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Die besten deutschen Städte zum Radfahren

Amsterdam und Kopenhagen sind anders. Das merken Besucher*innen sofort: Fahrradfahrer, wohin man schaut. Hier ist die Infrastruktur auch auf Radler ausgerichtet: Fahrradstraßen, Fahrradbrücken, breite Radwege, grüne Welle für Fahrradfahrer. Die beiden Städte zeigen, was möglich ist. Können deutsche Städte das auch?

Der Mülleimer in Kopenhagen hat den Aha-Moment ausgelöst. Er steht neben dem Radweg, ist offen und so geneigt, dass man im Vorbeifahren etwas hineinwerfen kann. Und plötzlich war klar: Die Stadt sieht Fahrradfahrer*innen als wichtigste Verkehrsteilnehmer und richtet ihre Infrastruktur konsequent nach ihnen aus. Das hat den positiven Effekt, dass die Anzahl der Menschen, die für ihre täglichen Wege in die Pedale treten, stetig gestiegen ist und heute bei 62% liegt. Und Kopenhagen will noch mehr. In den kommenden Jahren sind bereits weitere Fahrradwege finanziert. Darüber hinaus hat sich die Stadt zum Ziel gesetzt, 2025 die weltbeste Stadt zum Radeln zu werden. Ein ambitionierter Plan, denn die nächsten Konkurrenten Amsterdam und Utrecht haben eine ähnliche gute Infrastruktur, und Radfahren hat dort einen ähnlich hohen Stellenwert. Seit Jahren liefern sich die drei Gemeinden ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Krone der weltweit besten Fahrradstadt.

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Wie bestehen deutsche Städte und Gemeinden den direkten Vergleich? Viele Städte rühmen sich mit der Bezeichnung Fahrradstadt oder Fahrradhauptstadt. Grundlage ist jedoch keine einheitliche Datenerfassung, sondern oft ein nicht-repräsentatives Stimmungsbild. Unterschiedliche Umfragen, Bewertungen und Studien verwirren hier eher, als dass sie Klarheit schaffen. Es stellt sich die Frage: Was wird untersucht? Verkehrsklima, die Fahrradnutzung oder die Qualität der Fahrradinfrastruktur?

Eine Studie mit dem Namen „Copenhagenize Index“ ist Vorreiter und untersucht mit wissenschaftlicher Genauigkeit und gesamtheitlichen Ansatz die weltweit besten Großstädte fürs Fahrrad. Hier wird das Investitionsvolumen für die Radinfrastruktur in die Bewertung einbezogen, darüber hinaus spielen die städtische Radkultur und der politischen Rückhalt für das Radfahren eine wichtige Rolle. Die „Copenhagenize Index“-Herausgeber untersuchen jährlich über 600 Hauptstädte und Städte mit über 600.000 Einwohner*innen. Hier ist die Liste der besten deutschen Städte zum Fahrradfahren aus diesem Index.

Platz 3: Hamburg

Hamburg ist Aufsteiger und Absteiger zugleich. Absteiger im „Copenhagenize Index“, weil andere Städte vorbeigezogen sind und ihre Fahrradinfrastruktur deutlich stärker ausgebaut haben. Aufsteiger, weil immer mehr Hamburger aufs Rad steigen. Der Modal Split stieg von 9% im Jahr 2002 auf 12% im Jahr 2008 und 15% im Jahr 2017. Das Ziel: 2030 sollen 25% der Wege mit dem Rad unternommen werden. Neue Studien bestätigen das Bild, 2020 hat der Radverkehr in Hamburg nochmal um 33% im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Auf einem Radweg hat eine spezielle Anlage im letzten Jahr 2,3 Millionen vorbeifahrende Fahrräder gezählt. Ein Rekord für die Hansestadt. Was ebenfalls für Hamburg spricht: Ein gut funktionierendes, umfangreiches, gefördertes und stationsgebundenes Fahrradverleihsystem. Und auch wenn Helmut Schmidt einmal sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – die Stadt an der Alster überzeugt mit Visionen. Eine davon: Superbüttel. Im Stadtteil Hamburg-Eimsbüttel sollen öffentliche Parkplätze für Grünflächen und Spielplätze weichen. Fußgänger und Radfahrer hätten Vorrang.

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Platz 2: Berlin

Keine Liste ohne Berlin: Hier gibt es mehr Menschen ohne als mit Auto. Grund genug, mehr in den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur zu investieren. Das geschieht in Berlin seit einem erfolgreichen Volksentscheid im Jahr 2016 und dem 2018 ratifizierten Mobilitätsgesetz, das ÖPNV und Radverkehr vermehrt fördern soll. Der Vorstoß bekam mit der Corona-Pandemie weiteren Aufwind. In mehreren Bezirken wurden temporäre Radwege installiert. Eine Möglichkeit, die viele Berliner genutzt haben. Auf den neuen Routen mit Pop-up-Radwegen lassen sich laut einer Studie Radler-Zuwächse von bis zu 200 Prozent registrieren. Die provisorischen Strecken sollen nach und nach in sichere Radwege umgebaut werden.

Berlin hat optimale Voraussetzungen für unsere Top 3: Breit angelegte Straßen mit Platz für Radwege, große Parks, eine junge Bevölkerung, flache Topographie. Aber: Die ambitionierten Pläne sind immer noch recht vage und noch nicht konsequent umgesetzt, so der „Copenhagenize Index“. Die Strategie kommt an ihre Grenzen, sagen auch viele Berliner. Es bleibt spannend in der Hauptstadt.

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Platz 1: Bremen

Bremen ist laut „Copenhagenize Index“ Aufsteiger und im weltweiten Vergleich auf einem stattlichen Platz 11. In Deutschland spielt die Stadt an der Weser auf jeden Fall oben mit und ist unsere Nummer 1. Bremen hat 674 Kilometer Radwege, die von anderen Verkehrsteilnehmern getrennt sind. Eine sehr gute Ausgangssituation zum Fahrradfahren. Das sehen auch die Bremer so und nehmen überdurchschnittlich oft das Rad für ihre Wege. Der Modal Split, der Wert der Verkehrsmittelwahl, liegt bei 25%: ein Spitzenwert in Deutschland. Und Bremen will mehr. Der Verkehrsentwicklungsplan Bremen 2025 sieht den Ausbau mehrerer Radschnellwege vor. Einen von vielen weiteren Maßnahmen für den Radverkehr.

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Außer Konkurrenz: Münster

Münster ist das Kopenhagen von Deutschland – seit jeher. In der westfälischen Universitätsstadt gibt es pro Kopf 1,67 Fahrräder. Im weltweiten Vergleich ist Münster nach Utrecht die fahrradfreundlichste Stadt. Auch beim  Fahrradverleihen pro Einwohner spielt die Stadt international vorne mit. Doch leider findet Münster aufgrund seiner Größe (ca. 315.000 Einwohner) keinen Platz im „Copenhagenize Index“, obwohl sie für viele die deutsche Hauptstadt des Radfahrens ist. Deswegen läuft sie hier außer Konkurrenz.

Bereits in den 1960er Jahren sah die Stadtplanung den Verkehrskollaps kommen und investierte verstärkt in die Fahrradinfrastruktur. Zwischen 1972 und 1984 hatte sich der Radverkehr dann auch vervierfacht. Seitdem lebt Münster von diesem Umschwung und dem Münsteraner Lebensgefühl, für die meisten Wege das Rad zu nehmen. Dabei helfen der Stadt diverse Grundvoraussetzungen: Die nach dem zweiten Weltkrieg fast völlig zerstörte Innenstadt ist weitestgehend für den motorisierten Individualverkehr gesperrt, es gibt kaum Parkplätze, Münster ist flach, die Bevölkerung wird von Studenten geprägt, der ÖPNV ist unbeliebt und in 4,5 Kilometern hat man mit dem Rad die Innenstadt umrundet. So kommt es, dass der Modal Split, der Wert der Verkehrsmittelwahl, seit Jahren bei etwa 40% liegt.

Der einzige Wermutstropfen: Trotz der vorherrschenden Radkultur und den politischen Liebesbekundungen, investierte die Stadt 2020 mit rund 10 Millionen Euro verhältnismäßig wenig in die teilweise marode und in die Jahre gekommene Infrastruktur. Da hilft es, dass Münsteraner*innen ihr Fahrrad, wie Menschen in Amsterdam und Kopenhagen, als Gebrauchsgegenstand sehen. Aufgemotzte Rennmaschinen, multifunktionale Allwetter-Klamotten und Fixie-Rennen sucht man hier vergebens. In Münster wird mit praktischen Alltagsrädern „gefiets“. Meist chic und gemütlich.

Die Lust am Radeln

Die spannendsten Zahlen bei der Suche nach der besten Stadt zum Fahrradfahren, die alle Stimmungsbilder und selbsternannten Titel schnell entkräften oder bestärken, sind die jährlichen Ausgaben je Einwohner für den Radverkehr. Hier wird schnell klar, welche Gemeinde wie viel ändern kann und will. Kopenhagen, der Rekordmeister im weltweiten Ranking, hat seine Investition pro Einwohner von 2018 auf 2020 noch einmal erhöht, von 35 auf 40 Euro. Die besten Städte in unserem Ranking sehen im Vergleich nicht gut aus: Bisher sparen die deutschen Städte eher. Bremen gibt ca. 6,70 Euro aus, Berlin fast 9 Euro, Hamburg 10 Euro, Münster 3 Euro. Die Investitionen könnten jedoch in den kommenden Jahren durch die zunehmende Lust am Pedalieren steigen. Besonders der Vergleich zu anderen Verkehrsakteuren zeigt ein Ungleichgewicht auf: Zum Beispiel gibt die Stadt Heidelberg jährlich 240 Euro für den Straßenverkehr aus, 171 Euro für ÖPNV und sechs Euro für den Radverkehr. So bliebe Kopenhagen in weiter Ferne.

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München mit hohem Potenzial

Und wie steht es mit München, der Gastgeberstadt der IAA MOBILITY 2021? Verkehrsexperten sehen aber ein hohes Potenzial für Wachstum im Radverkehr. Der Anteil der Strecken, die mit dem Rad unternommen wurden, ist zwischen 2002 und 2011 von 10% auf 17% gestiegen. Konkrete Zahlen gibt es noch nicht, aber die Vertreter der Stadt sind sich sicher, dass der Modal Split für das Rad durch die Pandemie nochmal stark gewachsen ist. Das liegt unter anderem auch an den attraktiven Zielen im Umland, die sich mit dem Rad ansteuern lassen – und Routen wie der Fernradweg München–Venezia, der Isarradweg oder die WasserRadlwege Oberbayern laden dazu ein, das Rad so häufig wie möglich zu nutzen. Fest steht, die Fahrradinfrastruktur soll in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Vier provisorische Radwege, die letztes Jahr in München angelegt wurden, bleiben nun erhalten.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.