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Bike-Abo: Das Rad neu erfunden

Warum nicht das Erfolgsmodell von Spotify und Netflix auf das Fahrrad übertragen? Das haben sich die Gründer von Swapfiets gedacht. Die Firma aus Amsterdam hat das Bike-Abo populär gemacht und wächst rasant. Ihre Räder mit blauen Vorderreifen prägen vielerorts das Stadtbild. Swapfiets und seine Konkurrenten wollen die Marktlücke bedienen, die Kaufen, Leasing und Kurzmietmodelle hinterlassen. Kann das klappen?

Bike-Sharing genießt einen zwiespältigen Ruf. Einerseits ist Radfahren gut für die Umwelt und gut für die eigene Gesundheit – praktisch, wenn deshalb immer ein Fahrrad zu Verfügung steht. Hierfür ist Bike-Sharing über feste Dockingstationen ein sehr gut funktionierendes System. In vielen Städten ist die erste halbe Stunde umsonst und als Tourist lässt sich somit die Umgebung einfach erkunden. Chicago, Paris oder Wien sieht man plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive, zum Beispiel sind die Orte zwischen den U-Bahn-Stationen keine weißen Flecken mehr auf der Karte.

Andererseits haben die stationslosen Bikes dem Mobilitätsvorstoß arg geschadet. Anbieter klagen über Vandalismus und Zerstörung. Ein weiteres Problem der Stationslosen: Der harte Konkurrenzkampf führt dazu, dass sich die Leihräder in den Straßen häufen – und am Ende zahlreiche Räder auf dem Schrott landen. Die unfassbaren Bilder von den meterhohen Radmüllbergen aus China bestätigen das.

Die vierte Möglichkeit neben Kaufen, Leasen und Kurzmiete könnte eine Lösung für solche Probleme bieten: Fahrräder im Abo. Jeder, der einmal einen verklebten Lenker eines herumstehenden Mietrads angefasst hat, weiß, dass es einen Unterschied zwischen kurzem und längerem Mieten gibt.

Unternehmen wie Swapfiets bieten Fahrräder im langfristigen Abo an – das funktioniert wie eine Flatrate fürs Rad. Kund:innen mieten für eine monatliche Gebühr. Wenn was kaputt ist, wird das Fahrrad getauscht oder repariert. Beim Diebstahl gibt es gegen eine Gebühr ein neues. Das Ganze nennt Swapfiets „swappen“. Solange man will und es kein Grund zum Swappen gibt, steht das Fahrrad zu Hause zur Nutzung bereit.

Die drei Swapfiets-Gründer entwickelten die Idee für ihr Geschäftsmodell während ihres Studiums. © Swapfiets

Der Glaube an das Bike-Abo bleibt ungebrochen

Der Markt fürs Bike-Abo boomt. Swapfiets ist der erfolgreichste Anbieter. Aber es gibt Herausforderer: Smafo, Dance, Rid.e, E-Bike Abo. Letzteres ist auch Aussteller bei der IAA MOBILITY. Die Fahrräder sind anders, der Preis ist entsprechend der Ausstattung angepasst. Das Abomodell ist aber dasselbe.

Der hippe E-Bike-Anbieter VanMoof hat sich derweil aus dem Abo-Markt zurückgezogen und verkauft seine Räder nur noch. Der Glaube an das Bike-Abo bleibt aber ungebrochen: Vergangenes Jahr konnte Dance 15 Millionen Euro an Wagniskapital einsammeln. Was dem zugrunde liegt: In Deutschland wollen die Menschen Fahrrad fahren. 2020 wurden hier 5 Millionen Fahrräder verkauft, was einem Wachstum von 17 Prozent entspricht. Ob sich die potentiellen Käufer auch für ein Abo entscheiden würden, bleibt fraglich. Aber die Lust, Fahrrad zu fahren, steigt stetig.

Swappen statt kaputt in den Keller stellen

Der Unterschied zum Leasen, so wie es der deutsche Versandhändler und IAA MOBILITY-Aussteller fahrrad.de als Jobrad anbietet: Das Jobrad ist, wie der Name andeutet, an den Job geknüpft. Die Leasinggebühr wird wie beim Firmenwagen vom Bruttogehalt abgezogen. Beim Abo hingegen braucht man den Arbeitgeber nicht inkludieren und man bindet sich nicht länger als einen Monat an das Angebot. Aber: Zwei Jahre Mieten bei Swapfiets kosten knapp 500 Euro – dafür werden hochwertige Räder zum Kauf angeboten. Ein gekauftes Rad muss anders herum repariert und gepflegt werden. Nach ein paar Jahren häufen sich die Werkstattbesuche. „Uns fiel auf, dass die Leute um uns herum sehr schlechte Fahrräder fuhren. Und dass es sie nervt, wenn sie sie zur Reparatur bringen müssen", sagt Steven Uitentuis, einer der Swapfiets-Gründer. Und hier finden Swapfiets und Co. eine potenziell breite Nische: In Deutschland gibt es knapp 80 Millionen Fahrräder, die Hälfte davon steht wahrscheinlich kaputt und ungenutzt im Keller.

Typisch für Swapfiets sind die markanten blauen Vorderräder. © Swapfiets

Swapfiets im Selbsttest

Im eigenen sechsmonatigen Test hat das Rad alles überstanden, was man einem Rad in der Stadt zumuten kann. Es ist schwerfälliger als ein Rennrad, aber dafür auch robuster – deswegen auch „fiets“. Der Begriff bezeichnet im Niederländischen liebevoll das robuste Alltagsfahrrad. Die hochwertige Shimano-Nabenschaltung funktioniert beim Swapfiets einwandfrei. Das Fahrrad mit dem blauen Vorderreifen ist serienmäßig mit Licht, Schutzblech, Gepäckträger und Schloss ausgestattet. Mehr Ausstattung braucht kein Commuter-Bike. Die monatliche Gebühr ist für die Ausstattung fair. Auf die Frage, wie Swapfiets ein hochwertiges Rad im Wert von von schätzungsweise 600 Euro für 20 Euro im Monat anbietet, kann es fast nur eine Antwort geben: Economy of Scale. Das heißt, das Businessmodell von Swapfiets lohnt nur, wenn viele Kund*innen Räder mit dem blauen Reifen fahren.

Hier scheinen die Gründer von Swapfiets auf das richtige Rad gesetzt zu haben. Bis Ende 2021 sollen die Zahl der Nutzer von heute 220.000 auf 300.000 wachsen.

(Aufmacherfoto: © VanMoof)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.