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Dieser Porsche fährt auf Bio ab

19.02.2021

Hanf verarbeitet zu Türen, Pneus mit Löwenzahn, Sitzbezüge aus PET-Flaschen oder Apfelresten – die Zukunft der Mobilität ist nicht nur elektrisch, sondern wird mit Bauteilen aus recycelten Materialien und nachwachsenden Rohstoffen erst so richtig nachhaltig.

Kein Geringerer als Henry Ford präsentierte 1941 einen Wagen mit Karosseriebauteile aus Hanf- und Sojafasern. Nur 900 Kilogramm brachte das familientaugliche "Hemp Car" auf die Waage – das geringe Gewicht galt damals als revolutionär. Allerdings machte ein Steuergesetz den industriellen Anbau von Hanf unattraktiv. 80 Jahre später sind nachwachsende Rohstoffe – Nawaros genannt – in Komponenten wie Armauflagen, Gepäckraumladeböden und Isolierungen Standard. Fasern aus Kokosnuss, Rüben oder Kaffeesatz springen als Füllstoffe ein. Das tropische Malvengewächs Kenaf steckt in Türinnenverkleidung des Golfs. Bei Opel ist Flachs besonders für Verkleidungen von Seitenwänden und Heckklappen populär. Mercedes-Benz nutzte Olivenkoks schon für Aktivkohlefilter. Volkswagen setzt für seine ID.-Familie beim Autositz auf "AppleSkin". Der pflanzliche Anteil des Kunstleders besteht aus Reststoffen der Apfelsaftproduktion. Ebenso enthalten Dekore und Folien das Obst. Exotischen Alternativen sind Ananas- und Pilzleder. Auch Reifen sollen nachhaltiger weren: Continental experimentiert an der Naturkautschuk-Gewinnung aus Russischem Löwenzahn und hat mittlerweile einen Fahrradreifen auf den Markt gebracht. Löwenzahn-Kautschuk könnte den weltweit wachsenden Kautschukbedarf decken, ohne dass weitere wertvolle Regenwaldflächen für den Anbau von Gummibäumen geopfert werden müssten. Der Innenraum des Elektroflitzers Polestar 2 ist schon komplett aus veganen Materialien gefertigt. Und in der neuen S-Klasse stammen Bauteile mit einem Gesamtgewicht von 40 Kilogramm aus nachwachsenden Rohstoffen.

Schnell und nachhaltig: Ein Großteil der Außenhaut des 718 Cayman GT4 ist aus Renewables. © FOUR MOTORS GmbH
Schnell und nachhaltig: Ein Großteil der Außenhaut des 718 Cayman GT4 ist aus Renewables. © FOUR MOTORS GmbH

Rasantes Testlabor für Biowerkstoffe

Als erster die karierte Zielflagge im Rückspiegel wehen zu sehen ist beim Motorsportprojekt „Bioconcept Car“ von Four Motors eigentlich Nebensache. Im Fokus steht für den Rennstall um Hobby-Racer Smudo von „Die Fantastischen Vier“ der Technologietransfer. Dazu ist er mit seiner Mannschaft, Sportwagenbauer und Materialwissenschaftler eine ganz besondere Allianz eingegangen: Autos zu verwirklichen, die mit Biokraftstoffen und biobasierten Werkstoffen unterwegs sind. Sieben Konzeptautos sind seit 2003 hervorgegangen, die im Alltag über den Nürburgring brettern. Der neueste Bolide ist ein Porsche 718 Cayman GT4 mit 425 PS. Türen, Heckflügel, Stoßstangen, Frontsplitter und -haube, Heckdeckel, Diffusor sowie vorderer Kotflügel sind aus Biofaserverbundwerkstoffen. Und die müssen einiges aushalten, denn die Anforderungen an das Auto sind enorm: innerhalb von 4,2 Sekunden von null auf Tempo 100, Dauergeschwindigkeiten von 200 km/h und mehr bei 24-Stunden-Rennen. Die gewonnenen Erkenntnisse liefern Impulse für die Weiterentwicklung und den industriellen Einsatz von Naturmaterialien. Zahlreiche Partner wie Mahle und Goodyear unterstützten das Projekt.

Der Polestar 2 soll der neue schwedische Polarstern in Sachen Elektromobilität sein. Aber damit ist in Sachen Umweltbewusstsein noch lange nicht Schluss. © Polestar
Der Polestar 2 soll der neue schwedische Polarstern in Sachen Elektromobilität sein. Aber damit ist in Sachen Umweltbewusstsein noch lange nicht Schluss. © Polestar

Mein Autositz war mal eine Jeans

Neben Naturmaterialien sind recycelte Stoffe heute selbstverständlich. Ford nutzte für den Focus einmal Jeansreste in Türverkleidungen und Bezügen. Unvergessen die Story zum Golf 6: Der Stahl für den Motorblock stammte anteilig aus dem Palast der Republik, einstiger Sitz der Volkskammer in der DDR. Das Stahlgerippe in Berlin-Mitte wurde von 2006 bis 2008 abgerissen. Recycelte PET-Flaschen befinden sich in den Sitzen und Armlehnen des E-Kleinwagens Renault Zoe. Für den Dachhimmel des Polestar 2 kommen ebenfalls Plastikflaschen zum Einsatz. Alter Kork schlummert zudem in den Kopfstützen. Bei Volvo sollen ab 2025 Kunststoffe zu mindestens 25 Prozent aus reycelten Material bestehen. Der Volvo XC60 hat beispielsweise einen Mitteltunnel aus nachwachsenden Fasern sowie Kunststoffen aus ausgemusterten Fischernetzen und Seeseilen. Das Flagschiff von Mercedes-Benz punktet auch hier: Das Gesamtgewicht der Bauteile aus den sogenannten Rezyklaten stieg auf 120 Kilo – mehr als doppelt so viele wie beim Vorgängermodell.

Von Studenten gebaut: Ökostromer aus Müll. © TU/ecomotive
Von Studenten gebaut: Ökostromer aus Müll. © TU/ecomotive

Schön ist er nicht, aber es kommt bekanntlich auf die inneren Werten an: Der Zweisitzer Luca besteht ausschließlich aus recyceltem Materialien wie Aluminium, PET-Flaschen aus dem Meer und UBQ-Biokunststoff sowie Flachs. Es ist der jüngste Wurf von TU Ecomotive, einem Studententeam der Technischen Universität im holländischen Eindhoven. Luca wiegt 360 Kilogramm und wird von einem 20 PS starken Radnabenmotor betrieben. Damit beschleunigt das Recycling-Auto auf bis zu 90 km/h. Eine Serienfertigung ist momentan noch nicht geplant. In erster Linie geht es den Studierenden darum, ein Spotlight auf technische Möglichkeiten zu setzen, die aus ihrer Sicht noch längst nicht ausgeschöpft sind.

Vom Gartenabfall zum Bauteil für die S-Klasse

Die Ingolstädter arbeiten mit Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) schon an der nächsten Recyclingmethode: Kunststoffbauteile auf Erdölbasis wie Kraftstofftanks, Radzierblenden oder Kühlerschutzgitter zu recyceln. Ein wichtiges Unterfangen: Immerhin liegt der geschätzte Jahresbedarf an Kunststoffen für Automobile allein bei rund 1,5 Millionen Tonnen, davon werden circa 230.000 Tonnen wiederverwendet. Das KIT feilt an einem chemischen Verfahren, das die Abfälle zu Pyrolyseöl verarbeitet. Der Vorteil: Die Qualität entspricht der von Erdölprodukten. Daraus lassen sich Bauteile ebenso hochwertig produzieren. Aktuell gibt es eine ganze Reihe an vielversprechenden Projekte für Kunststoffersatz: Daimler kooperiert mit dem Start-up UBQ Materials, das aus Lebensmittel- und Gartenabfällen, gebrauchten Windeln, Altpapier und Verpackungsreste Biokunstoff herstellt – der selber zu 100 Prozent recycelbar ist. Die Israelis haben einen Weg gefunden, die chaotische Mixtur in eine homogene Masse umzuwandeln, indem sie organische Abfälle in ihre natürlichen Bestandteile zerlegen.

Die S-Klasse von Mercedes-Benz ist in Sachen nachhaltige Rohstoffe schon Vorbild. Werden bald Reste von Windeln in dem Luxusgefährt stecken? © Daimler AG
Die S-Klasse von Mercedes-Benz ist in Sachen nachhaltige Rohstoffe schon Vorbild. Werden bald Reste von Windeln in dem Luxusgefährt stecken? © Daimler AG

Schon beim Autobau selbst schonen Recyclingverfahren Ressourcen. Aluminium ist ein idealer Werkstoff: leicht, korrosionsbeständig, stabil. Aber die Herstellung ist allerdings extrem energieintensiv und teuer. BMW führt in verschiedenen Werken kostbare Aluminiumreste deshalb in einen geschlossenen Recyclingkreislauf zurück. In Landshut werden täglich 500 Tonnen Aluminium verarbeitet. Aufs Jahr hochgerechnet entspricht das dem Gewicht von 25 Eifeltürmen. Zahlreiche Komponenten für Verbrenner, Motoräder sowie Leichtbauteile für Elektroautos entstehen daraus. Rund die Hälfte des Alus bleibt als Schrott auf der Strecke. Mit dem etablierten Kreislauf wird es gesammelt, eingeschmolzen und in der Produktion wieder eingesetzt. Bei Audi gehen Alu-Verschnitte aus den Presswerken direkt an den Lieferanten zurück. Dieser bereitet diese auf und Audi fertigt damit Teile der Baureihen A3 bis A8 und Elektromodelle e-tron und e-tron Sportback. In Summe vermeidet das Verfahren jährlich 150.000 Tonnen CO2.

Der Kreis schließt sich: Endstation Presse

Doch hat irgendwann ein Ende – auch das Leben eines Autos. Die durchschnittliche Laufleistung eines Verbrenners liegt dann bei ungefähr 300.000 Kilometern. Doch das Leben geht weiter, zumindest in Teilen. In Deutschland können unter bestimmten Voraussetzungen Gebraucht- oder Unfallwagen kostenlos an Rücknahme gegeben werden. Hier landen auch optisch neuwertige Fahrzeuge, die Produktionsfehler haben oder Entwicklungsfahrzeuge der Hersteller aus der Vorserie. Die gute Nachricht: 95 Prozent eines Autos sind nach Stilllegung recycel- und wiederwendbar, nur ein kleiner Rest kommt auf die Deponie. Das gibt eine EU-Vorgabe. Die Pkw werden dafür Stück für Stück zerlegt. Zuerst entnehmen Spezialisten Kraftstoff, Motor- und Getriebeöl, Bremsflüssigkeit, Kühlflüssigkeit und Kältemittel aus der Klimaanlage. Noch intakte Teile landen nach dem Ausbau auf dem Ersatzteilmarkt – mit Garantie. Es geht auch um die Rückgewinnung von Kupferkabel, Alu- und Eisenschrott, Glas und Kunststoffe. Elektroschrott trägt seltene Erden in sich. Aus Katalysatoren können Platin und Rhodium rückgewonnen werden, während sich Altreifen zu Asphalt weiterverarbeiten lassen. Batterien von Elektroautos gehen entweder ins Remanufacturing zur Wiederaufarbeitung oder beginnen ein zweites Leben, beispielsweise als Stromspeicher. Endstation ist der Schredder. Die Karosse wird dort zerkleinert, metallische Materialien sortiert und eingeschmolzen. Nichtmetallische Reste werden teils aufbereitet. So schließt sich der Kreis.

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