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© Daimler

Vom luxuriösen Autohotel zum automatisierten Parkhaus

In den Anfangszeiten des Automobils wurden die Wagen in städtischen Großgaragen nicht einfach nur verwahrt, sondern standen in luxuriösen Autohotels mit vielen Serviceleistungen. Durch die Digitalisierung könnte es wieder ähnlich werden.

Im Mai 1901 eröffnete in der Londoner Denman Street am Piccadilly Circus die erste mehrgeschossige Hochgarage der Welt. Sie ist nicht zu vergleichen mit Parkhäusern, wie wir sie heute kennen: In der Anfangszeit des Automobils waren große Parkhäuser schicke, repräsentative Gebäude und Symbole für Fortschritt und den Aufbruch in eine neue Zeit. Sie hießen „Autohotel“ oder „Garagenpalast“, waren sowohl zeitlich begrenzter Abstellplatz als auch „Heimatgarage“ für die Fahrzeuge der Stadtbewohner. Die Autos wurden mit Aufzügen in abschließbare Boxen transportiert, die über mehrere Stockwerke verteilt waren. Die Chauffeure reparierten gleich hier ihre Fahrzeuge, wuschen sie an speziellen Waschplätzen oder manchmal auch direkt in der Fahrgasse.

Tanken in der Großgarage Zschau in Leipzig in den 1920er Jahren © Wikimedia Commons
Tanken in der Großgarage Zschau in Leipzig in den 1920er Jahren © Wikimedia Commons

Die Zimmer, in denen die Fahrer übernachten konnten, glichen denen in Hotels mit gehobenem Standard. Mancherorts konnte man sich in einem Spielcasino die Zeit vertreiben. Es gab repräsentative Verkaufs- und Ausstellungsräume für Automobile im Erdgeschoß, natürlich eine Tankstelle und eine Werkstatt. Die Dienstleistungen machten den Betrieb eines Parkhauses auch wirtschaftlich rentabel. Im Gegensatz zu vielen Wohnungen waren die Großgaragen zum Schutz der Fahrzeuge geheizt – ein Stellplatz kostete mehr als die Miete einer Zwei-Zimmer-Wohnung, schreibt Jürgen Hasse in seinem Buch „Übersehene Orte. Zur Kulturgeschichte und Heterotopologie des Parkhauses“.

Die Hochgaragen waren Symbole für den Fortschritt, Beton, Stahl und Glas die Werkstoffe der Zeit. „Große Glasflächen sorgten für lichtdurchflutete Räume“, schreibt Hasse. Das Licht machte die Garage zu einem besonderen Ort seiner Zeit. Bei der Garage Ponthieu“ im 8. Pariser Bezirk zierte beispielsweise eine Fensterrose die Einfahrt über der Fassade – wie bei einer Kathedrale.

Rampen statt Aufzüge – der Pragmatismus hält Einzug

Mit der technischen Weiterentwicklung des Automobils veränderten sich auch die Parkhäuser. In Neubauten wurden die Autolifte durch Rampen ersetzt. Denn die Aufzüge waren teuer und verursachten ständige Betriebskosten, die Auffahrten waren weit wirtschaftlicher. Für die Rampen muss jedoch wesentlich mehr Fläche für das Parkhaus vorgesehen werden. Schon in den 1930er Jahren galt: Der Bau einer Rampe lohnt sich erst, wenn in einem Geschoss mindestens 30 Autos abgestellt werden können wie Joachim Kleinemanns in seinem Buch „Parkhäuser. Architekturgeschichte einer ungeliebten Notwendigkeit schreibt. Rampengaragen blieben auch nach dem Zweiten Weltkrieg die bevorzugte Lösung im Parkhausbau.

Der Kant-Garagenpalast ist Europas älteste noch erhaltene Hochgarage der Zwischenkriegszeit mit einer doppelgängigen Wendelrampe © Wikimedia Commons
Der Kant-Garagenpalast ist Europas älteste noch erhaltene Hochgarage der Zwischenkriegszeit mit einer doppelgängigen Wendelrampe © Wikimedia Commons

Die älteste noch erhaltene Hochgarage der Zwischenkriegszeit mit einer doppelgängigen Wendelrampe in Europa steht in Berlin-Charlottenburg: Der Kant-Garagenpalast wurde von 1929 bis 1930 errichtet und bis 2017 noch als Parkhaus mit Tankstelle genutzt. Nach der Fertigstellung wurde die Kant-Garage international berühmt – während der Internationalen Bauausstellung 1932 wurden sogar Führungen zur Besichtigung angeboten. Sie gilt heute kultur- und architekturhistorisch als Schlüsselbau der Weimarer Republik. Einige der originalen Garagenboxen sind bis heute erhalten.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Parkhäuser keine reinen Autoabstellplätze, wie wir das heute kennen. Pflegedienste für Automobile, Werkstätten, Tankstellen, Geschäfte für Zubehör gehörten noch immer zum Standard. Um die Garagen wirtschaftlicher betreiben zu können, wurden bei Neubauten Läden, Restaurants, Büroräume und Hotels eingeplant.

Das Parkhaus wird zum Massenphänomen

In den 1960er Jahren veränderte sich das Verhältnis zum Auto: War es früher ein Luxusartikel der Oberschicht, wurde es jetzt zum Fahrzeug für Jedermann. Für viele Autos mussten viele Abstellplätze bereitgestellt werden, die nicht teuer sein durften. In vielen Parkhäusern fielen die Service-Einrichtungen weg. Ungeheizte Parkhäuser wurden zur Normalität. Tankstellen und Waschanlagen blieben jedoch in vielen Nachkriegsgaragen integriert.

Nachdem die automobilen Services und luxuriöse Angebote für eine zahlungskräftige Oberschicht wegfielen, wurden neue Nutzungskonzepte gefunden, um die Parkhäuser rentabel zu halten: Auf vielen Hochgaragen wurden Wohnungen, Büros, Werkstätten, Bowlingbahnen oder sogar Einfamilienhäuser gebaut – innerstädtischer Wohnraum war teuer. Mancherorts wurden die Parkhäuser mit anderen Gebäuden wie Schulen oder Geschäften kombiniert, das Stahlbetonskelett der Garage für Neunutzungen umgebaut oder aufgestockt. Die Parkhäuser sollten besser in die Stadtstruktur passen und nicht isolierte Abstellplätze für Automobile sein. Mit der aufkommenden Ökologiebewegung in den 1970er Jahren wurden die Hochgaragen grün: Knöterich, Blauregen oder Efeu rankten an den Fassaden entlang.

Die Großgarage Hinsch in Bremen ist heute ein geschütztes Kulturdenkmal © Godewind (talk) / Wikipedia cc-Lizenz
Die Großgarage Hinsch in Bremen ist heute ein geschütztes Kulturdenkmal © Godewind (talk) / Wikipedia cc-Lizenz

In den 1990er Jahren wurden vollautomatisierte Parkhäuser und Parksilos mit bis zu 16 Etagen gebaut. Steuerungstechnische Entwicklungen von Hochregallagern am Ende des 20. Jahrhunderts machten das automatische Parken in größerem Umfang möglich. Wie zur Anfangszeit werden die Autos im Aufzug in obere Geschosse transportiert. Sie sind sicher vor Beschädigung und Diebstahl, ihre Aufbewahrung benötigt weniger Platz. In Dresden wurde 2004 das seinerzeit größte vollautomatische Parkhaus Deutschlands eröffnet. 192 Autos finden hier Platz.

Ab 2000: Das Parkhaus wird wieder schön

Über die Jahre hatte das Image von Hoch- und Tiefgaragen gelitten. Dunkle Stellflächen und Gänge mit kalter Neonbeleuchtung, dazu oft kein Handyempfang, sorgten dafür, dass man den Ort lieber schnell verließ. In den 1990er Jahren änderte sich das. Die Stahl-Beton-Konstruktionen vieler Parkhäuser mussten saniert werden. Dabei wurden Fassaden, Innenräume, Beleuchtung und Treppenhäuser umgestaltet. Das Parkhaus am Leipziger Zoo zum Beispiel wurde mit Bambus umhüllt – passend zu den exotischen Tierwelten, die Besucher im Tierpark erwarten. Auf vielen Parkhäusern wurden Strandbars eingerichtet ­– der ungeliebte Ort wurde zu einem angesagten Platz für angenehmes Verweilen.

Zudem werden die Großgaragen vom zeitweisen Abstellplatz während des Stadtbummels oder Kinobesuchs auch wieder zu Dauerparkplätzen – ganz wie die „Heimatgarage“ der automobilen Anfangszeit. In Köln erbauten die Maastrichter Architekten Wiel und Arets auf dem Flachdach einer Hochgarage Wohndecks. Die Autos parken somit fast vor der Wohnungstür. Im Halbgeschoss unter den Wohnungen wurden Gärten und Spielzonen für die Bewohner angelegt.

Das Auto per App zum Parkplatz schicken: Beim Automated Valet Parking (AVP) findet die Kamera- und Sensortechnologie des Parkhauses die passende Parklücke und parkt das Auto ein © Mercedes Benz
Das Auto per App zum Parkplatz schicken: Beim Automated Valet Parking (AVP) findet die Kamera- und Sensortechnologie des Parkhauses die passende Parklücke und parkt das Auto ein © Mercedes Benz

Automatisiertes Einparken testen auf der IAA

Die technische Entwicklung hatte immer auch Einfluss auf die Architektur der Stellplätze. Welches Parkhaus passt zum Auto von heute und zu dem der Zukunft? Zu E-Autos, die leise und autonom von einem Ort zum anderen rollen. Eines ist sicher: Wir müssen in Zukunft nicht mehr selbst einparken. Kompliziertes Rangieren und Kontrollieren, ob das Auto auch in die Lücke passt, gehört in die Vergangenheit. Wie das funktionieren wird, kann heute schon erfahren werden: auf der IAA MOBILITY können alle Besucher das fahrerlose Parken  ausprobieren! Im Parkhaus Messe West können mehrmals täglich Fahrzeuge an die Parkhaustechnologie übergeben werden sowie der Steuerungsvorgang und das autonome Einparken ausgelöst werden. Ebenso werden Autos automatisiert gewaschen oder deren Batterie geladen.

Automated Valet Parking (AVP) heißt das System, das fahrerloses Einparken in ein entsprechend eingerichtetes Parkhaus möglich macht. Autos, die über die entsprechende Technologiestufe des autonomen Fahrens verfügen, brauchen für den Parkvorgang zukünftig keinen menschlichen Fahrer mehr. Der muss nur noch ins Parkhaus einfahren, aussteigen und das Auto per App zum Abstellplatz schicken – und ebenso später per Smartphone wieder herbeirufen. Eigenständig Rampen hoch- und herunterfahren und Stockwerke wechseln – für das Auto der sehr nahen Zukunft ganz einfach. Ein Beispiel für ein für AVP ausgerüstetes Auto ist die neue Mercedes S-Klasse, die über ein autonomes Fahrsystem der Stufe 3 verfügt.

Die Kamera- und Sensortechnologie des Parkhauses, findet eine passende Parklücke und führt das Auto dorthin, nachdem sich das Parkhaussystem mit dem Auto verbunden und die Route zum nächsten geeigneten Parkplatz berechnet hat. Kameras und Sensoren überwachen die Fahrwege sowie die Umgebung und messen Abstände: Wenn sie Fußgänger erkennen, die den Fahrkorridor überqueren, erhält das Auto ein Warnsignal und bremst sofort.

An dem Gemeinschaftsprojekt „Automated Valet Parking“ (AVP) sind mehrere große Fahrzeug- und Infrastrukturhersteller beteiligt: BMW, Ford, Jaguar Land Rover, Mercedes-Benz, die Automotive-Software-Tochter des VW-Konzerns CARIAD, dazu Bosch, Continental, Valeo, Kopernikus Automotive und Unikie. Das garantiert, dass künftig sämtliche Technologien von Fahrzeugmarken und Infrastrukturen miteinander funktionieren.

So wird das Parkhaus wieder zum Autohotel – wie in der Frühzeit des Automobils. Was wird sich noch für uns ändern? Wird das Parkhaus der Zukunft uns einladen, nicht nur das Auto abzustellen, sondern zu bleiben – in schönen Cafés, hippen Clubs, auf spannenden Kinderspielplätzen? Werden wir dort durch virtuelle Landschaften im Sonnenschein spazieren? So schön die Großgaragen der alten Zeit auch gestaltet waren – es bleibt spannend. Die Zukunft beginnt jetzt – und auf der IAA MOBILITY können wir einen Teil davon schon jetzt sehen.

(Aufmacherfoto: © Daimler)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.