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5 Fragen an... Sanda Tuzlic

02.08.2021

Sanda Tuzlic, Managing Director Energy Transition Services bei Accenture, diskutiert im Interview, welche Rolle ein nachhaltiger Mobilitätssektor zum Erreichen der EU-Klimaziele spielt, welche großen Herausforderungen es dabei gibt und wie entscheidend Kollaboration für alle Akteure am Markt ist.

Warum ist die Elektrifizierung des Transportwesens und des gesamten Mobilitätsbereichs entscheidend, um die Ziele des europäischen Green Deal zu erreichen?

Der von der EU-Kommission initiierte Green Deal setzt sich zum Ziel, den CO2-Austoß innerhalb Europas bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren und ab 2050 keine Netto-Treibhausgase mehr auszustoßen. Das bedeutet: bis 2050 möchte die EU komplett klimaneutral werden. Ein Vorhaben dieser Größenordnung ist eine enorme gesellschaftliche und politische Kraftanstrengung, die schnelles und entschlossenes Handeln auf allen Ebenen erfordert.

Wir müssen bedenken, dass der CO2-Ausstoß im Transportwesen aktuell rund 30 Prozent der gesamten EU-weiten Emissionen ausmacht. Ganze 72 Prozent davon macht der Straßenverkehr aus. Elektrisch betriebene, emissionsfreie Autos und Flotten sind aus unserer Sicht absolut entscheidend, um die Klimaschutzziele der EU zu erreichen. Deshalb sollen nach dem Willen der EU bis 2030 auch mindestens 30 Millionen E-Autos in Europa unterwegs sein.

Erleben wir gerade den großen Augenblick der E-Mobilität?

Ja, die E-Mobilität hat enorm an Fahrt aufgenommen und die Entwicklung verläuft sehr dynamisch. Der Internationalen Energie Agentur zufolge haben sich die Zulassungszahlen elektrisch betriebener Fahrzeuge in der EU im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt und bewegen sich aktuell im Bereich von 1,4 Millionen. Der E-Auto-Markt in Europa wächst stark. Wenn man sich das Beispiel Norwegen ansieht, kann man einen Marktanteil elektrischer Fahrzeuge von 81,5 Prozent bei allen Neuzulassungen ausmachen. Der Markt in anderen Ländern wie Deutschland nimmt an Fahrtwind auf, hierzulande liegt der Marktanteil bei Neuzulassungen aktuell bei 21,6 Prozent.

Die Automobilindustrie hat zudem eindeutige Zusagen zum Ende des Verbrennungsmotors gegeben. So hat Audi beispielsweise verkündet, dass keine neuen Verbrennungsmotoren mehr entwickelt werden und verfolgt das Ziel, dass in den kommenden fünf Jahren 20 verschiedene elektrische Modelle angeboten werden sollen.1 Volvo plant, bis 2030 komplett auf Elektroantriebe umzusteigen und möchte bis 2025 bereits die Hälfte der Modellpalette aktualisieren.2 Bei BMW geht man davon aus, dass 50 Prozent derer Gesamtverkäufe im Jahr 2030 E-Autos sein werden.3

Gleichzeitig erleben wir, dass europaweit konkrete CO2-Einsparziele und -wege von Regierungen beschlossen werden und Zusagen von über 60 Milliarden Euro für die Entwicklung elektrischer Fahrzeuge und Batterien getroffen wurden. Der jüngste Vorschlag der EU-Kommission, das "Fit for 55"-Gesetzespaket, setzt sich zum Ziel, dass alle nach dem Jahr 2035 zugelassenen Autos lokal emissionsfrei sein sollen.

Worin liegen die Herausforderungen im Aufbau eines starken, europaweiten E-Auto-Marktes?

Im Grunde sehen wir fünf Hauptherausforderungen. Zuerst: Kommunikation. Hierbei geht es darum, Fahrern von Verbrenner-Autos die Vorteile elektrischer Antriebe näher zu bringen und ein Umsteuern im Kaufverhalten zu erreichen. Das ist ohne Frage eine anspruchsvolle Aufgabe. In der medialen Berichterstattung kann man zu Recht oft von der "Reichweitenangst" vieler Verbraucher lesen. Solche Aspekte müssen ernst genommen und von Herstellern und Ladeinfrastrukturanbietern beantwortet werden.

Zweitens müssen sich die Menschen E-Autos leisten können. Der Preis ist ein entscheidendes Kriterium für die Entstehung eines Massenmarktes. Fast 40 Prozent der Europäer geben einen (noch) zu hohen Kaufpreis als Grund an, nicht auf ein E-Auto umzusteigen.

Als Drittes muss die "customer experience", also das Fahrerlebnis vom Start bis zum Ziel, verbessert werden. Hierbei geht es vor allem um die Frage der Lademöglichkeiten unterwegs. Noch immer ist von vielen Menschen zu hören, dass sie keine oder nicht ausreichend Lademöglichkeiten auf ihren Routen finden, dass es zu viele verschiedene Apps und Ladedienste gibt. Wenn noch immer einer von sechs Ladevorgängen nicht hundertprozentig klappt, ist das ein Problem, das behoben werden muss. Beim traditionellen Tankstellenbesuch würde das im Vergleich wahrscheinlich eher selten passieren. Im Übergang von der sogenannten "early adopter"-Phase hin zu einem wirklichen Massenmarkt ist ein niedrigschwelliges, einfaches und vor allem nahtloses Mobilitätserlebnis wichtig. 

Um dieses Ziel zu erreichen, muss eine vierte Herausforderung gemeistert werden: die Interoperabilität der Ladeinfrastruktur. Fahrer eines E-Autos müssen überall und zu jeder Zeit eine passende Lademöglichkeit vorfinden. Glücklicherweise können wir auf diesem Gebiet einige vielversprechende Fortschritte wie beispielsweise den "Plug & Charge-Standard" beobachten.

Zu guter Letzt ist bereits jetzt abzusehen, dass die Zahl der öffentlichen Ladestationen von 250.000 (2020) auf drei Millionen bis zum Jahr 2030 steigen muss. Dazu ist eine enge Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure notwendig - von Herstellern, über beteiligte Infrastrukturdienstleister bis hin zu den nationalen Regierungen, denen eine entscheidende Steuerungsfunktion zukommt.

Wie geht man eine komplexe Herausforderungslage wie diese am besten an?

Im Endeffekt müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Elektrifizierung unseres gesamten Transportwesens und des Mobiltitätsbereichs im Ganzen eine Mammutaufgabe ist. Kein einziges Unternehmen kann dies alleine leisten. Der Schlüssel liegt in der Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure und einem aufeinander abgestimmten Handeln. Einige Initiativen der jüngsten Zeit können uns aber optimistisch stimmen. Die strategische Allianz zwischen Iberdrola, Volkswagen und Seat in Spanien ist hier ein gutes Beispiel.4

Welche weiteren Beispiele einer funktionierenden Zusammenarbeit verschiedener Mobilitätsakteure fallen Ihnen ein?

Free2Move eSolutions ist ein gutes Beispiel - ein Joint Venture von Stellantis und Engie EPS, gegründet um verschiedene E-Mobilitätsprodukte und -services in Italien zu designen, zu fertigen und auszuliefern.

Die Renault Gruppe, Envision und Verkor haben darüber hinaus kürzlich eine Vereinbarung zum Bau einer Giga-Factory zur Herstellung von Batterien in Frankreich unterzeichnet.5

Partnerschaften wie diese zeigen, dass Kooperation der beste Weg ist, um den angestrebten Wandel im Mobilitätsbereich herbeizuführen.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.