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Vollelektrische Fähren: Strom und Wasser – eine gute Kombination

03.08.2021

Ob Personen, Autos oder Lkw – Fähren transportieren schwere Lasten und verbrauchen damit viel Energie. Umso wichtiger, dass sie möglichst schnell den Wechsel auf emissionsfreie Antriebstechnologien schaffen.

Dekarbonisierung ist das Gebot der Stunde im Mobilitätssektor. Ob Autos, Busse, Lkw oder Flugzeuge – kein Verkehrsmittel, dessen Antrieb derzeit nicht auf klimafreundliche Technologien umgestellt wird. Auch bei Fähren ist das Thema bereits angekommen. Hintergrund sind die immer strenger werdenden Umweltvorschriften der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (ISO): 2020 hat sie die weltweiten Höchstwerte für den Schwefelgehalt von Schifffahrtsemissionen von 3,5 auf 0,5 Prozent gesenkt. Für besonders geschützte Gewässer, wie Nord- und Ostsee, liegen sie sogar bei nur 0,1 Prozent. Die Reedereien müssen reagieren, wobei sie verschiedene Möglichkeiten haben: Von der Umrüstung auf Flüssigerdgas (LNG) über den Einsatz von stärkeren Filteranlagen bis hin zu Hybriden mit Rotorsegeln. Aber es geht auch rein elektrisch: Ob an der norddeutschen Küste, in den Fjorden Norwegens oder in Thailand – an diesen fünf Orten sind Transportschiffe mit Batterieantrieb bereits unterwegs.

Die MS Düsternbrook auf der Kieler Förde. © SFK

Norddeutschland: Erste Elektro-Fähre in Kiel, Mini-Fähre nach Usedom

Die „MS Düsternbrook“ der Schlepp- und Fährgesellschaft Kiel (SFK) ist die erste vollelektrische Fähre an Norddeutschlands Küste. Das Schiff ist seit Juni 2021 auf der „F2 Schwentine-Linie“ der Kieler Förde unterwegs, wo sie die Anlegestellen Reventlou, Wellingdorf und Neumühlen miteinander verbindet. Mit einer Länge von knapp 25 Metern und einer Breite von etwas über 7 Metern gehört die Fähre eher zu den kleineren ihrer Art. Dennoch reicht ihr Solo-Deck aus, um rund 140 Personen und 60 Fahrräder zu transportieren. Dabei wird die Fähre von zwei Elektro-Motoren mit jeweils 86 Kilowatt und einem Bugstrahler mit 40 Kilowatt Leistung angetrieben. Ihre 819 Kilowattstunden große Batterie reicht zusammen mit den 20 Solarzellen für rund zehn Stunden Betrieb aus. Insgesamt sollen sich die Kosten für das Schiff auf etwa drei Millionen Euro belaufen, wobei die Kieler Schlepp- und Fährgesellschaft bei der Anschaffung durch das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur (BMVI) unterstützt wurde. Gebaut hat das Boot die Holland Shipyards Werft aus Rotterdam.

Eine weitere E-Fähre in Norddeutschland soll ab August 2021 zwischen der Insel Usedom und dem Festlandort Kamp verkehren. Mit nur 14 Metern Länge und einer Kapazität von 20 Personen und 15 Rädern ist das Schiff noch einmal deutlich kleiner als die MS Düsternbrook aus Kiel. Das Solarschiff soll täglich zwischen acht und 14 Stunden in Betrieb sein, sodass es seine Batterien über Nacht wieder aufladen kann. Entwickelt wurde die Mini-Fähre mit vollelektrischem Ruderpropeller von Torqeedo, einem deutschen Hersteller von elektrischen Antriebssystemen für Boote.

Norwegen: „Bastø Electric“, die größte E-Fähre der Welt

Was im kleinen Maßstab funktioniert, geht auch in ganz groß, wie die norwegische Reederei Bastø Fosen eindrucksvoll beweist. Mit ihrem Riesenschiff „Bastø Electric“ betreibt sie die derzeit größte Elektro-Fähre der Welt. Fast 140 Meter lang und ganze 21 Meter breit, fasst der Koloss bis zu 600 Passagiere und 200 Autos. Seine Arbeit verrichtet das Schiff seit März 2021 zwischen den beiden Städten Moss und Horten, die an der Ost- und Westküste des Oslofjords liegen. Die Strecke ist Norwegen verkehrsreichste Fährverbindung und wird jährlich von etwa 3,8 Millionen Passagieren und rund 1,8 Millionen Fahrzeugen überquert. Das Schiff, an dessen Entwicklung auch Siemens beteiligt war, bezieht seine Energie aus einer Batterie mit einer Kapazität von unglaublichen 4.300 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Die größten Akkus im Pkw-Bereich fassen derzeit etwas weniger als 100 Kilowattstunden. Im Bereich der Elektrifizierung von Fähren gilt Norwegen als Vorreiter. In den vielen Gewässern des Landes werden insgesamt schon über 70 E-Fähren eingesetzt.

Die größte E-Fähre der Welt: Bastø Electric. © Bastø Fosen

Portugal: Elektro-Fähre nach Lissabon

Diesel gegen Elektro – diesen Weg geht auch das Verkehrsunternehmen Transtejo, das mehrere Fähren zur Überquerung des Tejo-Flusses in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon betreibt. Bis 2022 will das Unternehmen zehn seiner Diesel-Schiffe durch neue Elektro-Modelle ersetzen, die es bei dem spanischen Schiffsbauer Astilleros Gondán und dem schwedischen Industrieriesen ABB in Auftrag gegeben hat. Die 40 Meter langen Binnenschiffe sollen bis zu 540 Fahrgäste fassen und zwischen den Anlegestellen Lissabon, Cacilhas, Seixal und Montijo zum Einsatz kommen, die allesamt am Tejo liegen, dem längsten Fluss der iberischen Halbinsel. Die Inbetriebnahme der Fähren ist für die Jahre 2022 bis 2024 geplant. Das erste Schiff soll über eine Akkukapazität von 1.860 Kilowattstunden verfügen und 16 Knoten (30 km/h) schnell fahren können. „Dieses Projekt ist ein weiterer Meilenstein für emissionsfreie Antriebslösungen in der Fährindustrie und zeigt, dass bereits heute eine bewährte Technologie verfügbar ist, mit der die künftigen Anforderungen eines nachhaltigen Fährverkehrs erfüllt werden können.“, so Juha Koskela, Leiter der Division Marine & Ports von ABB.

Ab 2022 sollen die neuen Elektro-Fähren auf dem Tejo fahren. © Astilleros Gondán

Schweden: Die schnellste Elektro-Fähre der Welt

Statt Tempo-Rekorde aufzustellen, fallen Fähren für gewöhnlich mit einer eher gemächlichen Fahrweise auf, was für elektrische Schiffe durchaus Vorteile bei der Energieeinsparung und der Reichweite mit sich bringt. Dennoch können E-Fähren auch anders, wie ein in Stockholm geplantes Modell namens P-30 zeigt. Mit bis zu 55 km/h soll das zwölf Meter lange Gefährt künftig auf der „Wasserstraße“ zwischen Stockholm und den auf einer nahegelegenen Insel angesiedelten Schärengärten fahren. Platz bietet das stylische E-Boot für etwa 30 Personen, wobei es von zwei Elektromotoren mit einer Leistung von jeweils 60 Kilowatt angetrieben wird. Akkus mit 180 Kilowattstunden Energie sollen das Hochgeschwindigkeitsschiff rund 110 Kilometer weit fahren lassen. Wie das möglich ist? Das Schiff ist mit Tragflügeln ausgestattet, die es ihm erlauben auf dem Wasser zu „foilen“, also leicht abzuheben. Das verringert den Widerstand und macht höhere Geschwindigkeiten und längere Distanzen möglich.

Die Foils heben die Candela P-30 ab einem bestimmten Tempo aus dem Wasser © Candela

Thailand: E-Fähren zwischen Wolkenkratzern

Auch außerhalb Europas schreitet das Umdenken voran – Thailand zum Beispiel macht Druck bei der Elektromobilität und will seine Verkehrssysteme bis 2030 zu mindestens 30 Prozent elektrifizieren. In Bangkok, der Hauptstadt des Landes, sind dafür vor kurzem zwölf ältere Fähren umgebaut worden. Statt mit Diesel-Außenbootmotoren und Tanks werden die Fiberglasschiffe nun mit Lithium-Ionen-Akkus und jeweils zwei vollelektrischen Außenbordern des deutschen Hersteller Torqueedo angetrieben. Die Schiffe sind Teil des stadtweiten Plans zur CO2-Reduktion und gehören zu einer größeren Flotte, die 20 weitere E-Fähren umfasst. Mit einer Kapazität von 30 Personen sollen die Schiffe auf den innerstädtischen Wasserstraßen für geringere Emissionswerte sorgen und Pendlern bei der Überquerung von Kanälen und Flüssen helfen.

(Aufmacherfoto: © Levent Simsek/Pexels)

Die Fiberglasboote werden von einem integrierten batterieelektrischen Antriebssystem von Torqeedo angetrieben. © Torqeedo

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.