© Bugatti Automobiles S.A.S.

Der Perfektionist des Autobaus: Ettore Bugatti

28.12.2020

Die Marke Bugatti steht seit über 100 Jahren für außergewöhnliche Fahrzeuge. Ihr Namensgeber Ettore Bugatti war ein genialer Konstrukteur und Designer, der selbst Alltagsgegenstände wie Angeln oder Nudelmaschinen zum Besseren machte. Noch heute prägt sein Stil die Edelkarossen aus dem Elsass.

Ettore Bugatti ist der legendäre Gründer von Bugatti und einer der wichtigsten Pioniere des Automobilbaus. Er lernte an der Mailänder Kunstakademie den Beruf des Bildhauers und absolvierte danach eine Ausbildung bei einem Fahrradfabrikanten, wo er ein motorisiertes Dreirad entwarf. Danach widmete er sich dem Autobau. Von früh an machten moderne, fließende Linien und stilistische Eleganz die automobilen Entwürfe von Bugatti zu etwas Besonderem. Denn für ihn waren seine Fahrzeuge weit mehr als reine Fortbewegungsmittel – jedes Auto war ein Kunstwerk auf Rädern, bei dem die Form der Funktion folgt. Der Designgrundsatz „form follows function“ beglückt nicht nur das Auge, sondern es steckt immer eine Funktionalität dahinter. Selbst die Motoren und Anbauteile konzipierte Ettore so, dass sie eine einzigartige Ästhetik erhielten. Der Firmengründer stellte seine ästhetischen und funktionalen Ansprüche selbst an Alltagsgegenstände. Wenn er damit nicht zufrieden war, optimierte er diese häufig oder produzierte sie gleich selbst. Dazu zählen unter anderem eine Nudelmaschine mit Lenkrad, Besteck und Miniaturautos, Rasiermesser, Fahrrad- und Motorradrahmen sowie Sicherheitsschlösser, Sessel, Schraubstöcke, Pferdegeschirr, sogar Fensterjalousien und eine Angelrute. Im Laufe seines Lebens ließ Ettore Bugatti etwa tausend Erfindungen patentieren, viele davon stehen nicht in direkter Verbindung zum Automobil. Bei seinen automobilen Schöpfungen ließ er sich von Architektur, Bildhauerei und Möbeln inspirieren. Vor allem sein Vater Carlo, zeitlebens Möbel- und Modedesigner, war eine Art Spiritus Rector für ihn. In dessen Möbelstücken wie Stühle, Tische und Raumdekorationen fanden sich oft verschiedene Formen der Ellipse. Ettore übersetzte einige geometrische Ideen in seine Fahrzeuge. Der hufeisenförmige Kühler als prominentes Designelement war eine davon – bis heute unverkennbares Markenzeichen Bugattis. Auch das Logo-Emblem, die berühmte „Macaron“-Plakette aus emailliertem Metall und Sterlingsilber, ist oval.

Ettore Bugatti entwickelte für seinen jüngsten Sohn Roland eine Miniaturversion des Bugatti Typ 35 © Bugatti Automobiles S.A.S.
Ettore Bugatti entwickelte für seinen jüngsten Sohn Roland eine Miniaturversion des Bugatti Typ 35 © Bugatti Automobiles S.A.S.

„Ein Bugatti lässt sich anhand der ikonenhaften Front mit dem einzigartigen Kühlerdesign schon von Weitem als solcher identifizieren.“

Achim Anscheidt, heutiger Bugatti-Chefdesigner

Haute Couture des Autobaus

Bugatti war ein Perfektionist und Exzentriker, der Geschwindigkeit liebte. 1903 erreicht er mit dem von ihm entwickelten „De Dietrich 60 CV Course Type 5“ über 100 km/h. Von dem Rennwagen entstehen innerhalb von zwei Jahren nur zwei Exemplare. Zwischen 1904 und 1906 unterstützt Bugatti bei den „Hermes-Simplex“-Modellen der gleichnamigen Firma. 1906 wechselt Ettore zur Gasmotorenfabrik Deutz AG in Köln. Mit dem „Bugatti Deutz Prinz Heinrich Type 9 C“ wird ein Rennwagen gebaut, der über 140 km/h schnell fährt. Der Type 10 gilt als Ettores erster eigener Entwurf und damit als erster echter Bugatti. Im selben Jahr gründet der Italiener seine eigene Fahrzeugmarke und baut den „Type 13“, der zum Verkaufsschlager avanciert. Mit dem Nachfolger „Type 35" knackt Bugatti die 200-km/h-Marke und gewinnt mit seinen Fahrern zwischen 1924 und 1930 rund 2.000 Rennen – manchmal saß der Chef höchstpersönlich am Steuer. Der Achtzylinder gilt noch heute als erfolgreichster Rennwagen aller Zeiten. Sein Vorteil: das geringe Gewicht. Bugatti setzte wie kein Zweiter kompromisslos auf Leichtbau und bestmögliche Fahrbarkeit. Hinzu kam ein schlichtes und elegantes Design mit einer schlanken Hülle und einem Spitzen Heck. Die Ruhm sprach sich rum: Vermögende Industrielle und Adlige, deren Leidenschaft der Rennsport waren, wollten seine Autos. Während sich die damaligen Automobilbesitzer bevorzugt chauffieren ließen, waren Bugattis erste Wahl für passionierte Selbstfahrer.

© Bugatti Automobiles S.A.S.
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Mit dem „Type 41 Royale“ präsentiert Bugatti 1926 das bis dahin größte und luxuriöseste Automobil der Welt. Die technische Schönheit und die Qualität der verwendeten Materialien sprengten den bis dato üblichen Status quo. Den Wagen gab es als Cabriolet, Pullman-Limousine mit längerem Radstand, Reiselimousine mit Klappverdeck und als Zweitürer. In der Coupé-Version verständigt sich der Fahrgast mit dem Fahrer über eine elektrische Gegensprechanlage. Eine weitere Besonderheit: Der Royale besitzt als einziger Bugatti eine Kühlerfigur – ein tanzender Elefant. Das Ornament wurde von Rembrandt Bugatti entworfen, Ettores Bruder. Der Luxus hat seinen Preis: Mindestens 100.000 Reichsmark kostete das Gefährt, zehnmal mehr als andere Bugatti-Modelle. Doch die Weltwirtschaftskrise und ihre Nachwehen hemmten Kaufinteressenten. Nur sechs Fahrzeuge werden gebaut, lediglich vier davon werden verkauft. Noch heute existieren alle sechs Royale-Fahrzeuge. Sie zählen zu den exklusivsten und teuersten Fahrzeugen der Welt. Aber Bugatti ist nicht nur ein genialer Autobauer, sondern gewiefter Geschäftsmann. Er modifiziert Royale-Motoren als Aggregate für Triebwagen für die französische Staatseisenbahn. Schon während des Ersten Weltkrieges entwickelte Bugatti Flugmotoren. Ab 1932 übernimmt Sohn Jean die Konstruktionsabteilung und entwirft Modelle wie den „Typ 57“ und den „Typ 59“. Insgesamt schuf die Marke bis 1962 rund 80 Modelle.

Jeder Bugatti hat nicht nur eine faszinierende Seele, sondern auch eine wunderschöne Heimat. Der Stammsitz des Unternehmens im Elsass zeigt, warum Bugatti eine der begehrtesten Automarken der Welt ist. © Bugatti Automobiles S.A.S.
Jeder Bugatti hat nicht nur eine faszinierende Seele, sondern auch eine wunderschöne Heimat. Schon der Stammsitz des Unternehmens im Elsass zeigt, warum Bugatti eine der begehrtesten Automarken der Welt ist. © Bugatti Automobiles S.A.S.

Molsheim – seit 111 Jahren Heimat Bugattis

Das elsässische Molsheim liegt 25 Kilometer südwestlich von Straßburg, am Ausläufer der Vogesen. Es ist ab 1909 die Heimat der Bugattis. Hier konzipiert und baut Ettore Bugatti mit Unterbrechungen seine außergewöhnlichen Autos. 1928 erwirbt Ettore Bugatti das Château St. Jean mit einem sechs Hektar großen Park. Unter ihm dient das Gebäude fortan als Kulisse für seine Luxusautos und als Empfangshaus für Kunden. Nach dem Tod 1947 Ettore Bugattis übernimmt sein Sohn Roland die Arbeit, bis das Unternehmen 1956 in Konkurs geht und die Tore der Manufaktur endgültig nach 47 Jahren schließen. Rund 8.000 Bugatti-Fahrzeuge sind bis zu diesem Zeitpunkt gebaut worden. 1990 gibt es einen Neuanfang. Nach über 30 Jahren erweckt der italienische Unternehmer Romano Artioli mit dem Supersportwagen „EB110“ die Marke erneut zum Leben. „EB“ steht für Ettore Bugatti, „110“ für seinen 110. Geburtstag. 3,5-Liter-V12-Motor, vier Turbolader und eine Leistung zwischen 560 und 610 PS. Von 0 auf 100 km/h sprintet der Bolide in bis zu 3,3 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 351 km/h – damit ist er das schnellste Serienfahrzeug seiner Zeit. 1998 sichert sich Volkswagen unter seinem damaligen Vorstandsvorsitzenden Ferdinand K. Piëch die Namensrechte an Bugatti. Piëch will Bugatti zurück an jene Stelle zu führen, wo sie zu ihrer Hochblüte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren war – an die automobile Weltspitze. Mit einem Prototyp des „Bugatti 18/3 Chiron“ präsentiert sich die Marke schon 1999 auf der IAA in Frankfurt mit einem Coupé der Extraklasse. Es ist die Wiederauferstehung einer Legende und für Bugatti eine neue Zeitrechnung – die der Hypersportwagen der Moderne.

„Bugatti muss stets das Außergewöhnliche bieten. Das Unübertroffene. Das Optimum. Nur das ist Bugatti. Die Spitze der gesamten Automobilwelt.“

Ferdinand K. Piëch (1937 - 2019)

Keine Roboter, nur Handarbeit: Montage eines Bugatti © Bugatti Automobiles S.A.S.
Keine Roboter, nur Handarbeit: Montage eines Bugatti © Bugatti Automobiles S.A.S.

Der Mythos Bugatti heute

Es ist ein Kontrast, der im Automobilbau wohl einmalig ist: Das Château St. Jean ist heute wieder Stammsitz der Marke. Es wurde unter Ägide des bekannten Architekten Gunter Henn umfangreich restauriert. Auch zwei dazugehörende Remisen erstrahlen in neuem Glanz: Die Remise Nord beherbergt jetzt eine kleine Ausstellung historischer Fahrzeuge und Büroräume. Die Remise Süd ist eine Customer Lounge, in der Kunden ihre Fahrzeuge konfigurieren. Noch heute produziert Bugatti seine Sportwagen per Handarbeit im „Atelier“: Mitten auf einer grünen Wiese in Sichtweite des Châteaus St. Jeans, steht die Fertigungsstätte mit dem Grundriss eines Ovals, in Anlehnung an das Logo der Marke. Während der ehrwürdige Familiensitz und die Remisen die lange Tradition der Marke repräsentieren, steht das Atelier für Gegenwart und Zukunft. Das Gebäude beherbergt die Montageplätze, Büros und Aufenthaltsräume. Seit dem 3. September 2005 entstehen hier im Durchschnitt zwei Fahrzeuge pro Woche. Fließband und Roboter sind bei Bugatti nicht zu finden. Hier wird wie in der Werkstatt eines Formel 1-Rennstalls in Boxen gearbeitet. 2.000 Einzelteile montieren die Mitarbeiter pro Unikate. Rund neun Monate benötigt ein Bugatti in der Regel von der Konfiguration bis zur Auslieferung. Je außergewöhnlicher die Wünsche der Kunden bei Materialien, Farben oder anderen Details, desto mehr Zeit wird benötigt. Immer noch eine einmalige Arbeitsweise. Kunden können während der Produktion ins Atelier, um den Werdegang ihres Fahrzeugs persönlich zu verfolgen. Wer will, darf sogar für einen Tag an „seinem“ Sportwagen mitarbeiten. Seit 2004 ist der Deutsche Achim Anscheidt Chefdesigner im Unternehmen und führt den Mythos Bugatti in die Zukunft.

(Aufmacherfoto: © Bugatti Automobiles S.A.S.)

Die IAA MOBILITY wandelt sich von einer reinen Autoshow zur internationalen Mobilitätsplattform mit vier Säulen: Dem Summit, der Conference, der „Blue Lane“ und dem innerstädtischen Open Space. Unter dem Motto „What will move us next“ steht sie für die digitale und klimaneutrale Mobilität der Zukunft. Vom 7. bis 12. September 2021 kommen die Auto-, Fahrrad- und Tech-Industrie auf der IAA MOBILITY in München zusammen.