IAA MOBILITY Weekly: Born to be electric

27.11.2020

Leises Summen statt dröhnendes Brummen: Harley-Davidson schmiedet seine ersten Pedelecs. Derweil steigt in Deutschland das Interesse an besonderen Zapfanlagen. In Japan jagen Zugentwickler Temporekorde, in der Bundesrepublik soll die Bahn bald klimaneutral sein. Das und mehr im vierten IAA-Mobilitäts-Weekly.

Copyright: Harley-Davidson

The Lead: Born to be electric

„Beinhart wie'n Rocker, Beinhart wie'n Chopper, Beinhart wie'n Flasch Bier, Beinhart geht das … Pedelec ab hier”, röhrt es vielleicht bald aus urigen Biker-Stuben. Denn einer der kultigsten Motorradhersteller der Welt, die US-amerikanische Stahlfabrik Harley-Davidson, produziert jetzt stylische E-Bikes. Kein Scherz, eher Ausdruck eines gesunden Bewusstseins für einen wachsenden E-Bike-Markt in Europa und den Vereinigten Staaten. Wie groß die Nachfrage auf der anderen Seite des großen Teichs ist? 2019 importierten US-Händler 270.000 E-Bikes. Dieses Jahr werden es nach Zahlen des Medienunternehmens Bloomberg bereits zwischen 500.000 und 600.000 eingeführte Pedelecs sein.

Die Motorrad- und Fahrradschmiede aus Milwaukee, Wisconsin, liefert ihre betont wuchtigen E-Bikes ab dem Frühjahr aus. Gleich mehrere Radtypen sind in der „Serial 1” verfügbar. Der Name der ersten Kollektion ist dabei eine Hommage an die erste Harley-Davidson aus dem Jahr 1903. Die ersten E-Bikes der Firma kosten zwischen 3.400 und 5.000 Dollar. Entwickelt wurden die elektrischen Harley-Bikes von einem Projektteam, das sich aus Fahrrad- UND Motorrad-Spezialisten zusammensetzt. „Sie designten und entwickelten ein E-Bike, das den Namen Harley-Davidson verdient trägt”, ließ der Hersteller mitteilen.

Infrastruktur Update: E’zapft is!

Es sind keine guten Monate für die Hersteller von Zapfanlagen gewesen. Volksfeste fielen aus, Restaurants sind dicht. Deutschlandweit wurden zwischen Januar und Juli 2020 etwa 300.000.000 Liter Bier weniger getrunken als im Vorjahreszeitraum.

Die Krisenstimmung gärt allerdings nicht bei allen Produzenten von Abfüllanlagen. Denn Ladesäulen für Elektrofahrzeuge sind dank des konsistenten Wachstums im Bereich der E-Mobilität immer stärker gefragt. Mehr und mehr E-Fahrer und -Fahrerinnen wollen die Energie für ihre Stromer aus privaten Ladesäulen zapfen.

Laut der Deutschen Presse Agentur (DPA) seien innerhalb der ersten 24 Stunden nach Bekanntwerden des neuen bundesweiten Infrastruktur-Förderprogramms 16.000 Anträge für mehr als 20.500 private Ladepunkte beim zuständigen Ministerium eingegangen. „Das gab es so noch nie. Das zeigt: Wir liegen goldrichtig mit unserer Förderung. Mit den richtigen Anreizen schaffen wir es, dass die Menschen auf klimafreundliche E-Autos umsteigen. Laden muss überall und jederzeit möglich sein”, sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer der DPA.

Privatpersonen, die sogenannte „Wallboxen” kaufen und samt Stromanschluss installieren, erhalten einen Zuschuss in Höhe von 900 Euro. Die Förderung gilt allein für fabrikneue Ladestationen. Auch dürfen die Charging Points nicht öffentlich zugänglich sein. Die staatlichen Subventionen sollen den Umstieg deutscher Autofahrer auf umweltfreundlichere Alternativen beschleunigen und das poröse Ladenetz flicken.

Zitat der Woche: Mehr Zug drin

Der „Shinkansen” ist der große Stolz der japanischen Mobilitätsindustrie. Der Hochgeschwindigkeitszug mit der charakteristischen Entenschnabel-Front verbindet beispielsweise die Metropolen Tokio und Osaka. 515 Kilometer in exakt zwei Stunden und 24 Minuten – das dutzende Male am Tag, teilweise im Zehn-Minuten-Takt. Doch zuletzt gab es auch Missmut: Die Bahnen hatten durchschnittlich 54 Sekunden Verspätung. Taifune und Erdbeben? Das sind keine Ausreden.

Die Ingenieure setzen in der neuesten Entwicklungsstufe des Japan-Expresses also auf noch mehr Geschwindigkeit: 360 Kilometer pro Stunde statt lasche 320. Bei jüngsten Testfahrten tanzte sich die Tachonadel an die 385 heran. Fernsehreporter Naoki Hashimoto äußerte sich – für japanische Verhältnisse – beinahe ekstatisch.

„Wir fahren sehr schnell, aber der Tee auf dem Tisch wackelt kaum. Das Geräusch im Zug ist auch fast das gleiche wie im bisherigen Shinkansen.“

Naoki Hashimoto, Fernsehreporter

Zahl der Woche: 11

Wenigstens an der Tanke hat das Jahr 2020 Spaß gemacht. Die Spritpreise sanken mehrmals auf rekordverdächtige Tiefs. Doch dieser freudige Trend wird sich zum Jahreswechsel womöglich umkehren. Der Ölpreis stieg zuletzt beinahe auf Vorkrisen-Niveau, während der CO2-Preis in Höhe von 25 Euro pro Tonne Rohöl sowie das Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung die Preise erneut hochtreiben könnten. Der ADAC prognostiziert, dass sich die Kosten für einen Liter Sprit um 10 bis 11 Cent erhöhen werden.

LinkedIn Top-Voice der Woche

Der TIER-Gründer Lawrence Leuschner gilt als deutscher E-Roller-Pionier und will “Mobilität zum Wohle der Umwelt” verändert.

Innovation Update: Die von der Wasserstoff-Gang

Wasserstoff ist ein beliebtes Element. Sogar Punks wie Toten-Hosen-Sänger und Opelgang-Mitglied Campino vertrauten in den 90er-Jahren darauf und bleichten sich die Haare mit Wasserstoffperoxid platinblond. Ein paar Jahre hielt sich der Trend in Jugendzeitschriften und Szeneklubs.

Voll in Mode ist Wasserstoff jetzt auch bei der Deutschen Bahn. Die möchte bis 2050 klimaneutral für Mobilität sorgen. Rattert ein beträchtlicher Teil des Fuhrparks bereits mit Ökostrom (60 Prozent der Energie kommt aus regenerativen Quellen) über die Gleise, muss die Bahn für das ehrgeizige Ziel noch 1.300 Dieseltriebzüge ersetzen. Diese schnauben über Trassen, die noch keinen Stromanschluss besitzen und voraussichtlich mittel- und langfristig auch keinen bekommen werden. Insgesamt verfügen 13.000 Kilometer Schiene (etwa 39 Prozent des deutschen Gesamtnetzes) über keine Oberleitungen. Die Bahn will Züge auf diesen kaum befahrenen Strecken künftig mit Wasserstoff antreiben. Die entsprechenden Loks entwickelt der deutsche Technologie-Headliner „Siemens”. 2024 soll der Probebetrieb der Wasserstoffzüge im Raum Tübingen starten. Reichweiten von bis zu 600 Kilometern sollen für die W-Loks perspektivisch möglich sein.

Siemens Mireo - Copyright: Siemens Mobility

Schon gewusst… dass Audi seine Fahrzeuge bald komplett CO2-neutral fabrizieren möchte? Zwei Standorte des Ingolstädter Mobiliätsunternehmens etablieren bereits umweltfreundliche Maßstäbe. In Brüssel und Györ (Ungarn) produzieren die Fabriken bilanziell CO2-neutral. Audi arbeitet dabei mit Solaranlagen, Biogas und Ausgleichszertifikaten. Auf dem Werk in Györ glitzert zudem das größte Solardach Europas. Dieses erzeugt jährlich 9,5 Gigawattstunden Strom. Durch Investitionen in die Infrastruktur sollen die weiteren Standorte in Ingolstadt, in Neckarsulm und San José Chiapa (Mexiko) rasch nachziehen. „Indem wir unsere Produktionsstandorte CO2-neutral stellen und diesen Anspruch konsequent in die Lieferkette tragen, sorgen wir dafür, dass unsere Autos mit einem geringeren CO2-Rucksack beim Kunden ankommen”, erklärte Produktionsvorstand Peter Kössler der DPA.