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Smart Cities: Städte von morgen

13.01.2021

Leise, grün und am besten vernetzt: Weltweit entstehen neue Stadteile und Quartiere mit intelligenten Gebäuden und Verkehrskonzepten.

Seit jeher ziehen Städte Menschen an: Arbeit, Bildung, Wohlstand – je größer ihre Hoffnung ist, desto schneller wächst die Stadt. Der Anteil der Menschen, die in urbanen Gebieten leben, nimmt weiter zu. 2005 kletterte der Anteil der städtischen Bevölkerung erstmals über 50 Prozent. Im Jahr 2050 werden laut UN-Prognose 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Noch ist der Großraum Tokio mit 38 Millionen Menschen die Stadt mit den meisten Einwohnern. Nichts im Vergleich zur geplanten Megametropole Jing-Jin-Ji – einem Zusammenschluss der Städte Beijing und Tianjin mit der Provinz Hebei. Eine Fläche zweimal so groß wie Bayern. Sie soll im Jahr 2030 mehr als 130 Millionen Chinesen eine Heimat bieten. Die Herausforderungen für Politiker, Stadtplaner und Ingenieure sind angesichts dieser Entwicklungen immens. Straßennetze und öffentliche Verkehrssysteme halten schon heute kaum Schritt mit dieser Entwicklung. In Asien ist das Dilemma am offensichtlichsten: Während man im 494 Meter hohen World Financial Center in Shanghai mit dem Aufzug rund zehn Meter die Sekunde nach unten rauscht, geht es vor der Tür nur im Schritttempo voran. In Städten wie Jakarta, Sao Paulo oder Manila erinnern die Straßenzüge zur Rushhour eher an Parkplätze.

@ Daimler AG
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Das Problem betrifft aber schon lange nicht mehr nur aufstrebende Nationen, sondern auch Metropolen in Europa. Allerorten wird deshalb darüber diskutiert, wie Städte umweltfreundlicher und grüner werden, während die Bewohner weiter mobil bleiben. Für die Umgestaltung des städtischen Verkehrs sprechen zum Beispiel die Zukunftsforscher von Daimler mit Kommunen und Experten verschiedenster Disziplinen: Stadtplanern, Architekten, Fahrzeugbauern. Ihr Credo: Wer Menschen davon überzeugen will, genau das Verkehrsmittel zu nutzen, das sie schnell und effizient ans Ziel bringt, muss das Umsteigen bequem machen. Und zwar an den Stadtgrenzen genauso wie in der Stadt selbst. Künftige Mobilitäts-Hubs sind ihrer Vision nach wichtiges Bindeglied für sämtliche Verkehrsmittel für den städtischen Raum: zu Carsharing-Fahrzeugen, Leihfahrräder, zu fahrerlosen Shuttles, zu Flugtaxis oder Seilbahnen.

„Wir erforschen, wie sich die Gesellschaft und ihre Werte verändern werden, um auf das urbane Leben von morgen und übermorgen schließen zu können.“

Marianne Reeb, Zukunftsforscherin der Daimler AG

Schaufenster für urbane Mobilität

Wenn es um den stadtgerechten Verkehr in der Zukunft geht, richten sich die Blicke in Europa gerne nach Kopenhagen, Amsterdam und Barcelona, die ihre Verkehrsströme digitalisieren und umlenken sowie mehr alternative Mobilitätsformen zum Auto integrieren. In Asien sind die Metropolen Hongkong und Singapur zu Laboren für nachhaltige Mobilität avanciert. Die Menschen leben hier auf engstem Raum und wollen zugleich rund um die Uhr in Bewegung bleiben. Beide zeichnet ein fast perfekt funktionierender ÖPNV aus. Zudem verliert das Privatauto zunehmend an Prestige und für die meisten Bürger ist es aufgrund horrender Steuern und Lizenzkosten sowieso unerschwinglich. Außerdem hat die Regierung Anfang 2018 eine Obergrenze für Fahrzeuge erlassen. Und so mausert sich der Inselstaat sich immer mehr zum Großlabor für urbane Mobilität: multimodale Mobilitäts-Apps, selbstfahrenden Busse und Taxis, Minishuttles sowie Lösungen für die Mikromobilität wie elektrisch-betriebene Tretroller werden im städtischen Raum in Partnerschaft mit Start-ups, OEMs und Zulieferern auf die Straße gebracht. Das liefert Inspirationen und neue Ansätze für Städte auf der ganzen Welt, um ihre organisch gewachsenen Strukturen und Verkehrsmuster zu verbessern.

Masdar City in 2030 aus der Vogelperspektive © Masdar City
Masdar City in 2030 aus der Vogelperspektive © Masdar City

Städte vom Reißbrett

Und manche fangen bei Null an: Stadtplaner und Architekten stampfen neue Quartiere oder ganze Kleinstädte komplett neu aus dem Boden. Masdar City ist so ein Beispiel und startete 2008 im Wüstenstaat Abu Dhabi als erste ökologische Planstadt der Welt. Energieautark und nachhaltig soll die Kleinstadt für fast 50.000 Menschen werden. Die Energie bezieht sie aus Wind- und Solarkraft: Ein gigantischer Photovoltaikpark mit einer Produktionskapazität von 17.500 Megawattstunden ist dazu entstanden. Windkraftanlagen ringherum wurden errichtet. Kein anderer als Sir Norman Foster plante ein Modell nach dem Vorbild historischer, arabischer Siedlungen mit niedrigen und gedämmten Häusern, engen Gassen, kleinen Plätzen und einer Stadtmauer. Die Architektur soll nicht nur den heißen Wüstenwind aus Masdar halten, sondern insbesondere viel Schatten spenden. Um bis zu zehn Grad kühler ist es im Vergleich zum Umland. Die Fassaden der Häuser sind dafür eigens nach oben hin schräg gebaut. Zudem sorgen versetzten Balkone und Sonnensegel für zusätzlichen Schatten. Inspiriert von der arabischen Baukunst ist auch der 45 Meter hohe Windturm im Zentrum. Diese fängt die Luftzirkulation und lenkt sie, von Wassernebel runtergekühlt, nach unten in die engen Gassen. Und solarbetriebene Entsalzungsanlagen sorgen für aufbereitetes Meerwasser, das in die zahlreichen städtischen Springbrunnen gepumpt wird.

Verkehr auf verschiedenen Ebenen

Nur ist die Entwicklung von Masdar-Stadt noch nicht so vorangeschritten, wie es anfangs geplant war. Eines der visionärsten Ziele, ein emissionsfreies Verkehrssystem für die Stadt, bleibt weiterhin Utopie. Geplant war ein Verkehrssystem auf drei Ebenen: Wer die Kleinstadt von außerhalb besucht, sollte mit der Hochbahn aus Abu Dhabi kommen oder sein Auto an einem der Parkhäuser am Stadtrand abstellen. Vor dort geht es weiter mit führerlosen Kabinenfahrzeugen im Untergrund ins Zentrum oder zum gewünschten Ziel. Die Gondeln sollen bis 1.500  einprogrammierte Ziel anfahren können und keinem festen Fahrplan, sondern den Wünschen der Passagiere folgen. Auch der Transport von Waren für Geschäfte und Firmen sowie von Abfällen zur Recyclinganlage sollte auf dieser Ebene erfolgen. Auf der erdgeschossigen Ebene sollen sich in erster Linie Fußgänger und Fahrräder bewegen, allerdings ist das Privatauto weiterhin präsent. Es wurde sogar nachträglich Parkgarage unter den Häusern geschaffen. Als Jahr des Endausbaus wird nunmehr 2030 anvisiert. Wie dann der Verkehr final ausgestaltet ist, wird sich zeigen.

Über 30.000 Menschen leben bereits in Songdo, zugleich wurden mehr als 30.000 vor Ort geschaffen. © Kohn Pedersen Fox Associates PC
Über 30.000 Menschen leben bereits in Songdo, zugleich wurden mehr als 30.000 vor Ort geschaffen. © Kohn Pedersen Fox Associates PC

Kommt mit der Smart City die Überwachung?

Bei Projekten wie der „Smart City Songdo“ in Südkorea prägen Digitalisierung und künstliche Intelligenz die neuen Metropolen, wo die Daten der Menschen mit der Infrastruktur wie Straßen und Häuser vernetzt werden. Seit 2003 befindet sich die Planstadt im Bau. Sie liegt am Gelben Meer, südwestlich von Seoul entfernt. Songdo will alles besser machen als andere Städte der Gegenwart: Leben nah am Arbeitsplatz statt ewiges Pendeln sowie von Anfang Fokus auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit statt ständiges Nachjustieren und Flickwerklösungen. Die Emissionen sind zum Beispiel 70 Prozent geringer als bei vergleichbaren Stadtflächen. Das alles ermöglicht eine Menge Hightech. Unzählige Sensoren und eine alles umspannende digitale Vernetzung sorgen für Effizienz: Wie viel Strom wird gerade in den Gebäuden benötigt? Wo ist die Straßenbeleuchtung gerade sinnvoll und wo geht im Moment ohnehin niemand lang? Wo herrscht ein hohes Verkehrsaufkommen?

Das städtische Kontrollzentrum kennt die Antworten und reagiert in Echtzeit. Dazu laufen hier sämtliche Daten zusammen, um je nach Bedarf einzugreifen. Haustechnik, Infrastruktur, Ampelschaltungen, alles lässt sich zentral von hier steuern. Auch das Abfallmanagement ist perfekt orchestriert: Aus den Häusern und Büros gelangt der Müll über ein unterirdisches Entsorgungssystem in Sortier- und Recyclinganlagen, wird verklappt oder zur Energiegewinnung verbrannt. Zudem sind Kameras allgegenwärtig – vom öffentlichen Raum bis in die Häuser. Sie registrieren jedes Auto und erstellen Bewegungsmuster von Menschen. Die Verwaltung verspricht seinen Bürgern dadurch mehr Sicherheit. Im Endeffekt ist das Leben in Songdo komplett überwacht. Und das 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Jeder, der hier wohnt oder arbeitet, muss sich bewusst sein, dass er Teil einer permanenten Datenerhebung ist.

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.