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Elektromobilität: Musterland Norwegen

27.11.2020

Sie bauen keine Autos, aber dafür ohne Ende Ladestationen! In Norwegen haben E-Fahrzeuge den höchsten Marktanteil. Eine flächendeckende Ladeinfrastruktur und staatliche Förderungen beflügeln den Siegeszug der Elektromobilität. Wie macht Norwegen das?

Während allerorts über Elektromobilität geredet wird, fahren in Norwegen inzwischen sechs von zehn Neuwagen ganz oder teilweise mit Strom. Nirgendwo in Europa gibt es mehr Elektroautos pro Kopf als in dem skandinavischen Land mit gerade einmal 5,35 Millionen Einwohnern. Inklusive Plug-in-Hybriden besteht die Gesamtflotte aus 430.000 wiederaufladbaren Fahrzeugen, davon sind 300.000 rein batterieelektrische Autos. Längst werden die Zulassungsstatistiken von E-Modellen angeführt. Jedes zweite E-Auto das im hohen Norden verkauft wird, kommt dabei von deutschen Herstellern. War in diesem Jahr lange Zeit der Audi E-Tron der Verkaufsschlager, ist seit September der ID.3 von Volkswagen das Maß aller Ding. Der ehemalige Platzhirsch Tesla erlitt im Vergleich zum Vorjahr dagegen einen herben Umsatzeinbruch von fast 40 Prozent und ist im Ranking auf Platz 7 gerutscht. Im internationalen Vergleich liegt Norwegen 2020 hinter China, Deutschland, USA, Frankreich und Großbritannien als wichtigster Absatzmarkt auf Rang 6. In Deutschland wurden nach Angaben des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) 2020 bislang über 250.000 Elektroautos zugelassen. Wie hat es also Norwegen geschafft, die Elektromobilität soweit voranzubringen?

Die Weiten Norwegens lassen sich ganz einfach per E-Gefährt entdecken - Coypright: eMobility Flam
Die Weiten Norwegens lassen sich ganz einfach per E-Gefährt entdecken - Coypright: eMobility Flam

Staatliche Anreize für Elektromobilität

Vorab: Mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist Norwegen einer der reichsten Länder der Welt. Das Land kann es sich leisten, ambitionierte Ziele zu stecken: Ab dem Jahr 2025 sollen nur noch emissionsfreie Autos zugelassen werden. Schon seit dem Jahr 1990 fördert die Politik die E-Mobilität mit weitreichenden Förderprogrammen, die in zeitlichen Abständen überarbeitet und der Marktlage angepasst werden. Das hat im Land der Wikinger zur Folge, dass ein Volkswagen e-Golf weniger kostet als ein gewöhnlicher VW Golf, obwohl der Importpreis des Stromers deutlich höher ist. Der Grund: Bei der Zulassung eines Autos mit Diesel- oder Ottomotors fallen in der Regel Extrasteuern an, die auf Emissionen und Gewicht basieren. Die Mehrwertsteuer schlägt zudem mit 25 Prozent zu Buche. Diese entfällt bei rein elektrisch-betriebenen Autos und Plug-in-Hybriden gänzlich. Und so summiert sich die staatliche Besteuerung beim herkömmlichen VW Golf auf fast 12.000 Euro. Halter müssen keine Kfz-Steuer zahlen und Firmenwagen kommen ebenfalls in den Genuss von Steuerreduzierungen. Obendrein haben Elektroautos im alltäglichen Straßenverkehr in Norwegen Vorfahrt. In den Städten dürfen Fahrer die Busspuren benutzen, selbst in der Rushhour. Und da es in Norwegen schnell mal passiert, dass die breite und gut ausgebaute Straße an einem kleinen Hafen endet, kosten Fähren für Elektroautos die Hälfte. Bis 2017 waren sie sogar gebührenfrei. Mittlerweile müssen Fahrer von Elektrofahrzeugen mit dem „EL“-Kennzeichen Mautgebühren zahlen und dürfen nicht mehr kostenlos parken. Das Ticket darf jedoch maximal 50 Prozent kosten. Ende 2021 werden die Förderanreize wieder neugemischt.

Ladesäule mitten im Nirgendwo - Copyright: Aiomag.de
Ladesäule mitten im Nirgendwo - Copyright: Aiomag.de

Flächendeckende Ladeinfrastruktur

Ein weiterer Pluspunkt: Den Norwegern steht eine massiv ausgebaute Infrastruktur zur Verfügung. So gibt es heute landesweit über 10.000 öffentliche Ladesäulen. Auf fast allen Hauptverkehrsstraßen finden sich heute jede 50 Kilometer mindestens zwei Schnellladesäulen. Das Land hat für den Ausbau sogar eine eigene staatliche Firma gegründet, die den Ausbau kontinuierlich vorantreibt. Das reiche Norwegen ist energetisch in einer perfekten Ausgangslage. 99 Prozent des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Wasserkraft. Die E-Autos fahren also praktisch CO2-neutral. Doch der Nachfrageboom hat auch ein Schattensein. Die Autobauer kommen nicht mit der Produktion nach. Die Norweger müssen lange Wartzeiten in Kauf nehmen. Zudem muss man an einigen öffentlichen Ladestationen viel Geduld mitbringen. In Oslo wurde deshalb Anfang 2019 entschieden, dass das Laden von Elektroautos auf kommunalen Parkplätzen aufgrund der hohen Fahrzeugdichte künftig nicht mehr kostenlos ist.

Vorbild für Deutschland?

Was kann Deutschland von Norwegen lernen, um die Elektromobilität auch hierzulande voranzubringen? 2015 wurde das Elektromobilitätsgesetz EmoG verabschiedet, das Elektrofahrzeuge Sonderrechte einräumt, bspw. reservierte Parkplätze zum Tanken, Fahrten auf Busspuren, Teilbefreiung von Parkgebühren oder Ausnahme von Zufahrtsbeschränkungen. Letztendlich liegt die Entscheidung für jede Maßnahmen jedoch bei den Städten und Kommunen. Und so sind die Regelungen von Ort zu Ort unterschiedlich. Vor kurzem wurde die Förderung erhöht: Seit 2020 profitieren private und gewerbliche Käufer von attraktiven Kaufprämien für neue Elektrofahrzeuge, die sie beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle stellen können. Diese beträgt beispielswiese für ein reines Batteriefahrzeug mit einem Nettolistenpreis von bis zu 40.000 Euro seit Mitte des Jahres 9.000 Euro. Ein großes Manko bleibt in Deutschland aber die Ladeinfrastruktur auf dem Land und in Ballungsgebieten. Zahl und Leistung der Ladesäulen, die bisher bereitstehen, reichen bei weitem nicht aus. Denn der Ausbau der E-Mobilität geht schneller voran als der Ausbau der Erneuerbaren. Deshalb fordern Experten beschleunigte Planungsverfahren, Genehmigungen für E-Stationen an Tankstellen, den Ausbau von Ökostrom und eine Befreiung des Ladestroms von der EEG-Umlage. Der Engpass wird umso gravierender, je mehr Elektrofahrzeuge auf die Straße kommen. Allein die deutschen Hersteller bieten ein breites Spektrum an E-Fahrzeugen an. Derzeit sind es über 70 Modelle, bis Ende 2023 werden es sogar 150 sein.

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