(Keine) Zukunftsmusik: So gibt autonomes Fahren Senioren ihre Mobilität zurück

14.04.2021

Geht es um neue Wege in der Mobilität, steht oft der urbane Raum im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es sind jedoch nicht nur die Ballungszentren, in denen wir Mobilität neu denken müssen – im ländlichen Raum sind noch viele Potentiale ungenutzt. Autonomes Fahren ist eines davon.

Ein Kleinbus ist auf der Landstraße unterwegs. Zuverlässig getaktet bringt er seine Passagiere vom örtlichen Marktplatz zum Bahnhof und wieder zurück. Dank des sechssitzigen Zubringers sind die Anwohnerinnen und Anwohner nicht mehr aufs eigene Auto angewiesen. Soweit, so gewöhnlich. Wäre nur eine Kleinigkeit nicht: Der Bus fährt ohne Fahrer.

Die Zukunft der Mobilität – direkt vor der Haustür

Was wie ein Szenario aus einem Science-Fiction-Film anmutet, ist hier schon seit 2017 Realität: Im niederbayerischen Bad Birnbach pendelt ein fahrerloser Bus als Shuttle zwischen Marktplatz und Bahnhof. Zur Sicherheit sitzt noch ein Fahrtbegleiter mit an Bord – in den autonomen Fahrbetrieb eingreifen muss er aber nur selten. So schließt der Bus die „letzte Meile“ in der Anbindung der Marktgemeinde Bad Birnbach ans öffentliche Verkehrsnetz. Nahtlos in den Alltag der Gemeinde eingefügt, werden hier gleich zwei Zukunftstechnologien getestet: Die Kleinbusse in Bad Birnbach fahren nicht nur fahrerlos, sondern auch elektrisch. Neben dem Umweltvorteil elektrischer Fahrzeuge hat das Projekt auch eine soziale Dimension: Autonomes Fahren bietet große Potenziale für diejenigen, die selbst kein Fahrzeug bedienen wollen oder können. Das bedeutet Teilhabe – vor allem für ältere Menschen.

Chancen für strukturschwache Gegenden

Gerade im ländlichen Raum, wo der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) oft nur spärlich ausgebildet ist, leiden Seniorinnen und Senioren unter der schlechten Verkehrsanbindung. Manchen machen gesundheitliche Probleme wie Augenschäden das Fahren unmöglich, andere fühlen sich hinterm Steuer schlicht nicht mehr sicher. Wen Familie oder Bekannte nicht mitnehmen können, der muss häufig zu Hause bleiben. Bewegungsfreiheit? Fehlanzeige. In Zahlen: Während 40- bis 49-Jährige in Deutschland durchschnittlich 3,7 Wege am Tag zurücklegen, sind die über 80-Jährigen mit 1,9 Wegen gerade einmal halb so mobil.

In den kommenden Jahrzehnten wird sich dieses Problem weiter verschärfen: Experten prognostizieren, dass der Anteil der Personen über 65 Jahre bis 2030 auf 28 und bis 2060 auf 33 Prozent an der Gesamtbevölkerung ansteigen wird. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die Bevölkerung zwar insgesamt in die Städte drängt, sich dort aber nicht in den Zentren, sondern im Umland ansiedelt. Und hier scheitert es an den Verbindungen: Eine aktuelle Umfrage des Digitalverbandes Bitkom bestätigt das Mobilitätsgefälle zwischen urbanen und ländlichen Gegenden. Je weiter weg von den großen Metropolen die Befragten leben, desto weniger zufrieden zeigen sie sich mit dem bestehenden ÖPNV-Angebot: Drei Viertel kritisieren es als unzureichend. Privat-PKWs – oder Zubringermodelle wie in Bad Birnbach – werden also auf absehbare Zeit weiter an Bedeutung gewinnen. Zudem sind ältere Menschen heute deutlich aktiver als früher, es gibt immer mehr Freizeitangebote speziell für Seniorinnen und Senioren. Der Bedarf nach Mobilität ist also bereits vorhanden.

Auch im Landkreis Kelheim sollen künftig autonome Shuttlebusse getestet werden. © Easymile

Es gibt Bedenken – aber auch viel Neugier

Die Mobilität der Zukunft muss also einerseits Stadt und Land verbinden – und andererseits für eine immer ältere Bevölkerung zugänglich bleiben. Hier liegt das Potential autonomer Fahrzeuge. War bei einer vergleichbaren Bitkom-Befragung vor drei Jahren nur ein Drittel bereit, etwa in einen autonom fahrenden Bus einzusteigen, ist es inzwischen mehr als die Hälfte. Für autonome Privatfahrzeuge zeigt sich ein ähnliches Bild.

Hauptgrund für die Bedenken, sich in ein selbstständig fahrendes Auto zu setzen: Mangelndes Vertrauen in die Technik. Gleichzeitig sind die Menschen jedoch auch sehr neugierig. Eine Audi-Umfrage von 2019 stellte bei etwa 80 Prozent von 21.000 Befragten weltweit großes Interesse am Thema fest. Dabei gilt jedoch auch: Jüngere, höher gebildete und wohlhabendere Befragte stehen dem autonomen Fahren aufgeschlossener gegenüber als ältere – und im internationalen Vergleich sind die Deutschen besonders zurückhaltend.

Mehr Selbstbestimmung – und mehr Sicherheit

Bei allen Bedenken gegenüber der Technik gilt jedoch auch: Der größte Risikofaktor im Straßenverkehr ist meist der Mensch selbst. Die Potenziale autonomen Fahrens sind eindeutig – nun gilt es, sie zugänglich zu machen. Modellversuche wie in Bad Birnbach bieten die Gelegenheit, die vermeintlich futuristische Technik aus der Nähe zu erleben. Die autonomen Busse in Nordbayern sind dabei mit einer Reihe technischer Sicherheitsmechanismen ausgestattet: So können die Fahrzeuge ausschließlich auf der vorher programmierten, rund zwei Kilometer langen Route fahren. Müssen unerwartete Hindernisse, etwa parkende Autos, umfahren werden, erledigt der Fahrtbegleiter das per Joystick. Um ganz sicher zu gehen, fahren die Busse aktuell mit maximal 15 Stundenkilometern. Und das Angebot stößt auf Zustimmung: Allein in den ersten zwei Jahren des Modellbetriebs wurden über 40.000 Personen befördert. Weitere Modellversuche mit autonomen Fahrzeugen finden bereits in ganz Deutschland statt: In Hamburg laufen seit einigen Jahren Tests mit einem selbstfahrenden Bus in der Hafencity, in Monheim am Rhein fährt eine autonome Buslinie im Stadtgebiet. Das Bundesverkehrsministerium untersucht in den kommenden Jahren, wie ein Mischverkehr aus autonomen und nicht-autonomen Fahrzeugen aussehen könnte.

Die Technik macht immer weitere Fortschritte – und ist sie erst ausgereift, birgt das autonome Fahren gerade für die ältere Landbevölkerung große Chancen: Wer heute oft auf die Hilfe anderer angewiesen ist, kann seinen Alltag wieder selbstbestimmter bestreiten, gewinnt an Lebensqualität und vereinsamt weniger. Bad Birnbach zeigt, wie das funktionieren kann.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.