, die wir damit verbringen könnten, mit unseren Kindern zu spielen oder die schöne Natur und Umgebung zu genießen, durch die wir fahren.

Als Ingenieur bin ich natürlich fasziniert von den Technologien, die dahinter stecken. Es ist gerade einmal 135 Jahre her, dass das erste Auto der Welt patentiert wurde und eine neue Ära der Mobilität ermöglichte. Heute stehen wir an der Schwelle zu einem weiteren Sprung nach vorn: Autonome Fahrzeuge werden weltweit im Regelbetrieb auf den Straßen unterwegs sein und die Art und Weise des Zielerreichens verändern. Dies wird nicht nur Auswirkungen auf neue Mobility-as-a-Service-Angebote haben, sondern auch drängende Probleme lösen, die Menschen in Ballungsräumen heute erleben: Verkehrswege werden entlastet, Emissionen reduziert und Menschen erhalten einen gleichberechtigten und bezahlbaren Zugang zu Mobilität. Nicht zuletzt sollten wir alle die Möglichkeit haben, vollständig automatisiertes Fahren als Option für unsere Fahrzeuge der nächsten Generation kaufen zu können – und  wählen zu können, ob ich auf dem Fahrersitz sitze und fahre, oder auf dem Rücksitz sitze und die Fahrt genieße, oder ob ich meinen wohlverdienten Schlaf bekomme.

Glauben Sie, dass Straßenverkehr ohne Unfälle irgendwann möglich sein wird?

Statistiken zeigen deutlich, dass mehr als 9 von 10 Unfällen auf menschliche Fehler zurückzuführen sind. Damit ist der menschliche Fahrer mit Abstand das Risiko Nummer eins im heutigen Straßenverkehr. Durch unsere Technologie können wir diese Risiken drastisch reduzieren. Eine "Vision Zero" ist daher kein unerreichbarer Traum, sondern ein klares und realistisches Ziel. Selbst wenn wir in den nächsten Jahrzehnten nur nahe an Null herankommen, zum Beispiel wegen des verbleibenden Risikos von Zusammenstößen mit Wildtieren, haben wir vieles richtig gemacht, denn es würde Millionen von Menschenleben retten und Hunderte von Millionen Verletzungen im Straßenverkehr verhindern.

Welche Faktoren werden in Zukunft für den Erfolg der Mobilitätsindustrie entscheidend sein?

Mehrere Faktoren werden in der zukünftigen Mobilitätsindustrie eine Schlüsselrolle spielen: Nummer eins ist Software und softwaredefinierte Lösungen, von AV- und Sensortechnologie im Fahrzeug bis hin zu Mobilitäts-Cloud-Plattformen. Dazu gehören natürlich auch erstklassige Computer-Vision-Algorithmen und künstliche Intelligenz, mit maschinellem Lernen und neuronalen Netzen.

Nummer zwei ist die Skalierbarkeit – die Beteiligten, die den entsprechenden Zugang, die Technologie und die Plattformlösungen haben, die eine umfassende Skalierung von ADAS und selbstfahrenden Lösungen und Fahrzeugen unterstützen. Alles was wir tun unterstützt dieses Ziel der Skalierbarkeit, vom crowd-gesourcten, automatisch erstelltem AV-Mapping bis hin zur Driving Policy, die auf Verantwortung gegenüber der Sicherheit basiert, oder formalen Modalitäten für Sicherheit und Entscheidungsfindung.

Nummer drei ist, die Technologie auf ein erschwingliches Kostenniveau zu bringen, das mit dem Markt für zukünftige autonome Fahrzeuge übereinstimmt. Das ist ebenfalls entscheidend für eine globale Verbreitung.

Darüber hinaus ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Politik elementar, um die notwendige Gesetzgebung und Regulierung vorzubereiten und autonomes Fahren im Massenmaßstab zu ermöglichen. Um dies zu erreichen, müssen alle Akteure zusammenarbeiten. Automobilhersteller und Technologieunternehmen können symbiotisch zusammenarbeiten und auf der Stärke des jeweils anderen aufbauen, um dies Realität werden zu lassen.

Der Erfolg von Mobileye basiert auf einem System, das sich auf Kameras verlässt. Wie gut ist übrigens Ihre Sehkraft?

Zum jetzigen Zeitpunkt haben unsere Computer-Vision-Technologien eine weitaus bessere Sehkraft als ich persönlich, und sie haben mit einem Satz von 11 Augen eine volle 360-Grad-Rundumsicht – im Vergleich dazu haben wir als Menschen eine  begrenzte Sicht in nur eine Richtung mit nur sehr kleinem Fokusbereich und hoher Auflösung.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.