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Mit dem Rad. Schnell. Weg.

18.08.2021

Radschnellwege können den Verkehr in den Metropolen entlasten. Berufspendler steigen aber nur auf das Rad um, wenn der Weg gewissen Anforderungen entspricht. Was genau braucht es für den Erfolg, und wie sieht es in den Vorreiterländern aus?

Radschnellweg – ist das nicht ein Oxymoron, also ein Wort, das aus zwei gegensätzlichen Begriffen gebildet wird? Das fragt sich zumindest der Genießer, der am Wochenende ein wenig durch die Umgebung radelt. Die Verkehrspolitik der meisten deutschen Kommunen sieht das Radfahren auch eher als gemächliche Fortbewegung, die teilweise sogar auf dem Gehweg stattfinden könnte.

Störungsfreies und sicheres Radeln

Jeder, der mehr als 5 km am Stück fährt, freut sich über Strecken, die nicht ständig durch Ampeln und Kreuzungen unterbrochen werden – wie eben auf einer leeren Autobahn. Die Schweizerische Vereinigung der Verkehrsingenieure und Verkehrsexperten definiert in einer Studie den Radschnellweg, „Velobahn“ in der Schweiz, folgendermaßen: „Diese hochwertigen Verbindungen vernetzen vor allem Wohngebiete, wichtige Ausbildungs- und Arbeitsstätten, Einkaufs- und Kulturzentren sowie Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs.“

Dabei richten sich die Wege vor allem an Pendler und müssen deswegen „attraktiv, sicher und schnell “ sein. Damit ist gemeint, dass Geschwindigkeiten von mindestens 20 km/h möglich sein sollten. Das erreichen die Verkehrsplaner vor allem mit gutem Fahrbelag und Fahrfluss. Denn besonders das Anfahren senkt den Schnitt. Wenn man ohne Unterbrechung pedalieren kann, dann lassen sich gut längere Distanzen überbrücken. Deutschland, die Rad-Nationen Dänemark und Niederlande treiben das Thema weiter voran und bauen vermehrt Radschnellwege.

Viele Argumente sprechen für den Radschnellweg: Die Erfahrung in den Niederlanden zeigt, dass fünf bis 15 Prozent der Autofahrer auf das Fahrrad umgestiegen sind, wenn eine passende Velobahn in der Nähe lag. Das ist gut für die Gesundheit, entlastet die Innenstädte und wirkt sich positiv auf die Klimabilanz aus.

Radweg in Paris. © Grillot Edouard/Unsplash

Ein Radschnellweg im Selbsttest

Berlin, im Süden der Stadt: Den südlichen Eingang des Parks „Schöneberger Südgelände“ muss man kennen, sonst radelt man vorbei. Von hier startet die Fahrt, es geht knapp zwei Kilometer auf einem gut geteerten Weg immer geradeaus. Bäume fliegen an einem vorbei. Ein Basketballplatz und viele Wiesen säumen den Weg. Dann unterbricht der Bahnhof Berlin Südkreuz den Fahrtfluss und Radfahrer landen plötzlich auf dem Bahnhofsvorplatz und verlieren sich zwischen zahlreichen Bussen und Fußgängern, die zur Bahn hetzen.

Gekonnt navigiert findet man versteckt hinter dem Bahnhofsgebäude vor einem Parkplatz eines Fitnesscenters wieder den Einstieg. Von hier geht es links der Bahngleise wieder ca. zwei Kilometer bis nach Kreuzberg ohne Unterbrechung. Wenn Pendler zwischendrin per Brücke die Seite wechseln, befinden sie sich im Park am Gleisdreieck und fahren auf einem ehemaligen Gleisbett, auf dem ganz neue Wege gebaut wurden. Ohne Ampeln, nur mit teilweise kreuzenden Fußgängern fährt man hier vier Kilometer bis kurz vor den Potsdamer Platz.

Schlangenförmiger Radweg auf einer Brücke in Kopenhagen. © Febiyan/Unsplash

Kopenhagen als Vorbild

Dieser Radweg gehört, trotz seiner Mankos, zu den besseren in Berlin. In den nächsten Jahren sollen aber noch mehr in der Hauptstadt entstehen. Zum Beispiel ein Weg, der den Außenbezirk Wannsee mit Kreuzberg verbindet, ganz nach dem Vorbild der dänischen Radmetropole Kopenhagen. Hier hat man schon längst die Vorteile von Fahrradautobahnen verstanden. Das Ziel ist es, den Fahrradanteil so zu steigern, dass 30 Prozent der Pendelstrecken in der Hauptstadtregion – bei Weglängen von fünf bis 15 Kilometern – mit dem Rad zurückgelegt werden sollen. 20 Kommunen und die Regierung arbeiten daran, ein vereinheitlichtes Netz mit 500 Kilometern Länge zu schaffen. Die Wegführung ist leicht verständlich, Verirren nahezu unmöglich, attraktiv, sicher und schnell. Ein Highlight: Die 16 Fahrradbrücken, die die vom Wasser getrennten Stadtteile miteinander verbinden.

In Kopenhagen sind sie also schon konsequenter als in den deutschen Kommunen. Aber es gibt auch hier Highlights, zum Beispiel die Strecke Darmstadt-Frankfurt, oder den ersten Radschnellweg in Göttingen. Auch der Radschnellweg entlang der Ruhr ist sehr gut ausgebaut. Aber bei vielen anderen Projekten sind bisher nur Teilstrecken realisiert worden, andere sind gar noch komplett in der Planung. Ob wirklich alle Fahrrad-Autobahnen wie geplant in absehbarer Zeit umgesetzt werden? Bedarf besteht auf alle Fälle: Frankfurt hat vor der Corona-Pandemie täglich ca. 400.000 Berufspendler aufgenommen. Kaum jemand fuhr mit dem Rad. Ein vernünftiges Radschnellwegenetz könnte das sicher ändern.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.