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Naturschutz im Auto – und darüber hinaus

Nachhaltig leben und wirtschaften wird immer wichtiger – Unternehmen ebenso wie Verbrauchern. Viele Firmen stellen sich dieser Verantwortung. Wir zeigen ausgewählte Projekte einiger Aussteller der IAA MOBILITY 2021, die belegen, wie Unternehmen sich für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Artenschutz engagieren – auch über ihr Kerngeschäft hinaus.

Jeder Zweite achtet bei Einkäufen darauf, ob sie nachhaltig sind. Dann dürfen sie auch gern teurer sein, zeigt der Statista-Report „Nachhaltiger Konsum in Deutschland 2021“. Dass die Güter, die wir täglich nutzen, eine lebenswerte Gesellschaft, Klimawandel und Umweltschutz zusammenhängen, sehen mehr und mehr Menschen. Das macht auch die Utopia-Studie , für die 2019 mehr als 14.000 Menschen befragt wurden, deutlich.

In den meisten Unternehmen gehört Nachhaltigkeit längst zum wirtschaftlichen Alltag und den Produktionsprozessen. Die Forschung beschäftigt sich mit nachhaltigen Lösungen von Herausforderungen, aber auch Umweltprojekte abseits von Kerngeschäft und Wertschöpfung werden gefördert und umgesetzt. Hier sind vier solcher Ansätze:

Autoreifen aus Plastikflaschen

1,6 Milliarden Autoreifen werden weltweit pro Jahr verkauft. Für ihre Produktion sind 800.000 Tonnen PET-Kunststofffasern nötig. PET – PolyEthylen-Terephthalat – ist ein Kunststoff auf Erdölbasis und zugleich der Rohstoff für eine der wichtigsten Textilfasern, die zur Verstärkung von Reifen genutzt werden. Aber die PET-Neuware ist ersetzbar. Genau das wird Reifenproduzent Michelin jetzt mit seinem Partner Carbios tun: Aus rund drei Milliarden Plastikflaschen können so Autoreifen werden. Carbios ist gelungen, gebrauchtes PET zu Fasern zu recyceln, die die gleiche Qualität wie PET-Neuware haben. Carbios depolymerisiert PET – es wird also in seine Bausteine zerlegt und wieder zu Makromolekülen zusammengesetzt. So lassen sich alle Arten von PET-Abfällen unendlich oft wiederverwerten. In Zusammenarbeit mit Michelin entstehen dabei zu 100 Prozent nachhaltige Reifen. Michelin hat angekündigt, bis 2050 zu 100 Prozent nachhaltige Materialien aus erneuerbaren oder recycelten Quellen einzusetzen.

Nachhaltigeres Leder und Alternativen aus alten Fischernetzen

Leder hat Tradition im Automobil. Schon der Geruch beim Einsteigen ins Auto überzieht die Insassen mit einem Hauch von Luxus und Exklusivität. Will man jedoch eine bessere Klimabilanz erreichen, sollte man darauf eher verzichten. Wie beim Fleischkonsum gilt schließlich auch hier: Kühe stehen auf riesigen Weideflächen, produzieren Kohlendioxid und Methan.  Es kommt vor, dass Flächen für die Rinderhaltung entwaldet werden.

Daimler beispielsweise wendet sich gegen solche Praktiken: Die Lieferketten der Produkte müssen frei von illegaler Abholzung sein. Grundsätzlich müssen die Lieferanten Standards in Bezug auf Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Umweltschutz, Sicherheit, Geschäftsethik und Compliance einhalten. Wichtig sind Rückverfolgbarkeit des Rohstoffs Leder, das Tierwohl und auch ein nachhaltiger Ressourceneinsatz sowie der CO₂-Ausstoß entlang der Produktionskette.

Und es werden Alternativen gesucht: hochwertige, luxuriöse Materialien, die vor allem aus Rezyklat oder nachwachsenden Rohstoffen bestehen. In der S-Klasse werden zum Beispiel Garne aus alten Teppichen und Fischernetzen verwendet, die zuvor die Meere verschmutzten. Auch in anderen Baureihen werden Ledernachbildungen als Sitzbezug, Dachhimmel und Säulenverkleidung eingesetzt: in der E-Klasse zum Beispiel die Mikrofaser Dinamica®, ein Mikrofaserwerkstoff aus recyceltem Polyester und wasserbasiertem Polyurethan mit Velourslederoptik und –haptik. Volkswagen arbeitet an alternativen Materialien, die beispielsweise aus Reststoffen, die in der Apfelsaftproduktion entstehen.

Garne aus alten Fischernetzen, die zuvor die Meere verschmutzten, können so recycelt werden, dass sie Leder im Auto ersetzen © Kristin Snippe / Unsplash© Kristin Snippe / Unsplash
Garne aus alten Fischernetzen, die zuvor die Meere verschmutzten, können so recycelt werden, dass sie Leder im Auto ersetzen © Kristin Snippe / Unsplash

Bienenvölker neben Produktionshallen

Der Volkswagenkonzern und seine Mitarbeitenden sind in vielen Projekten aktiv. Vor allem aber summt und brummt es nicht nur auf den Produktionsstraßen. Auf dem Werksgelände gleich mehrerer Standorte sammeln Bienen fleißig Nektar. Am Porsche-Standort Leipzig teilten sich 1,5 Millionen Honigbienen schon 2017 das Offroad-Gelände mit Exmoor-Ponys sowie Auerochsen und sorgten für rund 400 Kilogramm Lindenblütenhonig. Auch in Hannover bei Volkswagen Motorsport leben zwei Bienenvölker mit jeweils rund 50.000 Bienen. Sie heißen „I.Bees“ – in Anlehnung an die E-Autos der ID. Familie von Volkswagen. Bis zu 80 Kilogramm Honig sollen die Bienen produzieren. 

Wichtig vor allem für die Biodiversität: Dank der Bienen werden über 80 Prozent der heimischen Nutz- und Wildpflanzenarten bestäubt und sind so vor dem Aussterben sicher. Auch am Standort der Audi-Fertigung in Münchsmünster nahe Ingolstadt wurden rund 90 Wildbienenarten angesiedelt. Auch bei BMW schwirren fleißige Bienchen um die Produktionshallen in Dingolfing und Leipzig sowie am Münchner Forschungs- und Innovationszentrum.

Die Bienen sind aber selbst gefährdet und viele Völker sterben aufgrund von Insektiziden, Milbenbefalls oder fehlender Lebensräume in monotonen Agrarflächen und Siedlungsgebieten. Deshalb wurden bei Audi in Münchsmünster und an anderen Standorten High-Tech-Bienenbeuten, also Behausungen für Bienen, aufgestellt. Sie wurden mit diversen Sensoren bestückt und sind untereinander digital vernetzt. Die gewonnen Daten werden an der Universität Würzburg mittels Maschinellen Lernens analysiert. So erfährt man, welchen Einfluss zum Beispiel das Wetter oder Verkehr auf die Bienen haben. Denn je man mehr über das Verhalten von Bienen und ihren Gesundheitszustand weiß, desto besser können sie geschützt werden.

Die Honigbienen am VW-Standort Leipzig teilen sich das Offroad-Gelände mit Exmoor-Ponys und Auerochsen © Volkswagen AG
Die Honigbienen am VW-Standort Leipzig teilen sich das Offroad-Gelände mit Exmoor-Ponys und Auerochsen © Volkswagen AG

Biomasse und Sonne liefern Energie

BMW setzt an mehreren Standorten auf nachhaltige Energie für die Produktion: Im südafrikanischen Rosslyn liefern 25.000 Rinder einer benachbarten Farm für ein Biomassekraftwerk. Bei der Fermentierung des Dungs entsteht Methangas, aus dem über vier Generatoren Energie erzeugt wird. 30 Prozent des Energiebedarfs des BMW Group Werks können so erwirtschaftet werden – die Gärreste landen als Dünger auf den Feldern. Im US-amerikanischen Spartanburg entsteht aus Methangas einer Mülldeponie Energie, in Leipzig liefern vier Windräder Strom für die Produktion der BMW i Modelle. Und bei Mini im britischen Oxford liefert die Sonne benötigte Energie über eine Solaranlage.

In vielen Unternehmen hat ein Umdenken stattgefunden. Sie setzen auf ganz unterschiedlichen Ebenen auf Nachhaltigkeit, Biodiversität, Recycling, verantwortungsvolle Lieferketten und Umweltschutz. Ihr Engagement zeigt deutlich: Die Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft müssen heute gelegt werden.

(Aufmacherfoto: © kazuend / Unsplash)

Rund ein Fünftel des gesamten Strombedarfs im Leipziger BMW Group Werk decken Windräder ab © BMW
Rund ein Fünftel des gesamten Strombedarfs im Leipziger BMW Group Werk decken Windräder ab © BMW

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.