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Mikromobilität: Kleine Fahrzeuge, großer Effekt?

10.08.2021

Mehr Flexibilität und Entlastung im Stadtverkehr - das verspricht die Mikromobilität. Gelingen soll das unter anderem mit E-Scootern und anderen Sharing-Angeboten. Wie genau, erfahren Sie hier.

E-Bikes, E-Scooter, E-Roller, Hoverboards oder Kleinstwagen – mit dem Begriff der Mikromobilität können alle Verkehrsmittel gemeint sein, die ausreichend Platz für ein bis zwei Personen bieten und für die Bewältigung kurzer Strecken geeignet sind. Im engeren Sinne wird der Begriff jedoch hauptsächlich für elektrisch angetriebene Kleinstfahrzeuge mit einer Lenkerstange genutzt, also E-Roller und E-Scooter. Diese Fahrzeugtypen haben in den vergangenen Jahren weltweit einen regelrechten Boom erlebt. 2018 rollten E-Scooter in San Francisco erstmals in großen Zahlen auf die Straße und haben sich von da aus rasant verbreitet. In Deutschland gab es im September 2019 bereits rund 54.000 Stück, davon allein 11.000 in Berlin. In Oslo lag die Zahl zum gleichen Zeitpunkt bei etwas über 7.000. Mittlerweile sind es um die 25.700, wobei die Auflagen künftig deutlich strenger werden sollen. Auch in Deutschland unterliegt die Nutzung von E-Scootern seit Juni 2019 einem Gesetz: Der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV), die für Mikromobile unter anderem eine eigene Zulassung, eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h und die ausschließliche Nutzung auf innerörtlichen Straßen und Radwegen vorsieht. Unter diesen Rahmenbedingungen könnte Mikromobilität für eine Entlastung des städtischen Verkehrs und weniger CO2-Ausstoß sorgen.

Zwischen zwei Verkehrsmitteln: Das bevorzugte Einsatzgebiet der Mikromobilität. © Audi

Wo werden Mikromobile eingesetzt?

Haupteinsatzgebiet ist vor allem die Großstadt, wo E-Scooter und E-Roller beliebte Fahrzeuge für kürzere Strecken und zur Lösung des sogenannten Problems der letzten Meile geworden sind. Dabei werden die Mikromobile hauptsächlich über Sharing-Anbieter gebucht, deren Markt aufgrund der hohen Nachfrage in den Ballungszentren stark gewachsen ist. So ist die Zahl der mietbaren E-Scooter in Berlin zum Beispiel von rund 11.000 Stück im September 2019 auf etwa 26.000 im Mai 2021 gestiegen. 

Dennoch ist das Konzept nicht allein auf Großstädte festgelegt: Auch am äußeren Stadtrand und im ländlichen Raum könnten Mikromobile künftig eine wichtige Funktion einnehmen, indem sie eine Alternative zum ÖPNV bieten, der in manchen Regionen stark ausgedünnt ist. Das fordern auch zahlreiche Verkehrsexperten und Gemeinden. Der Berliner Ortsteil Adlershof (Bezirk Treptow-Köpenick) hat ein solches Konzept bereits umgesetzt und zusammen mit dem E-Scooter-Anbieter Spin eine Möglichkeit geschaffen, unkompliziert zwischen dem Vorort und einer S-Bahnstation zu pendeln.

Sieht das Konzept den Privatbesitz oder Sharing-Anbieter vor?

Privat werden E-Roller und E-Scooter selten gekauft. Mikromobile kosten für gewöhnlich mehrere Hundert Euro, viele Nutzer sind mit den neuen Fahrzeugen kaum vertraut. Um herauszufinden, ob einem die Technologie zusagt, sind Sharing-Plattformen die ideale Lösung. Ein weiterer Pluspunkt ist ihre Flexibilität. Anbieter, die nach dem Free-Floating-System vorgehen, ermöglichen Nutzern das spontane Buchen und Wiederabstellen der Mikromobile innerhalb bestimmter Nutzungsgebiete ohne fixe Stationen. Der Anbieter übernimmt das Laden und die Instandhaltung, während der Nutzer sich ausschließlich um seine Fahrt kümmern muss.

Was sind die Vor- und Nachteile der Mikromobilität?

Ziel ist es, für mehr Entlastung auf kurzen Strecken im Stadtverkehr, geringere CO2-Emissionen und flexiblere Mobilität zu sorgen. Das Potential dafür ist groß: In Deutschland beispielsweise werden täglich fast 30 Millionen Pkw-Fahren unter zwei Kilometern und noch einmal so viele unter vier Kilometern getätigt, so das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Laut Laura Gebhardt, Verkehrsforscherin am DLR, könnten bei rund 20 Prozent dieser Fahrten auch E-Scooter genutzt werden, wobei für diese Berechnung Ausschlussfaktoren wie schlechtes Wetter, die Mitnahme von Gepäck und Mitfahrenden berücksichtigt wurde. Doch ob die Verbreitung der Mikromobilität wirklich mit einer Verdrängung anderer Verkehrsformen einhergeht? Verkehrsforscherin Laura Gebhardt rät, das Konzept erst einmal über einen längeren Zeitraum zu beobachten, da die Effizienz der Mikromobilität auch von den Gewohnheiten der Nutzer abhängt – und die würden sich nur langsam ändern.

E-Roller und E-Scooter sind beliebte Fahrzeuge der Mikromobilität. © Tier

Wie wird sich die Mikromobilität künftig entwickeln?

Seit ihrer Markteinführung scheinen sich E-Scooter und Co. einer großen Beliebtheit bei Verkehrsteilnehmern in Großstädten zu erfreuen. Und auch der Markt für Mikromobilität ist laut Analysten vielversprechend: So veröffentlichte zum Beispiel die Unternehmensberatung McKinsey Anfang 2019 eine Studie, nach der das Umsatzpotential von Mikromobilen bis 2030 in Europa bei 150 Milliarden Dollar und weltweit sogar bis zu 500 Milliarden Dollar liegen soll. Mit Beginn der Coronapandemie 2020 erlebte die Nachfrage zwar einen deutlichen Knick, doch mit fallenden Inzidenzzahlen erholte sich der Markt schnell. Das zeigt: Das Interesse an den Mikromobilen ist durchaus nachhaltig und nicht nur auf einen Hype beschränkt. Zwar lässt sich aus der bisherigen Entwicklung nicht ableiten, ob sich das Konzept langfristig am Markt etablieren und ob es andere Mobilitätsformen zurückdrängen wird. Aber angesichts weitreichender Veränderungen bei Antriebstechnologien und steigender Emissionsgrenzwerte in Städten ist ein Erfolg der elektrischen Kleinstfahrzeuge durchaus denkbar.

(Aufmacherfoto: © Tier)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.