Work on the move – wie Homeoffice, Co-Working und Co. die urbane Mobilität verändern

10.02.2021

Nicht erst seit der Corona-Pandemie ist unsere Arbeitswelt im Umbruch. Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung sind nur drei von vielen Aspekten, die die Mobilität in den Städten herausfordern.

Morgens zur Arbeit fahren, acht bis zehn Stunden im Büro oder im Betrieb verbringen und abends wieder zurückfahren, häufig mit dem Auto: Jahrzehntelang war das für die meisten Arbeitnehmer Standard. Die Metropolen stellten sich entsprechend dem Vorbild der autogerechten Stadt auf diese Bedürfnisse ein. Doch der zunehmende Berufsverkehr auf vier Rädern hat die Städte mittlerweile an den Rand des Kollaps gebracht.

Intelligente Infrastruktur für die Stadt

Die gute Nachricht: Seit ein paar Jahren ändert sich die Arbeitswelt. Zwischen 2018 und 2020 vervierfachte sich die Zahl der Co-Working-Spaces in Deutschland – von 300 auf mehr als 1200. Dafür sorgen vor allem gesellschaftliche Entwicklungen: Beispielsweise bringt die neue, junge Generation der Arbeitnehmer ein gesteigertes Bedürfnis nach Individualität und Flexibilität mit. Für sie ist es erstrebenswert, auch außerhalb der klassischen Zeitfenster und Räumlichkeiten zu arbeiten. Diese neuen Arbeitsweisen hat die Corona-Pandemie noch beschleunigt: Spätestens seit dem ersten Lockdown ist Homeoffice für rund ein Viertel aller Berufstätigen zum Standard geworden – und Teile davon werden wohl erhalten bleiben. Das sehen auch einige Arbeitgeber so: Einer Umfrage des Instituts für Wirtschaft (IW) zufolge will rund ein Drittel der Unternehmen künftig mehr Home Office ermöglichen. Die IHK Berlin geht sogar davon aus, dass künftig rund die Hälfte künftig auf ein Hybridmodell zwischen Präsenz und Homeoffice setzen wird.

Entsprechend muss sich auch die Verkehrsplanung der Städte verändern. Wie muss der Stadtverkehr künftig aussehen, wenn mehr Menschen viel flexibler unterwegs sind? Die klassischen Verkehrsmodelle von heute werden dann nicht mehr ausreichen. Die Planer stehen also vor einer hochkomplexen Gemengelage.

Mit vernetzter Technik soll der Verkehr besser fließen – © Siemens

Smarte Technik für einen reibungslosen Verkehr

Unterschiedliche Arbeitszeiten entzerren Rush Hours. Kilometerlange Blechlawinen könnten also der Vergangenheit angehören – und dabei kann auch die vernetzte Technik helfen. Ampeln beispielsweise lassen sich mit einer geringfügigen Aufrüstung so steuern, dass sie sich der aktuellen Verkehrssituation anpassen. Die Grundlagen sind schon geschaffen: Fußgänger, Radfahrer und E-Scooter-Fahrer sind in der Regel mit einem Smartphone unterwegs, das seinen Standort sendet. Vernetzte Autos können mit anderen vernetzten Fahrzeugen sowie der Verkehrsleitzentrale kommunizieren. Durch den ständigen Austausch all dieser Verkehrsteilnehmer und deren Geräte könnten Umleitungsempfehlungen live versendet und Ampeln optimiert grün geschaltet werden. So lassen sich bis zu ein Viertel aller Staus und damit auch CO2-Ausstoß vermeiden.

Auch für den Mix aus Individualverkehr und ÖPNV sind neue Lösungen nötig. Die Verkehrsverbände arbeiten bereits an neuen Tarifmodellen für den Fall, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zeitkartenbesitzen künftig weniger regelmäßig ins Büro fährt. In NRW wird Ende 2021 beispielsweise der eTarif NRW eingeführt: Per App wird zu Fahrtbeginn ein- und am Ende wieder ausgecheckt. Das System ermittelt automatisch den günstigsten Tarif. Wer nicht mit der U-Bahn fahren möchte, setzt sich aufs Fahrrad oder surrt mit dem E-Roller von A nach B – und das idealerweise alles über eine App, die für eine gewünschte Route die beste Kombination der Verkehrsmittel vorschlägt – wie es etwa die Berliner Verkehrsbetriebe mit der App „Jelbi“ vormachen.

Seltenere Arbeitswege – andere Verkehrsmittel

Neue Arbeitsmodelle nehmen auch Einfluss auf die Gebäude – und die wiederum auf den Verkehr. Co-Working-Spaces, mehr Arbeit von zu Hause oder von anderen Orten als dem gewohnten Arbeitsplatz machen weniger Büroflächen nötig. Und das bringt seltenere Fahrten ins Büro mit sich. Stadtplaner sehen darin eine riesige Chance, die Innenstädte wieder zu beleben, Wohnraum zurück in die Zentren zu holen und freie Flächen in Erholungsflächen oder Treffpunkte umzuwandeln.  Mehr Räumlichkeiten fürs Co-Working könnten auch diejenigen entlasten, die zwar regelmäßig nicht ins Büro fahren, aber auch nicht dauerhaft von zuhause aus arbeiten – und damit auch kürzere Strecken zurücklegen als bislang.

In der Corona-Pandemie haben Städte wie Berlin oder München außerdem mit Erfolg temporäre Radspuren auf den Straßen eingerichtet. Auch wenn der Versuch in München im Herbst 2020 zunächst endete, sollen in diesem Jahr mindestens an drei verschiedenen Orten in der Stadt wieder zeitweise Radspuren entstehen – mit Chance auf dauerhaften Bestand. Auch Berlin plant nach Versuchen mit sogenannten Pop-up-Radwegen die Einrichtung weiterer geschützter Fahrradspuren. Solche Radstreifen werden auch für den Lieferverkehr immer wichtiger, denn der Boom des Onlinehandels ist ungebrochen. Versuche mit kleinteiligen Verteilerzentren laufen bereits: Lkw bringen Pakete für ein Gebiet an einen Sammelplatz und werden dort auf Lastenfahrräder verteilt, die platz- und CO2-sparend die Waren bis zu den Empfängern bringen.

Inwieweit die Pandemie langfristige Folgen für den Autoverkehr und den ÖPNV hat, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Aber eines ist klar: Der Verkehr in den Städten wird vielfältiger – und die Digitalisierung kann dabei helfen, auf die neuen Herausforderungen zu reagieren.

(Aufmacherfoto: © Unsplash/Nikola Balic)

 

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.