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Innovation auf Schienen und die Tram der Zukunft

30.07.2021

Wiesbaden, die mondäne hessische Landeshauptstadt, hat den Bau einer Straßenbahn abgelehnt. Die hippe Bundeshauptstadt Berlin plant und eröffnet hingegen inzwischen immer weitere Strecken. Der Vergleich der beiden Städten zeigt: Es geht voran mit der Tram, wenn auch nicht immer überall. Die Innovationen, die die Straßenbahn in den nächsten Jahrzehnten beeinflussen werden, sind so spannend wie vor 140 Jahren, als die erste Tram in Berlin ihren Betrieb aufnahm.

Wiesbaden hatte den Straßenbahnbetrieb 1955 eingestellt – wie viele westdeutsche Städte in dieser Zeit. Damit ging eine Ära zu Ende, deren Niedergang in den USA Ende des 19. Jahrhunderts begann: Wenig ÖPNV, viel Individualverkehr. Nur ein paar Jahrzehnte nachdem Werner von Siemens 1881 die erste Straßenbahn in Berlin in Betrieb genommen hatte, stand das Fortbewegungsmittel kurz vor dem frühzeitigen Ende.

 

Doch ab den 1980er Jahren begann in vielen europäischen Großstädten eine Renaissance der Straßenbahnen und der gesamten öffentlichen Verkehrsbetriebe. Entwicklungen laufen aber selten überall synchron: Ende letzten Jahres haben die Wiesbadenerinnen und Wiesbadener per Bürgerentscheid den Wiederaufbau einer Tram abgelehnt. Andere Städte gehen andere Wege: Osnabrück hat dem Bau des Straßenbahnnetzes zugestimmt. In München, Nürnberg und Augsburg werden neuen Linien erschlossen, wenn auch gepaart mit Kritik. Kiel steht wohl „kurz“ vor der Entscheidung den Tram-Verkehr wieder aufzunehmen . Berlin erschließt regelmäßig neue Strecken im schon jetzt umfangreichen U-Bahn- und Straßenbahnnetz, beispielsweise die Erweiterung der Linie M10 bis zum Hauptbahnhof 2015 oder die Planung für drei weitere Trassen. Und in manchen Städten wie Karlsruhe oder Kassel wird die Straßenbahn zum Bindeglied zwischen der Stadt und ihrer umliegenden Region: Dank entsprechender Stromabnehmertechnik sind die Züge in der Lage, auch die Netze der Eisenbahn zu nutzen („Tram-train-System“)

Das Tramnetz in Berlin wächst. © Unsplash/Gilly

Voller Innovationen

Die Renaissance führt auch dazu, dass die Trams an sich immer moderner werden und voll sind mit technischer Innovation. Zum Beispiel hat Siemens in Sacramento, der kalifornischen Bundeshauptstadt, Tram-Haltestellen mit Akkus ausgerüstet. Diese Kurzspeicher, oder SuperCaps genannt, versorgen die Straßenbahnfahrzeuge kurzfristig mit Strom, sodass die Energiezufuhr über die Oberstromleitung reduziert wird. Ein erster Schritt in Richtung Akku-Betrieb.

Bombardier stattet manche Fahrzeugtypen, wie zum Beispiel den „Talent 3“, mit einem ähnlichen System aus, dass aus E-Autos bekannt ist und sich Rekuperation nennt. Beim Bremsen der Tram wird Energie gespeichert, die beim Anfahren wiederverwendet wird und somit in der Gesamtrechnung bis zu 30% Energie sparen kann.

Very Light Rail vs. Tram

Mit zunehmender Akkuleistung werden die Oberleitungen generell in Frage gestellt. Die neuste Bombardier-Generation schafft bis zu 100 Kilometer mit einer Akkuladung. Der Ladevorgang wird dann auf die Haltestellen verlegt. Unterschiedliche Studien kommen zu dem Schluss, dass batteriebetriebene Trams einen sehr guten Kosten-Nutzen-Wert vorweisen und andere Straßenbahn-Arten schlagen. Vor allem ist der Bau der Strecke kostengünstiger, weil weniger Kabel verlegt werden müssen und der Gleisbau weniger aufwendig ist.

Nach demselben Prinzip funktionieren sogenannte „Light Rails“ oder „Very Light Rails“. Sie fahren mit geringerer Kapazität und mit niedrigerer Geschwindigkeit als herkömmliche Straßenbahnen, sind aber oftmals schneller als der Bus, weil ihnen oftmals eine eigene Strecke zugeteilt wird. Ihr größter Vorteil sind aber die geringen Baukosten. Der Bau der „Very Light Rail“-Trassen in der englischen Stadt Coventry soll um ein Sechsfaches günstiger sein als der Bau einer herkömmlichen Tram. In Coventry rechnen die Verantwortlichen mit 10 Million Pfund pro gebautem Kilometer anstatt mit bis zu 60 Millionen Pfund. Eine enorme Ersparnis.

Straßenbahn in Warschau. © Adam Borkowski

Der Zug in der Cloud

Cloud Computing macht auch kein Halt vor der Tram. Bombardier bietet zum Beispiel Cloud-Lösungen an, die Betreibern dabei helfen, ihre Straßenbahn-Flotte zu managen. Mit Echtzeitdaten und Analysen lassen sich genaue Vorhersagen über die Zugauslastung in der Zukunft treffen. Ein gute Zugtaktung, wenig Wartezeit und nicht allzu volle Züge freuen in normalen Zeiten die Bahnfahrer. In der Corona-Pandemie wird ein exaktes Flottenmanagement immer wichtiger, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten.

Auch Siemens will den Schienenverkehr immer stärker in die Cloud bringen. Hier geht es vor allem um die Steuerung der Züge auf der Strecke. So soll der Bahnbetrieb mit seinen dezentralen Stellwerken bald zentral mit einem System aus der Cloud gesteuert werden. Computersteuerung soll dann zu mehr Sicherheit im Straßenbahnverkehr führen. Michael Peter, Vorstandschef von Siemens Mobility, sagte dazu unlängst in einem Interview mit dem Handelsblatt: „Stellwerke in der Cloud sind ein echter Quantensprung für die Bahnindustrie, denn sie digitalisieren Signaltechnik und machen sie fähig für die Cloud.“

Mit dem Zug in die Zukunft

Die Nachfrage nach nachhaltiger Mobilität wird in der Zukunft steigen. Und der Zugverkehr gehört nun mal zu den nachhaltigsten Fortbewegungsmitteln: Schätzungsweise wird der Weltmarkt für Zug-Technologien von 177 Milliarden Euro bis 2025 auf 204 Milliarden Euro wachsen, so eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Die hier gezeigten Trends sind nur die zentralsten Technologien. In den kommenden Jahren wird viel auf der Schiene passieren.

(Aufmacherfoto: © Unsplash/Nathalia Segato)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.