© Unsplash / Nguyen

Auto als mobiler Schutzraum

10.02.2021

Corona verändert nicht nur die Arbeitswelt sondern auch die Mobilität: Das Auto wird zum Rückzugsort. Das Nachsehen haben der öffentliche Nahverkehr und das Reisen per Zug oder Flugzeug. Warum der eigene Wagen besonders in Zeiten von Corona boomt.

Der Individualverkehr hat im Zuge der Corona-Pandemie massiv an Bedeutung gewonnen. Um Kontakte einzuschränken, sind viele Menschen mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs. Erwartungsgemäß hat der öffentliche Nahverkehr erheblich an Zustimmung verloren: 56 Prozent der Deutschen meiden derzeit die Öffis. 67 Prozent finden U- und S-Bahnfahren als (sehr) unsicher, den Bus 66%, das Flugzeug 60% und den Zug 59%. Angebote für Car- und Ridehailing haben ebenfalls an Attraktivität verloren. 40% empfinden die Dienste aktuell als zu unsicher. 87 Prozent der Verbraucher weltweit bevorzugen dagegen das eigene Fahrzeug. Am Anfang der Pandemie in 2020 waren es 57 Prozent. Das Auto avanciert dabei als Zufluchtsort vor dem Corona-Virus, das Sicherheit und körperliches Wohlbefinden gewährleistet. Dies hat eine aktuelle Befragung von Capgemini ergeben.

Aufbauend auf den Ergebnissen der Studie „COVID-19 and the Automotive Consumer – How can Automotive Organizations re-engage Consumers and reignite demand?“ vom vergangenen Frühjahr befragte das Forschungsinstitut der Unternehmensberatung im Herbst erneut 11.000 Verbraucher aus elf Ländern, um weitere Erkenntnisse über die Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten in Zeiten von Corona zu gewinnen. Obwohl die Mehrheit in der Krise deutlich weniger mobil war als zuvor, nutzt ein Teil der Autofahrer ihren Pkw heute mehr denn je. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten in China: Jeder zweite Chinese fährt nun mehr mit dem Auto. In Deutschland ist es jeder Vierte. Das offenbart mit der Continental Mobilitätsstudie 2020 eine weitere Untersuchung.

„Die Corona-Pandemie hat die Erwartungen an die Mobilität verändert. Die Verbraucher möchten zunehmend mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs sein, legen mehr Wert auf Gesundheits- und Sicherheitsaspekte und bevorzugen digitale Interaktionsmöglichkeiten beim Fahrzeugkauf.“

Rainer Mehl, Executive Vice President im Bereich Automotive bei Capgemini und Co-Autor der Studie

Pandemie schickt Automobilmarkt auf Talfahrt

Trotz der Vorteile eines eigenen Wagens, hat das nicht die Nachfrage beflügelt. Fast 60 Prozent der geplanten Autokäufe in Deutschland wurden im April 2020 wegen Covid-19 verschoben. Schließlich ist die Verunsicherung groß: Ansteckungsgefahr, Lock- und Shutdowns, Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust – Millionen von Existenzen sind bedroht. Jeder dritte Deutsche hat nach Angaben des Marktforschungsunternehmen Appinio aktuell Angst vor persönlichen finanziellen Auswirkungen. Auch die Einschränkung der Mobilität und Reisefreiheit ist Anlass, mit einer Anschaffung zu warten. Der Verband der Automobilindustrie hat kürzlich ein Resümee für 2020 geliefert: In nahezu allen Ländern der Welt gingen die Verkäufe teils drastisch zurück. Europa musste den größten Rückgang mit rund 25 Prozent verbuchen. In den USA sind die Verkäufe um fast 15 Prozent eingebrochen. China kam mit minus sechs Prozent vergleichsweise glimpflich davon. Im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie wird von Experten jedoch mit einer steigenden Nachfrage gerechnet. Der Anteil der Verbraucher weltweit, die in den nächsten zwölf Monaten ein eigenes Auto kaufen möchten, liegt bei 46 Prozent; 39 Prozent bei deutschen Verbrauchern.

Comeback des Autos bei den Jüngeren

Junge Erwachsene, die noch kein Fahrzeug besitzen, denken wieder öfter als früher über eine Anschaffung nach. Die Capgemini-Studie zeigt, dass 59 Prozent der 18- bis 35-Jährigen erwägen, in den nächsten zwölf Monaten ein Auto zu kaufen. Die Absicht wird durch eine Kombination aus günstigen Autokrediten und staatlichen Anreizprogrammen für Elektrofahrzeuge gestärkt. Aber auch Leasing- und Abo-Angebote gewinnen an Attraktivität: Über ein Drittel der Befragten weltweit möchte lieber ein Abonnement abschließen oder ein Auto leasen statt es zu kaufen. Bei den 18- bis 35-Jährigen liegt dieser Anteil weltweit bei rund 50 Prozent, in Deutschland sogar bei über 60 Prozent. Die Mehrheit der interessierten Kunden möchte dabei den gesamten Kaufprozesses – von der Suche nach ersten Informationen bis zum Aftersales – weitestgehend kontaktlos durchführen.

Die Studie zeigt, dass fast die Hälfte (49 Prozent) der Verbraucher nur noch Online-Kanäle nutzen möchte, um nach Informationen über Autos zu suchen, vor der Covid-19-Pandemie waren es 39 Prozent. Das hat dazu geführt, dass die Automobilhersteller den Direktvertrieb über digitale Kanäle kurzerhand weiter ausgebaut haben. In den letzten Monaten ist auch das Interesse am Einsatz von AR/VR-Technologien stark gestiegen: 85 Prozent der Befragten bevorzugen AR/VR-Tools, um Modelle, Farben und Funktionen bei der Auswahl eines Autos zu vergleichen. Dennoch wollen sieben von zehn Befragten auch künftig in ein Autohaus gehen, um vor dem Kauf spezifische Fragen zu klären. Über die Hälfte, die den Kauf eines Fahrzeugs in Erwägung ziehen, wollen übrigens ihre Wünsche herunterschrauben und bevorzugen ein Auto im unteren Preissegment. Zudem sind Hygienefeatures wichtiger geworden sind: So wünschen sich 85 Prozent spezielle Luftfilter, Überwachung der Luftqualität und den Einsatz von sterilisierenden UV-LEDs bietet – alles geeignet, um den Schutzraum Auto weiter aufzurüsten.

(Aufmacherfoto: © Unsplash / Nguyen)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.